US-Konjunktur: "Die Steuern werden steigen"

US-Konjunktur: "Die Steuern werden steigen"

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Jan Hatzius ist USA-Chefvolkswirt von Goldman Sachs

In den USA gibt es die ersten zarten Aufschwungsignale: Wall-Street-Ökonom Jan Hatzius über die Lage der US-Konjunktur und die Regulierungspläne von Barack Obama.

WirtschaftsWoche: Herr Hatzius, Goldman Sachs hat im ersten Quartal einen Milliardengewinn erwirtschaftet und jüngst staatliche Finanzhilfen von zehn Milliarden Dollar zurückgezahlt. Auch andere US-Banken sind wieder in den schwarzen Zahlen. Heißt das: Die Finanzkrise ist vorbei?

Hatzius: Sagen wir es so: Die Lage ist mittlerweile beherrschbar. Bei den Banken dürften zwar weitere 500 Milliarden Dollar als Rückstellung für wacklige Kredite notwendig werden. Bei den Abschreibungen auf Wertpapiere hingegen haben wir das Schlimmste hinter uns. Der Gewinn vor Steuern und Kreditkosten des US-Bankensektors liegt bei schätzungsweise 250 Milliarden Dollar pro Jahr. Das heißt, man kann die noch zu verbuchenden Rückstellungen innerhalb von zwei Jahren absorbieren. Die negativen Spill-over-Effekte des Finanzsektors auf die Realwirtschaft werden nun spürbar abnehmen.

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Hat die Finanzkrise zu einem Lerneffekt und Sinneswandel in Ihrer Branche geführt?

Wenn Sie mit Wall-Street-Ökonomen sprechen, kann man diesen Eindruck bekommen. Es hat sich in den Köpfen etwas geändert. Die meisten Banker und Analysten befürworten mittlerweile regulative Bremsmechanismen am Finanzmarkt.

Ebenso die amerikanische Regierung – Präsident Barack Obama will die Notenbank zum Superaufseher über systemrelevante Banken und Versicherungen machen. Ist das der richtige Weg?

Das ist sinnvoll. Sicher, keine Institution ist perfekt, und die Fed hat während des Booms eine Menge Fehler gemacht. Der ehemalige Notenbank-Chef Alan Greenspan hat bei der Bankenregulierung eine zu starke Laissez-faire-Politik betrieben. Doch wer außer der Fed sollte die neue Aufsichtsfunktion denn sonst übernehmen? Der Börsenaufsicht SEC fehlt dazu das makroökonomische Know-how.

Die US-Regierung hat die amerikanischen Banken einem sogenannten „Stresstest“ unterzogen. Sollte die Europäische Union dies auch mit ihren Geldhäusern tun?

Absolut, denn das bringt das Vertrauen der Bürger und Märkte zurück. Der Stresstest war in den USA ein großer Erfolg. Ich hatte mir zunächst Sorgen gemacht, dass die von der Regierung zugrunde gelegten Szenarien zu optimistisch ausfallen würden. Das ist – im Großen und Ganzen – nicht eingetreten.

Auch die Realwirtschaft in den USA stabilisiert sich. Die Auftragseingänge der Industrie sind im Mai überraschend gestiegen, andere Frühindikatoren zeigen ebenfalls nach oben. Ist die konjunkturelle Talsohle erreicht?

Die US-Wirtschaft wird den Boden beim realen Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal erreichen; ab dem dritten Quartal rechne ich wieder mit positivem Wachstum. Insgesamt dürfte die US-Wirtschaft in diesem Jahr um drei Prozent schrumpfen. 2010 rechne ich mit einem Plus von 1,2 Prozent.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Der private Konsum in den USA hat sich stabilisiert. Zweitens: Die Konjunkturprogramme der Regierung und die Geldpolitik entfalten zunehmend ihre Wachstumswirkungen – wir erleben ja derzeit monetär und fiskalpolitisch das umfangreichste Anti-Krisen-Paket aller Zeiten. Und drittens bringt der normale Lagerhaltungszyklus starke Impulse für das verarbeitende Gewerbe. Die Lager haben sich zuletzt in einem enormen Tempo geleert. Wenn die Unternehmen diese nun wieder auffüllen, treibt das die Auftragseingänge und die Produktion nach oben. Diesen Effekt wird es bald auch in Europa und Deutschland geben.

Bleibt die Frage, wie nachhaltig das ist. Sehen Sie nicht die Gefahr einer „Erwartungsblase“ – also einer wachsenden Lücke zwischen schlechten realen Zahlen und positiven Frühindikatoren?

Natürlich gibt es die Gefahr eines Rückschlags. Dass die Konjunktur einen V-Verlauf nimmt, ist wenig wahrscheinlich. Gegenwind kommt vor allem durch die steigende Sparquote der Amerikaner. Die lag lange Zeit nahe null, ist mittlerweile auf fünf Prozent gestiegen und dürfte nach unseren Prognosen bis auf acht Prozent klettern. Und jeden Dollar, die der Konsument spart, kann er eben nicht ausgeben.

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