US-Präsidentschaftswahlkampf: Obamas große Berlin-Show

US-Präsidentschaftswahlkampf: Obamas große Berlin-Show

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Barack Obama in Ramallah: In Berlin hält er die einzige öffentliche Rede seiner einwöchigen Auslandstour.

Heute hält US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama an der Berliner Siegessäule eine Rede. Damit erreicht die Obama-Mania nun auch Deutschland. Die Erwartungen an Obama sind hoch – doch letztlich dient der Auftritt nur einem einzigen Zweck. Obamas Auftritt in Berlin soll sein außenpolitisches Profil schärfen und ist Teil einer ausgeklügelten Werbestrategie.

Das Plakat geizt nicht mit Symbolik: Ein markantes Profil blickt vor dunkelblauem Hintergrund in die Ferne. Den dürftigen Einsatz von Farben kompensiert ein hellblauer Schriftzug, der sich schräg nach oben zieht und den Star des Abends für Donnerstag, den 24. Juli 2008 ankündigt: Senator Barack OBAMA, Tiergarten, Einlass ab 16 Uhr.

Wie einen Popstar preist Obamas Wahlkampfteam seine Rede vor der Berliner Siegessäule an. Mit mehr als 100.000 Zuhörern rechnet US-Experten Gary Smith, Direktor der American Academy. Umfragen zeigen, dass eine große Mehrheit der Deutschen Obama zum US-Präsidenten wählen würde, wenn sie könnten. Kein Zweifel, Deutschland liegt im Obama-Fieber - und die Erwartungen an eine einzige Rede eines US-Präsidentschaftsbewerbers steigen immer höher.

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Hohe Erwartungen an Obama

Die Deutsche Wirtschaft erhofft sich von Obamas Rede Aufklärung über seine Position zur Handelspolitik. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sieht in Obamas Besuch „eine große Chance für eine Erneuerung des transatlantischen Verhältnisses“.  FDP-Chef Westerwelle wünscht sich klare Bekentnisse zur Abrüstung, zu Freihandel und Menschenrechten. Die Grünen wiederum erwarten von Obama ein stärkeres Engagement im Kampf gegen den Klimawandel.

Gut möglich, dass Obama heute einige Politiker enttäuschen wird. Fest steht laut seinem Wahlkampfteam nur Folgendes: Zuerst trifft Obama Bundeskanzlerin Merkel. Danach wird er  vor der Siegessäule rund 35 Minuten lang über die transatlantischen Beziehungen sprechen und seine Vision der US-Außenpolitik vermitteln.

Abkehr von Bushs Hardliner-Kurs

Die Deutschen fühlen sich – zurecht – geschmeichelt, dass Obama in Berlin die einzig öffentliche Rede seiner einwöchigen Auslandsreise hält. In den letzten acht Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA massiv verschlechtert. Mit seiner Visite will Obama ein Zeichen setzen, dass seine Außenpolitik viel stärker auf Konsens setzen wird als jene des amtierenden Präsidenten George W. Bush.

Doch bei aller Euphorie für den charismatischen Präsidentschaftskandidaten geraten einige wichtige Fakten in Vergessenheit. In den letzten Tagen hat Obama einen wahren außenpolitischen Marathon absolviert: Er war in Afghanistan, im Irak, traf den jordanischen König und besuchte Israel. Nach seinem Auftritt in Berlin fliegt er weiter nach Paris und trifft dort den französischen Präsidenten Sarkozy.

Obamas große PR-Masche

Obamas „Road Show“, wie sie der US-Journalist John Dickerson im Online-Magazin Slate beschreibt, dient einem einzigen Zweck: Seinen US-Wählern zu beweisen, dass er auch in außenpolitischen Belangen firm ist.

Denn bei der Frage, ob Barack Obama oder sein republikanischer Widersacher John McCain ein guter Oberbefehlshaber wäre, führt McCain mit großem Abstand. Selbiges gilt auch für die Frage, wer von beiden genügend außenpolitische Erfahrung für das höchste US-Amt mitbringt.

Obamas Auftritt in Berlin soll nun sein außenpolitisches Profil schärfen und ist Teil einer ausgeklügelten Werbestrategie. Frankreich und Deutschland gelten als Länder, in denen der amtierende US-Präsident George W. Bush besonders verhasst ist. Damit hat Obama als klarer Gegner des Bush-Kurses leichtes Spiel.

In sämtlichen bereisten Ländern wurde der Präsidentschaftskandidat mit allen diplomatischen Ehren empfangen. Damit die US-Wähler das auch mitbekommen, hat Obama auch die Nachrichtensprecher der drei größten US-Fernsehketten im Schlepptau. In der letzten Woche dominierten Obamas außenpolitische Gehversuche die US-Berichterstattung. Dem händeschüttelnden Obama konnte McCain kaum wirksame Bilder entgegensetzen. McCains Wahlkampfteam blieb nichts anders übrig, als sich über die „Liebe“ der Medien zu seinem Rivalen zu mokieren – und ihm wegen seines fast schon prophetischen Auftretens einen neuen Spitznamen zu verpassen: „The One“, also der Auserwählte.

Spott für Obama

Ein wenig Spott hat Obama auch in Kommentaren der renommierten US-Medien abbekommen. Maureen Dowd, die scharfzüngige Kolumnistin der New York Times, beschrieb Obamas Auftreten so: „Er verhält sich so, als wäre er bereits auf einer Münze abgebildet.“ Michael Hersh vom US-Magazin Newsweek bezeichnet Obamas Reise als „Ich bin ein Commander“-Test – und erinnert nochmals daran, dass dies „kein diplomatischer, sondern vor allem ein politischer Besuch eines Mannes ist, der noch nicht zum Präsidenten gewählt wurde.“

Obamas Rede in Berlin wird unter besonderer Beachtung der Medien stehen. Und genau deshalb sollte man sich davon auch keine bahnbrechenden Erkenntnisse über Obamas mögliche Außenpolitik erhoffen. Die erhält man eher, wenn man den spannenden Blogeintrag von Newsweek-Journalist Fareed Zakaria über Obamas mögliche Außenpolitik liest.

In Berlin wird sich Obama möglichst staatstragend geben – und mit vielen wohlgewählten Worten möglichst wenig Inhaltliches preisgeben. Denn eines sollte man bei aller Begeisterung über den charismatischen Präsidentschaftskandidaten nicht vergessen: In erster Linie ist Obama Politiker.

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