
Natürlich, abgerechnet wird das Fell des Bären am Ende, weshalb man den Tag niemals nie vor dem lobenden Abend verteilen sollte. Und doch, machen wir uns nichts vor: Das Rennen ums Weiße Haus ist gelaufen. Barack Obama wird am 4. November zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Wann je in den vergangenen 20 Monaten war der Wechsel-Wende-Wandel-Wahlspruch des sympathischen Senators aus Chicago so politisch aufgeladen wie auf den letzten Metern seiner Kampagne?
Anderthalb Jahre lang hat das „Change we need“ und „Yes we can“ des amerikanischen Politparsifals wie das bühnenweihspielreife Versprechen eines durch Mitleid wissenden Tors geklungen, der einer herzeleiden Nation und ihrer erlösungsbereiten Jugend die Gralsglöckchen läutete. Seit dem kommerziellen Karfreitag an der Wall Street jedoch, dem grollenden Gewitter im Weltinnenraum des Kapitals und der Kreuzigung des Investmentbankings, ist aus der strahlend weißen Projektionsfläche einer diffusen Wechselhoffnung ein inhaltsreiches, sehr konkretes ökonomisches Pflichtprogramm geworden: Change we need? Oh ja, und nicht zu knapp: Die verwüstete Wall Street muss wieder aufgebaut werden – und mit ihr die Wirtschaft der Vereinigten Staaten.
Keine Frage: Nach Irak-Krieg, Benzinpreis und einheimischer Ölförderung, nach Georgien-Krise, Hurrikan Ike und Sarah Palin hat der Wahlkampf endlich sein entscheidendes Thema gefunden - das Thema, das diesen Wahlkampf bis zu seinem Ende bestimmen wird: die Krise der Banken, der Finanz- und Immobilienmärkte, die astronomische Verschuldung Amerikas, die wachsende Arbeitslosigkeit, die zunehmend prekäre wirtschaftliche Gesamtsituation Amerikas. Mit anderen Worten: Das entscheidende Thema dieses Wahlkampfes heißt George W. Bush.
Kernschmelze an der Wall Street spielt Obama in die Hände
Barack Obama wird in den nächsten Wochen keine Mühe haben, die Kernschmelze an den Börsen als eine Art GAU der republikanischen Partei und ihrer wirtschaftspolitischen Ideologie zu verkaufen, als das Tschernobyl des ökonomischen Fundamentalismus mit seiner angebotsorientierten Einseitigkeit und naiven Steuern-runter-Werte-rauf-Gläubigkeit. Mehr noch: Weil die Krise längst auch die nationale Psyche infiziert und sich daran macht, das Kollektivego als selbstbewusste Nation der Zukunft hinweg zu raffen, findet am 4. November keine Abstimmung über Barack Obama oder John McCain statt, sondern eine Abrechnung mit Bush samt seinen ökonomischen Büchenspannern Alan Greenspan und Milton Friedman.
Die Sache ist also gelaufen – auch wenn die Referenzen von Barack Obama auf dem Gebiet der Ökonomie ihn nicht gerade zum Sieger prädestinieren. Obamas argumentative Auslegeware ist frei von Festlegungen und Prinzipien; sein gespreiztes Gerede vom freien und fairen Handel so nebulös, dass sich sowohl Nullzollpolitiker als auch Protektionisten von ihm adressiert fühlen können.
Im Vergleich zu John McCains hakenschlagender Rastlosigkeit aber wirkt Obamas offenkundige Ratlosigkeit geradezu besonnen. Tatsächlich hat McCain in den vergangenen Tagen nicht weniger als eine 180-Grad-Wende hingelegt: Vor einer Woche erschien ihm die Wirtschaft „fundamental gesund“; gestern erschien sie ihm so „fundamental erschüttert“, dass er einen Kandidatengipfel mit George Bush anregte - und die Verschiebung der ersten Fernsehdebatte empfahl. Wie schlimm es um den Kandidaten McCain steht, mag man eben daran erkennen: Seine „Handlungsfähigkeit“ vermag sich nicht mehr anders als in Terminverschiebungen zu artikulieren.
John McCain hat, ob er das nun heute will oder nicht, die republikanische Wirtschaftspolitik mitgetragen. Er hat den Reichen die Steuern erlassen, die Unternehmen entlastet – und den Staat seiner Einnahmen beraubt. Er hat die Amerikaner aufgefordert, Häuser zu kaufen, den verantwortungslosen Zinskeynsianismus der Notenbank unterstützt und damit - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen – ein Konjunkturprogramm initiiert, das in seinen abenteuerlichen Dimensionen kein Demokrat je gewagt hätte aufzulegen. Es ist ja blanker Unsinn, wenn heute gesagt wird, ausgerechnet die ur-kapitalistischen Amerikaner würden jetzt sündigen und nach dem Staat rufen. Tatsächlich hat die US-Regierung die Wirtschaft die ganze Zeit über gezielt zu lenken versucht – ganz im Gegensatz übrigens zum wohlfahrtsstaatlich verfassten Europa. Die 700 Milliarden Dollar, die jetzt ins Bankensystem gepumpt werden müssen, sind doch im Grunde nichts anderes als die verspätet eintreffende Rechnung für all die Konjunkturpakete, die Alan Greenspan fiskalkeynesianistisch geschnürt hat.
Leichtes Spiel also für Obama. Er wird sie genießen, die nächsten sechs Wochen: als lockeren Endspurt ins Weiße Haus. Steuererleichterungen für die Mitte? Ein Gesundheitssystem für alle? 1000 Dollar Energiebonus für Arme? Das alles ist, nach alledem, ein Klacks. Und es hört sich - Wandel hin, Wandel her – nach good old politics an, wie schön.













