us-wahlTexas: Das Bayern Amerikas

von Tim Rahmann

Traditionspflege und Hightechhilfe, straffe Verwaltung und Sinn für Wirtschaft: Der konservative Staat Texas boomt. Besuch bei einem Erfolgsmodell.

Robert Wise legt nicht viel Wert darauf, was andere über ihn denken. Der Gründer von Hydrogen-XT, einem Start-up, das die USA mit Wasserstofftankstellen ausstatten will, trägt zum Geschäftstermin Khakishorts und weites T-Shirt. Und auch seine Meinung mag Wise nicht irgendwelchen Konventionen anpassen. „Der Klimawandel ist real. Wir müssen uns vom Öl langfristig verabschieden“, lautet Wises Mantra. In Texas, dem Ölstaat schlechthin, sind solche Worte noch immer eine Provokation.

Wise hat früher für den Ölgiganten BP gearbeitet. Doch das ist Vergangenheit, im doppelten Sinne. Er ist sich mittlerweile einfach sicher, dass Autos mit Benzinmotoren keine Zukunft haben. Hier in Houston lasse sich das doch am besten erkennen, sagt der Zwei-Meter-Mann und tritt ans Fenster seines Büros. „Die Skyline wäre besser zu sehen, wenn wir nicht so viel Smog hätten.“

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„Klima-Spinner“ nennen ihn seine Landsleute gerne. Doch Wise ist mit seiner 2010 gegründeten Firma wild entschlossen, eigene Zapfsäulen an Tankstellen zu betreiben und die Menschen per App dorthin zu lotsen. 500 Stück sollen es in den kommenden Jahren werden. Er versteht sich als Partner der großen Energiekonzerne, deren Erdgas er braucht – nicht als ihr Feind. „Der niedrige Ölpreis ist doch eine riesige Chance für Texas“, sagt Wise. „Der Bundesstaat könnte beweisen, dass er ohne Öl kann.“

us-wahlPremiumGespaltene Weltmacht Amerika, du kannst es besser

Rekordschulden, Ungleichheit und eine wacklige Konjunktur: Der künftige US-Präsident muss ein angeschlagenes Land wieder aufrichten. Egal, ob Hillary Clinton oder Donald Trump gewinnt.

Die gespaltene Weltmacht: Die Spaltung der US-Gesellschaft gefährdet die Weltwirtschaft. Quelle: Javier Jaén

Noch ist die Abhängigkeit spürbar. Seit Mitte 2014 der Ölpreis um mehr als die Hälfte einzubrechen begann, haben die in Houston ansässigen Multis allein in Texas 99.000 Jobs gestrichen. Der Staat schüttelte sich, ging aber nicht in die Knie. Die Wirtschaft wächst weiter, und die Arbeitslosenquote liegt immer noch unter fünf Prozent und damit unter dem US-Durchschnitt.

Aber diese Robustheit hat das Land eben nicht dem schwarzen Gold zu verdanken. Texas ist längst nicht mehr nur Ölland, genauso wenig wie Bayern noch eine deutsche Agraridylle ist. Wie der deutsche Freistaat ist auch das Cowboyland peinlichst auf seine Unabhängigkeit bedacht und hat sich still und leise modernisiert und diversifiziert. Mit einem Mix aus niedrigen Kosten, geringer Regulierung, effizienter Verwaltung und mehr Investitionen in die Infrastruktur hat die Politik ein Umfeld geschaffen, das Konzerne aus aller Welt anzieht – von IT-Größen bis zu Start-ups, von Maschinenbauern bis zu Pharmaunternehmen. Sozusagen Laptop und Rodeo.

„In Texas wird die Wirtschaft als Partner gesehen“, lobt Unternehmer Wise. „Die Behörden unterstützen uns; in anderen Bundesstaaten wie etwa Kalifornien bremsen sie uns.“ So habe es in dem Westküstenstaat neun Monate gedauert, um drei Mitarbeiter anzumelden. „Hier geht es ruck, zuck.“ Ein Dienstfahrzeug zu registrieren koste um die 60 US-Dollar, in Kalifornien über 400. Eine eigene Einkommensteuer – neben der Bundessteuer können Kommunen und Bundesstaaten in den USA einen zusätzlichen Aufschlag verlangen – gibt es hier nicht.

Hoch hinaus: Die texanische Hauptstadt Austin wächst und wächst. Quelle: Laif

Hoch hinaus: Die texanische Hauptstadt Austin wächst und wächst.

Bild: Laif

Auch sonst zeigt sich der Staat äußerst zurückhaltend. In Houston dürfen sich Unternehmen niederlassen, wo immer sie wollen. Auch in Wohngebieten oder neben Schulen. „Wir verteidigen die Freiheit des Einzelnen und glauben, dass wir am ehesten Wachstum und Jobs schaffen, wenn wir Bürgern und Unternehmern den Rücken freihalten“, sagt Ted Cruz, Senator von Texas.

In einem neuen Industriegebiet am Stadtrand von Houston wird überall gehämmert, geschweißt und gemalert. Gelbe Drehkräne manövrieren schwere Stahlträger durch die Luft. Neben mehreren Lieferzentren, Fabriken und Geschäften entsteht an der Interstate 10 auch eine Megatankstelle mit nicht weniger als 100 Zapfsäulen.

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