US-Vorwahlkampf: Die lustigen Zeiten sind vorbei

US-Vorwahlkampf: Die lustigen Zeiten sind vorbei

, aktualisiert 05. Dezember 2011, 17:35 Uhr
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Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten.

von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

Die Republikaner lieben Anti-Politiker mit radikalen Ideen. Doch nach dem Abgang Herman Cains versammeln sie sich ausgerechnet hinter zwei alten Polit-Haudegen. Aber einer von ihnen muss gegen Präsident Obama bestehen.

WashingtonEs war ein Abgang ganz nach seinem Geschmack. „Nach vielen Gebeten“, rief Herman Cain seinen geschockten Fans zu, „werde ich heute meine Kandidatur ums Präsidentenamt aussetzen“. Es habe einfach zu viele „Ablenkungen“, zu viele „Verletzungen“ gegeben. Politik sei eben ein „schmutziges Spiel“. Reue? Eigene Fehler? Nicht für den schillerndsten aller Präsidentschaftskandidaten der Republikaner in diesem merkwürdigen Rennen. 

Cains Auftritt am Samstag in Atlanta ist das vorläufige Ende einer Kampagne, die so schräg war, dass viele glauben, es sei alles nur ein riesengroßer Spaß gewesen, für Fernsehruhm und um ein Buch zu verkaufen. Der zu Beginn des Jahres weitgehend unbekannte Ex-Chef der Pizzakette „Godfather’s“  schaffte es mit markigen Sprüchen, simplen Antworten und viel Entertainment zum Liebling der religiös-rechten Tea Party und zum Umfragekönig. Doch dann stolperte der 65-Jährige über den Vorwurf sexueller Belästigung und eine angebliche Affäre vor vielen Jahren.

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Cain sagt, er sei unschuldig und das Opfer einer Schmutzkampagne. Was er nicht sagt: Die republikanischen Wähler hatten schon vor dem Auftauchen der ersten Beschuldigungen begonnen, das Interesse an ihm zu verlieren. Anfangs hatten sie seine Inszenierung als Antipolitiker, als Geschäftsmann, als lustiger Außenseiter geliebt – doch am Ende war das eben nicht genug.

Denn als Cain plötzlich im Rampenlicht stand, leistete er sich einige Aussetzer: Er konnte seine eigene Radikal-Steuerreform „9-9-9“ nicht richtig erklären, bei komplexen Themen wie Libyen oder Pakistan rang er oft hilflos nach Worten. Dass er niemals ein politisches Amt innehatte, wurde in den Augen der Wähler vom Vorteil zum Nachteil. Denn sie sahen ein: Cain wäre im direkten Duell mit Präsident Barack Obama untergegangen. Das Redetalent des Demokraten ist gefürchtet.

Und das, nichts anderes, scheint die Parteimitglieder fünf Wochen vor den ersten Vorwahlen zu interessieren: Wer hat das Zeug dazu, Obama aus dem Weißen Haus zu vertreiben? Zwar steht die einflussreiche Tea-Party-Bewegung auf krawallige Außenseiter und hasst das Washingtoner Establishment. Noch mehr hasst es die Partei aber, bei den Wahlen im Herbst zu verlieren.

Und so verengt sich das Feld nach Cains Entzauberung auf nunmehr zwei Kandidaten, denen niemand abstreitet, dass sie das Zeug zum Präsidenten hätten: der Ex-Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney. Und der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich.


Gingrich profitiert von Cain Rückzug

Ausgerechnet Gingrich. Der 68-Jährige ist der erfahrenste Polit-Dino im Kandidatenfeld, ein Grauer Herr par excellence. Mehr als 20 Jahre im Kongress und weitere Jahre als politischer Berater und Strippenzieher haben ihn zum Washington-Insider gemacht, wie man nur Washington-Insider sein kann. Gingrich, der in den 90er Jahren schon Präsident Bill Clinton das Leben schwer gemacht hatte, konnte sich in den TV-Debatten bislang behaupten und vertritt Ansichten, die der Tea Party schmeicheln. Seine Frauengeschichten hat man ihm offenbar verziehen.

Abtrünnige Cain-Fans hatten den Polit-Veteran zuletzt an die Spitze der Umfragen katapultiert. Sollte Cain sich demnächst auch noch öffentlich für ihn aussprechen, wofür einiges spricht, dürfte es schwer werden, Gingrich noch einzuholen.

Doch da ist auch noch Mitt Romney. Der 64-Jährige gilt als Mann der Mitte und als ewiger Wendehals, und die Radikalen in der Partei verabscheuen ihn dafür. Doch er ist als Ex-Gouverneur und Ex-Präsidentschaftskandidat 2008 erfahren in der Politik, als Gründer des Finanzinvestors Bain Capital kennt er sich auch in der Wirtschaft aus. Und er macht eine gute Figur in der Öffentlichkeit, was wichtig ist, schließlich muss der Kandidat bei der breiten Bevölkerung ankommen.

Und so, auch das ist eine Merkwürdigkeit dieses Wahlkampfes, hielt sich Romney über die vergangenen Monate gegen all die anderen Kandidaten wacker. Er ist der einzige, der stets in den Umfragen auf den vorderen Plätzen lag, während die Konkurrenten um ihn herum aufstiegen und fielen.

Dafür sind die Radikalkonservativen in der Partei verantwortlich: Jeder wurde mal angetestet, und je radikaler er war, desto besser. Hauptsache, Romney wird es nicht. Erst beknieten sie Immobilen-Tycoon Donald Trump, ins Rennen einzusteigen. Vergebens. Dann hoben sie die Tea-Party-Radikale Michele Bachmann auf den Schild, danach den texanischen Gouverneur Rick Perry – und schließlich Herman Cain. Doch keiner konnte sich lange der Unterstützung sicher sein. Kommentatoren und Gegner spotteten über den „Flavor of the week“, die „Sorte der Woche“.

Auf einen Kandidaten muss sich die Partei aber Anfang kommenden Jahres einigen. Wer es auch wird, eines haben die vergangenen Wochen gezeigt: Es wird kein schillernder Außenseiter sein. Die Republikaner kommen zu Sinnen. Die lustigen Zeiten sind vorbei.

Quelle:  Handelsblatt Online
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