
Ein bisschen was hat Barack Obama vom heiligen Sebastian, der seines Glaubens wegen verfolgt, von Bogenschützen beschossen, von Pfeilen durchbohrt wurde – und dessen Aura, als glücklich Überlebender und zu Unrecht Verfemter, hernach umso heller strahlte. Barack Obama glaubt an den Wandel. Change ist sein Programm, Neuanfang sein Credo – und das Raffinierte an seiner politischen Regenerationslehre ist, dass die, die sich ihr entgegenstellen, dabei zwangsläufig wie Ewiggestrige aussehen, wie Zweifler und Ungläubige, die sich aus niederen Instinkten gegen die Verbreitung seiner hoffnungsfrohen Botschaft stellen. Auf diese Weise ist Barack Obama zu einem quicklebendigen Märtyrer aufgestiegen, zur politisch waidwund geschossenen Lichtgestalt der amerikanischen Gegenwart.
Erst war es Hillary Clinton, seine demokratische Mitbewerberin bei den Vorwahlen zur US-Präsidentschaftswahl, die Obama als Schönredner und Entscheidungsschwächling unter Feuer setzte; nach deren Niederlage versucht sich nun John McCain, Obamas republikanischer Gegenspieler, als wahlkämpferischer Heckenschütze. „Wenn es um den Irak geht“, sagt McCain über Obama, „hat er keine Erfahrung, kein Wissen und keine Urteilskraft“, wenn er sich mit Irans Präsident Mahmut Ahmadinedschad zum Gedankenaustausch treffen wolle, dann zeuge das „von Naivität, Unerfahrenheit und fehlendem Urteilsvermögen: Worüber will er mit einem Terroristen reden?“ Es ist das alte Lied: Barack Obama sei zu grün hinter den Ohren, ein leichtgläubiger Politik-Novize, ein töricht Engelsreiner, der die Sicherheit des Vaterlands schmusediplomatisch aufs Spiel setze.
Barack Obama hat in den 17 Monaten, die er nun unterwegs ist auf seinem langen Marsch ins Weiße Haus, gelernt, wie er diese Angriffe pariert: als bekennender Gegenpolitiker, der gesegnet ist mit Mutterwitz, gesundem Volksempfinden und klarer Urteilskraft. Erst sagt er lächelnd, dass er von den „Zynikern in Washington“ nichts anderes erwartet habe als weitere Verleumdung; dann beteuert er, dass er sich auch künftig nicht werde provozieren lassen, die „alten Spiele“ nicht mitmache, schließlich punktet er mit einer rhetorischen Volte: Dialogbereitschaft sei nicht mit Appeasement zu verwechseln, so Obama, im Gegenteil: „Starke Präsidenten reden mit ihren Gegnern“, das habe schließlich auch Nixon mit Mao so gehalten oder Kennedy mit Chruschtschow und Reagan mit Gorbatschow.
"Change" ist unangefochtener Schlager im US-Wahlkampf
Vor allem aber lässt Obama Fakten sprechen, überrascht im 24-Stunden-Rhythmus mit einer weiteren Sensation, einem neuen Rekord, einer erstaunlichen Zahl. An einem Tag begrüßt er die 1,5-millionste Wahlkampfspende, am nächsten spricht er vor 75 000 Zuhörern in Portland, am dritten hat er die 100. Million Dollar übers Internet eingeworben, am vierten erklärt John Edwards, bis Ende Januar der dritte Kandidat der Demokraten im Präsidentschaftsrennen, seine Unterstützung für Obama, am fünften meldet das Wahlkampfteam, dass Obama unter den Parteifunktionären erstmals mehr Zuspruch erhalte als Hillary Clinton, am sechsten kratzt das Spendenaufkommen der Kampagne an der Marke von 275 Millionen Dollar... – um nur die Höhepunkte der vergangenen zwei, drei Wochen zu nennen.
Barack Obama eilt von Erfolg zu Erfolg. Sein Schlager vom Wandel ist zur optimistischen Leitmelodie des Landes geworden und behauptet sich mit wöchentlich wachsendem Vorsprung an der Spitze der US-Charts – einig gesummt von allen Zukunftsbereiten, deren Reinigungshoffnungen und Erlösungssehnsüchte Obama meisterhaft aufnimmt und bedient – und die er, einmal Präsident, im moralischen Grau der Politik, niemals wird erfüllen können. Daran aber, an den praktisch sündigen Kater nach dem theoretisch unschuldigen Rausch, wagt im Obama-Lager noch niemand zu denken. Für den Augenblick gilt: Wenn Obama es schafft, seine politische Bewegung im nächsten halben Jahr so frisch, attraktiv und unter Spannung zu halten wie bisher, wird er am 4. November zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.
Wer oder was will die Wandel-Welle, die Obama ins Weiße Haus trägt, noch brechen? Sogar die Republikaner selbst zweifeln an ihrem Erfolg. Das Ansehen der Konservativen ist nach einer Reihe von Sex- und Korruptionsskandalen auf einen Tiefpunkt gesunken, bei der Vorbereitung des Irakkriegs scheint die Regierung ihr Volk systematisch belogen und getäuscht zu haben, die wirtschaftliche Bilanz fällt erschreckend aus: Hypothekenkrise, Rezessionsangst, Konsumschwäche, 47 Millionen ohne Krankenversicherung, ständig steigende Energiepreise – und eine Steuerpolitik, die weniger die Mittelschicht entlastet als vielmehr Wohlhabende beschenkt.
Vier von fünf Amerikanern geben an, es ginge ihnen heute schlechter als vor wenigen Jahren. Und ausgerechnet in der Wirtschaftspolitik, die nach Lage der Dinge wahlentscheidend sein wird, McCain jedoch nie sonderlich interessiert hat, fällt dem Bewerber nicht mehr ein als die Beschwörung des republikanischen Mantras: Steuersenkungen für Unternehmen, Abbau der Handelsgrenzen, Selbstheilungskräfte des Marktes... – ein Programm, das vielleicht in der Zunft der Ökonomen Befürworter findet, den Emotionen der Amerikaner aber, die Kapitalismus und Globalisierung zuletzt als Verlustgeschäft empfunden haben, in keiner Weise Rechnung trägt.
„Die Republikaner sind schwer angeschlagen“, räumt Newt Gingrich ein, einst Parlamentspräsident der Konservativen. Das ist freundlich ausgedrückt. Bei zuletzt drei Nachwahlen in Illinois, Louisiana und Mississippi für » jeweils einen Sitz im Repräsentantenhaus sah die „Grand Old Party“ (GOP) ganz und gar nicht mehr groß, sondern nur noch alt aus: Selbst in Stimmbezirken, die George W. Bush bei den Präsidentschaftswahlen 2004 noch mit mehr als 20 Prozentpunkten Vorsprung gewann, mussten die Republikaner deutliche Niederlagen einstecken.













