
Erstmals hat ein Hurrikan in den USA einen minuziös vorbereiteten Nominierungspartei durcheinander gebracht. Bei dem heute beginnenden Konvent der Republikaner würden wegen der Bedrohung durch „Gustav“ nur noch die allernötigsten Programmpunkte abgehandelt, kündigte der designierte Präsidentschaftskandidat John McCain gestern Abend an.
Sein Wahlkampfmanager Rick Davis erklärte, das Programm des ersten Tages werde von sieben auf zweieinhalb Stunden verkürzt. Über weitere Änderungen werde von Tag zu Tag entschieden. Zuvor hatten US-Präsident George W. Bush und sein Vize Dick Cheney, die als Redner bei der Eröffnung des Parteitags vorgesehen waren, ihre Auftritte in St. Paul im US-Staat Minnesota abgesagt. First Lady Laura Bush erklärte, sie werde zwar teilnehmen, aber ihre geplante Rede nicht halten. Vor drei Jahren war dem Präsidenten vorgeworfen worden, er habe zu spät reagiert, als Hurrikan „Katrina“ New Orleans verwüstete und rund 1.600 Menschenleben kostete. Bush wollte sich heute in Texas über die Vorkehrungen für den Notfall unterrichten.
Lektion aus Hurrikan Kathrina gelernt
Die Republikaner wollen offensichtlich vermeiden, einen pompösen Parteitag abzuhalten, während Bilder von der drohenden Katastrophe durch die Medien gehen. „Das ist jetzt eine Zeit, in der wir die Parteipolitik beiseite lassen und als Amerikaner handeln müssen“, sagte McCain. Er soll am kommenden Donnerstag formell zum Präsidentschaftskandidaten nominiert werden.
Vorerst ruht auch der politische Schlagabtausch zwischen den US-Parteien. Demokratische Politiker, die sich in St. Paul aufhielten, sagten ihre geplanten Gegenveranstaltungen am Sonntag ab. Vorgesehen war eine „Kriegserklärung“ an die Republikaner im selben Rahmen, wie letztere in der vergangenen Woche am Rande des Parteitags der Demokraten in Denver auf sich aufmerksam gemacht hatten. Bei Protesten von Friedensaktivisten in St. Paul wurden derweil neun Personen festgenommen.
Zwei Millionen Menschen fliehen vor Gustav
Vor dem herannahenden Hurrikan „Gustav“ sind im US-Bundesstaat Louisiana fast zwei Millionen Menschen geflohen. Die Südstaaten-Metropole New Orleans wurde zur Geisterstadt: Nur etwa 10.000 der 240.000 Einwohner folgten nicht der Evakuierungsanordnung der Behörden.
Nach den jüngsten Vorhersagen dürfte der Sturm wahrscheinlich weniger stark am Montagmittag (Ortszeit) auf die US-Golfküste treffen als zuletzt befürchtet und möglicherweise nicht die gleiche zerstörerische Wucht entfalten wie Hurrikan „Katrina“ vor drei Jahren. „Das bleibt aber immer noch ein sehr gefährlicher Sturm“, warnte Gouverneur Bobby Jindal. Er forderte die in den gefährdeten Küstengebieten zurückgebliebenen Menschen nachdrücklich auf, ebenfalls im Landesinneren Zuflucht zu suchen.
Bei seinem Verwüstungszug durch die Karibik hat „Gustav“ nach neuesten Angaben mindestens 95 Menschen das Leben gekostet. Allein 76 Todesopfer waren in Haiti zu beklagen, Jamaika meldete zehn Tote, die Dominikanische Republik fast ebenso viele. In Kuba, wo der Hurrikan am Sonntag auf Land traf, wurden rund 86.000 Häuser völlig zerstört und tausende weitere beschädigt, zudem wurden 80 Kraftwerke außer Betrieb gesetzt. Berichte über Tote lagen zunächst aber nicht vor.
Um 20.00 Uhr Ortszeit gestern Abend (02.00 Uhr MESZ am Montag) galt der Sturm als Hurrikan der Kategorie drei mit einer Windgeschwindigkeit von rund 185 Stundenkilometern. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich noch etwa 280 Kilometer von der Mündung des Mississippis entfernt. Meteorologen erwarteten für die nächsten Stunden ein neuerliches Anwachsen zum Hurrikan der zweithöchsten Kategorie vier.
In New Orleans im Mississippi-Delta wurden nach den verheerenden Erfahrungen mit „Katrina“ die größten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Fast zwei Millionen Menschen wurden evakuiert - die bislang größte Aktion dieser Art im US-Staat Louisiana überhaupt. Tausende weitere Menschen brachten sich in den Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Texas in Sicherheit. Insgesamt wurden für einen Küstenstreifen von 800 Kilometern Länge Warnungen ausgegeben. Betroffen von „Gustav“ war auch die Erdölproduktion im Golf von Mexiko. Die Förderung von Öl wurde am Sonntag um 96 Prozent zurückgefahren, die von Erdgas um 82 Prozent. Die Kapazität der Raffinerien wurde um etwa 15 Prozent gesenkt. Insgesamt wurde die Verarbeitung von 2,4 Millionen Barrel Rohöl zu Treibstoff gestoppt.








