
Gehen Sie nach Texas, gehen Sie sofort dorthin, ziehen Sie kein Geld mehr ein für Banker und Soldaten, damit Amerika endlich zurück auf Los kann: Schluss mit dem George-Walker-Bush-Monopoly, so schnell wie möglich... – wenn es etwas gibt, worin sich die Amerikaner einig sind, vor der Präsidentschaftswahl am 4. November, dann in ihrer Sehnsucht nach der ersten Regierungsstunde von Barack Obama oder John McCain, ganz egal: anything but Bush.
Der Präsident hinterlässt eine Finanz- und Wirtschaftskrise, zwei Kriege, eine Unmenge Schulden – und eine weltweit übel beleumundete Supermacht. Er hat 700 Milliarden Dollar im Irakkrieg verfeuert, eine Wall Street, die sich selbst ins Bein schoss, mit weiteren 700 Milliarden verbunden – und die Main Street, die Hauptstraße, auf der sich der amerikanische Rest abrackert, systematisch ausbluten lassen.
George W. Bush hat die Mittelschicht geschröpft, die Ungleichheit befördert, den Graben zwischen Arm und Reich aufgerissen. Er hat die Erbschaftsteuer abgeschafft, die Wohlhabenden entlastet und versucht, die Sozialversicherung zu schleifen. Die Spitzengehälter der Top-Manager sind auf das 360-Fache des Durchschnittslohnes gestiegen – die Einkommen der Arbeitnehmer halten nicht einmal mehr mit der Teuerung Schritt. Um es ganz nüchtern auszudrücken: Es lässt sich schwer behaupten, Bushs Politik habe den wirtschaftlichen Interessen der Mehrheit gedient.
Härter Arbeiten als noch vor zwei Jahrzehnten
Jeder zweite Amerikaner ist der Meinung, er müsse heute härter für seinen Lebensunterhalt arbeiten als vor zwei Jahrzehnten. Vier von fünf meinen, es ginge ihnen heute schlechter als vor acht Jahren. 760.000 US-Bürger haben in diesem Jahr ihren Job verloren; zwei Millionen sind seit mehr als sechs Monaten ohne Anstellung, sechs Millionen arbeiten unfreiwillig Teilzeit.
Für die Republikaner ist Bushs Erbe ein ökonomischer Totalverlust. Ein schlimmeres Ende für seinen politischen Gegner hätte auch Barack Obama sich kaum ausdenken können. Und einen schöneren Anfang für sich selbst auch nicht. Machen wir uns nichts vor: Seit es im Wahlkampf nicht mehr um den Irakkrieg, den Benzinpreis und die einheimische Ölförderung geht, um Georgien-Krise, Hurrikan Ike oder Sarah Palin – seither sieht es aus, als wäre das Rennen ums Weiße Haus gelaufen.
Die Amerikaner stimmen über die Krise der Finanz- und Immobilienmärkte, die astronomische Verschuldung Amerikas, die wachsende Arbeitslosigkeit, ihre hohen Lebenshaltungskosten und die zunehmend prekäre wirtschaftliche Gesamtsituation ihres Landes ab. Anders gesagt: Sie stimmen nicht für Barack Obama oder John McCain – sondern gegen George Bush. Das ist Obamas Sieg. Wann je in den vergangenen 20 Wahlkampfmonaten klang die Wechsel-Wende-Wandel-Rede des sympathischen Senators aus Chicago überzeugender als auf den letzten Metern seiner Kampagne?
Anderthalb Jahre lang hat das „Change we need“ und „Yes we can“ des Politparsifals wie das bühnenreife Versprechen eines realpolitischen Tors geklungen, der einer herzleidenden Nation und ihrer erlösungsbereiten Jugend die Gralsglöckchen läutete. Seit dem kommerziellen Karfreitag an der Wall Street jedoch und der Kreuzigung des Investmentbankings, sehnt Amerika tatsächlich seine nationale Wiederauferstehung herbei. Change we need? Oh ja, und nicht zu knapp: Die verwüstete Wall Street muss wieder aufgebaut werden – und mit ihr die Wirtschaft der Vereinigten Staaten.
Wie das geht? Nun, noch hält Obama sich mit Details zurück. Deutet das darauf hin, er könne und wolle die Wirtschaft in Zeiten der Finanzmarktkrise nur auf Sicht steuern? Wahrscheinlicher ist, dass Obama ganz im Gegenteil sehr detaillierte Pläne in seiner Schublade liegen hat, die er nach seiner wahrscheinlichen Amtseinführung am 20. Januar 2009 – mit einer demokratischen Kongressmehrheit im Rücken – schnell und entschlossen umsetzen könnte. Das Skript für Obamas Wirtschaftspolitik könnte Nobelpreisträger Paul Krugman mit seinem jüngsten Bestseller („Nach Bush“) geschrieben haben. Was den Politiker mit dem Ökonomen und Publizisten eint, sind die Leidenschaft für zwei große Themen – die Stärkung der Mittelschicht und die Verringerung der gesellschaftlichen Ungleichheit – und der unverrückbare Glaube an die Gestaltungsmöglichkeiten von Politik.








