Clinton vs. Trump: Der Krieg der Worte

us-wahlClinton vs. Trump: Der Krieg der Worte

von Christopher Schwarz, Dieter Schnaas

Amerika im rhetorischen Ausnahmezustand. Die beiden Kandidaten haben sich gegenseitig beschimpft und verunglimpft. In den Echokammern der sozialen Medien verschwimmt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn.

Das Phänomen ist aus Hirnforschung und Werbepsychologie bekannt: Man muss nur oft und laut genug ein Wort, einen Satz wiederholen, damit er sich festsetzt und einbrennt in den Köpfen des Publikums. Damit er heimisch wird in den neuronalen Schaltkreisen. Schwarze sind faul zum Beispiel und Mexikaner Vergewaltiger. Amerika ist heruntergekommen und Washington korrupt. Bernie Sanders spinnt und Hillary Clinton lügt. Lauter Sätze des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, die dem Publikum in Serie eingehämmert werden, in Interviews, Reden und Tweets.

Mehr als 200 Mal hat Donald Trump seine Konkurrentin auf dem Kurznachrichtendienst Twitter geschmäht: „Crooked Hillary“, „betrügerische Hillary“. Das Wort ist zum rhetorischen Fallbeil geworden im Wahlkampf der Republikaner, zu einem Gladiatorenurteil, das keine Argumente und Gründe braucht – zum Vehikel eines Hasses, der sich seine eigene, binäre Wirklichkeit schafft.

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Hillary, so versichert der New Yorker Immobilientycoon in Tausenden von Tweets, sei nicht nur „sehr dumm“, sondern auch eine „pathologische Lügnerin“, eine „Heuchlerin“ und „Betrügerin“ – „crooked Hillary“. Das hässliche Epitheton soll sich der Antipodin wie ein Stigma aufprägen, nicht durch den Nachweis ihrer Unglaubwürdigkeit, sondern durch schiere Wiederholung. Eine simple, aber wirkungsvolle Manipulation, die wie ein unbewusster, gegen jeden Einwand immunisierter Sprachreiz funktioniert und berechenbare Reflexe auslöst. Jedenfalls bei den Trump-Anhängern, die sich Clinton gar nicht mehr anders denken können als „crooked“. Und siehe da, sie skandieren: „Sperrt sie ein!“ und „Tötet sie!“.

Das Wahlrecht und Wahlsystem der USA

  • Wer ist wahlberechtigt?

    Alle US-Bürger ab dem 18. Lebensjahr, die ihren Wohnsitz in einem der 50 Bundesstaaten oder in der Hauptstadt Washington haben, sind wahlberechtigt. Das sind etwa 219 Millionen Menschen. Wählen dürfen aber auch im Ausland lebende US-Bürger wie beispielsweise Soldaten oder Diplomaten.

  • Wer darf nicht wählen?

    Bewohner von Außengebieten, wie etwa Puerto Rico, dürfen nicht wählen. Auch illegale Einwanderer sowie Personen, denen aufgrund von Straftaten das Wahlrecht aberkannt wurde, sind nicht wahlberechtigt.

  • Was muss man tun, um wählen zu können?

    Wer wählen will, muss sich in Eigenverantwortung registrieren lassen. Die Termine und Regeln dafür unterscheiden sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Die bestehenden Hürden für eine Registrierung sind ein Grund für die relativ geringe Wahlbeteiligung in den USA.

  • Wahlbeteiligung im internationalen Vergleich

    Die Wahlbeteiligung in den USA ist im internationalen Vergleich schwach. Bei der Abstimmung zwischen Barack Obama und Mitt Romney im Jahr 2012 lag sie bei 54,87 Prozent.

    In Deutschland machten bei der Bundestagswahl 2013 rund 71,5 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Recht Gebrauch.

    Bei der französischen Präsidentenwahl 2012 gaben 80,35 Prozent des Wahlvolks ihre Stimme ab.

    In Belgien, wo Wahlpflicht herrscht, waren es 2014 sogar 89,68 Prozent.

    Die Wahlbeteiligung bei der britischen Unterhauswahl 2015 lag dagegen bei 66,1 Prozent.

    In Osteuropa ist die Neigung, sich an Wahlen zu beteiligen, noch deutlich niedriger. In Litauen etwa betrug die Quote bei der diesjährigen Parlamentswahl im ersten Wahlgang 50,55 Prozent, im zweiten nur noch 38 Prozent.

  • Das Mehrheitswahlrecht: The winner takes it all

    In den USA wählen bis auf zwei Ausnahmen alle Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht. In 48 Staaten gilt das „Winner-takes-all“-Prinzip - der Gewinner bekommt alles. Das bedeutet, wer eine einfache Mehrheit in einem Staat gewinnt, vereint alle Wahlmänner des betreffenden Staates auf sich - egal, ob der Vorsprung nun riesig oder nur hauchdünn ist. Es ist vergleichbar mit der Erststimme bei der Bundestagswahl, mit der die Wahlkreiskandidaten gewählt werden. Eine Zweitstimme wie in Deutschland gibt es in den USA nicht.

  • Kritik am System

    Das „Winner-takes-all“-Prinzip ist umstritten. Kritiker bemängeln, Stimmen gingen verloren, weil in jenen Staaten, die immer nur für Demokraten oder Republikaner stimmen, Wähler gar nicht erst zur Abstimmung gehen. In Staaten wie Kalifornien oder New York, die traditionell mit großer Mehrheit demokratisch wählen, findet deshalb kaum Wahlkampf statt, genauso wenig wie in traditionell republikanischen Staaten wie Oklahoma oder Kansas.

    In den Staaten Maine und Nebraska, die vier beziehungsweise fünf Wahlmänner stellen, gilt das „Winner-takes-all“-Prinzip in abgeänderter Form. Dort werden nur zwei Wahlmänner oder -frauen nach diesem Prinzip verteilt. Die anderen Stimmen werden proportional zum Wahlergebnis vergeben.

Sogar für Viertklässler verständlich

Trumps Wut-Vokabeln zielen auf die Ausschaltung der Vernunft. Er will starke Emotionen wecken, die die Realität außer Kraft setzen. Er will von politischen Fakten nichts wissen, damit Stimmungen zum politischen Faktor werden. Zu den unschlagbaren Vorteilen von Trumps aggressiver Schlagwort-Rhetorik gehört ihre Eingängigkeit, seine Lust an der hohlen Phrase. Amerikanische Linguisten haben festgestellt, dass Trumps Sprache, sein bei öffentlichen Auftritten herausgeschleudertes Stakkato kurzer, einfacher Sätze, bei weniger Gebildeten besser ankommt als bei College-Absolventen. Mehr noch: Sie wird sogar von Viertklässlern verstanden.

Die Konkurrenten sind Trump zwar auf den Fersen, vor allem die aus der eigenen Partei. So kommunizierte der Chirurg Ben Carson, einer von Trumps republikanischen Widersachern im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur, bereits auf Sechstklässler-Niveau. Doch tiefer als Trump reicht keiner herunter. Um Hillary Clinton zu verstehen, muss man schon Achtklässler sein. Und für die Botschaften des zornigen Antikapitalisten Bernie Sanders sind Amerikaner erst ab 16 empfänglich. Und selbst das ist nichts im Vergleich zum amerikanischen Gründervater George Washington, der sich mit seiner „Farewell Address“ von 1796 auf schwindelerregendem Hochschulniveau bewegte.

Ein Indiz für den Verfall der politischen Rhetorik? Im Zeitalter der Massendemokratie wirkt Politik nur, wenn sie in klarer, verständlicher Sprache vorgebracht wird. Darin setzt Donald Trump empirisch belegbare Maßstäbe: Keiner brauchte weniger Zeichen, weniger Silben pro Wort in seiner Antrittsrede als Kandidat, schreibt der „Boston Globe“. Keiner sprach kürzere Sätze. Keiner benutzte so häufig Imponier-Wörter wie „gewaltig“, „schrecklich“ oder „großartig“. Und natürlich fertigte auch keiner seine politischen Gegner bisher brutaler ab als Donald Trump, zum Beispiel auf Twitter (@realDonaldTrump). Der Republikaner Jeb Bush? „Low-energy“, „lahm“. Der „sogenannte“ Präsident Barack Obama? „Failed“, „gescheitert“. Der Kurznachrichtendienst ist wie geschaffen für den Rüpel-Stil: „140 Zeichen – mehr bedarf es für Donald Trump nicht, um ein weiteres Mal die Welt zu erklären“, so der Politikwissenschaftler Torben Lütjen, „um die Empörungsschraube noch eine Windung weiterzudrehen.“

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