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US-Wirtschaft: Die Industrie soll Amerika vor dem Absturz retten

02. November 2012
Die produktive Arbeit hat in den USA wieder einen höheren Stellenwert – in allen Gesellschaftsschichten. Quelle: rtrBild vergrößern
Die produktive Arbeit hat in den USA wieder einen höheren Stellenwert – in allen Gesellschaftsschichten. Quelle: rtr
von Tim Rahmann

Lange galt der Industriesektor in den USA als antiquiert. Doch nach den Eskapaden der Finanzwelt soll die Branche nun Jobs schaffen und den Wohlstand vermehren, kurz: die USA retten. Ist das möglich?

Es sind silberne Giganten, mehr als zwölf Meter lang und mit 440 Tonnen Gewicht schwerer als ein Airbus A380. 7000 Einzelteile werden verarbeitet, um jene Gasturbine „SGT5-8000H“ zu schaffen, die 2,2 Millionen US-Haushalte mit Strom versorgen kann. Es sind Zahlen, die auch US-Präsident Barack Obama beeindrucken. Öffentlich lobte er das Siemens-Werk in Charlotte, North Carolina, in dem 1400 Mitarbeiter die riesigen Gasturbinen fertigen. Er schickte seinen Finanzminister Timothy Geithner zu einer Werksbesichtung. Dieser stellte stolz fest: „Bei uns werden Produkte hergestellt, die die ganze Welt braucht.“

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Stolz auf die Industrie? Das hat es über Jahrzehnte in den USA nicht gegeben. Fabriken, Stahlwerke und Produktionshallen galten als Überbleibsel einer anderen Zeit. Der Finanz- und Dienstleistungssektor waren die Zukunft, die Branche, die Amerika Wohlstand bescheren sollte. Von 2000 bis 2010 sind zwischen Kalifornien und New York City laut US-Arbeitsministerium fast sechs Millionen Stellen im produzierenden Gewerbe weggefallen. Nicht einmal jeder zehnte Angestellte arbeitete zuletzt noch in einer Fabrik. Gestört hat es kaum jemand. Die Menschen fanden neue Arbeit im Versicherungswesen, in Restaurants, Freizeitparks und Call-Center. Doch die Finanz- und Wirtschaftskrise haben in den vergangenen Monaten zu einem Umdenken geführt. Plötzlich lernt Amerika, die Industrie neu zu schätzen. Mehr noch: Das produzierende Gewerbe soll die Wiederwahl des Präsidenten sichern, Hunderttausende Jobs schaffen und die US-Konjunktur anheizen. Kann die Branche das schaffen?

Die größten US-Konzerne – und wie viele Jobs sie stellen

  • Exxon Mobil

    Der Mineralöl-Konzern Exxon Mobil ist nicht nur das größte Unternehmen der USA (nach Umsatz), sondern auch das umsatzstärkste Unternehmen der Welt. In Deutschland bekannt ist die Tochter Esso. Exxon Mobil machte im Lauf des vergangenen Jahres 41 Milliarden Dollar Gewinn und ist damit auch in diesem Bereich Spitze. Weltweit beschäftigt der Konzern 83.600 Mitarbeiter (Stand: Dezember 2010), weniger als ein Drittel arbeiten in den USA.

  • Apple

    Mit einem Markenwert von 183 Milliarden Dollar landete der US-Technologiekonzern Apple im Mai in einem Ranking des Marktforschungsunternehmens Millward Brown zum wiederholten Mal auf dem ersten Platz. Der Konzern beschäftigt nach eigenen Angaben rund 47.000 Angestellte in den USA, aber 70.000 im Ausland.

  • IBM

    IBM, die International Business Machines Corporation, ist eines der weltweit führenden Unternehmen für Hard- und Software und für Dienstleistungen im IT-Bereich. Darüber hinaus ist es eines größten Beratungsunternehmen. Der Umsatz betrug 2011 satte 106,9 Milliarden US-Dollar. Weltweit beschäftigt der Konzern über 433.000 Mitarbeiter. Lediglich gut 105.000 Jobs stellt IBM in den Vereinigten Staaten.

  • Microsoft

    Der Software- und Hardwarehersteller hat etwa 93.000 Mitarbeitern weltweit und machte im Geschäftsjahr 2011 einen Umsatz von 69,94 Milliarden US-Dollar. In Microsofts „Heimatstadt“ Redmond, einem Vorort Seattles, hat rund die Hälfte der Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Im Hauptsitz des Software-Riesen arbeiten 39.000 Menschen.

  • Chevron Corporation

    Chevron Corporation ist ein weltweit operierender Energiekonzern. Er gehört zu den weltgrößten Ölkonzernen. Das Hauptquartier liegt in San Ramon, Kalifornien, der Konzern ist jedoch in mehr als 180 Ländern aktiv. Für Chevron arbeiten rund 62.000 Menschen. Nur knapp die Hälfte, etwa 30.000 Angestellte, sind in den USA beschäftigt.

  • General Electric

    General Electric machte 2011 einen Gewinn von 14 Milliarden Dollar. 301.000 Menschen arbeiten für den US-Mischkonzern (Stand: April 2011), der zum Beispiel in den Sparten Versicherungen, Immobilienmanagement oder Energie-Infrastruktur tätig ist, aber auch Lokomotiven oder Flugzeugtriebwerke herstellt.

  • Berkshire Hathaway

    Berkshire Hathaway ist vor allem durch seinen charismatischen Vorsitzenden, dem Multimilliardär Warren Buffett bekannt. Zehn Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftete der US-Konzern im vergangenen Jahr. Die Beteiligungsgesellschaft ist besonders im Bereich Versicherungen und Rückversicherungen aktiv. Bezieht man die Beteiligungen mit ein, beschäftigt Berkshire Hathaway 270.858 Mitarbeiter.

  • AT&T

    Der nordamerikanische Telekommunikationskonzern AT&T stellt neben Telefon-, Daten- und Videotelekommunikation auch Mobilfunk und Internetdienstleistungen für Unternehmen, Privatkunden und Regierungsorganisationen zur Verfügung. AT&T hatte lange Zeit eine Monopolstellung in den USA und Kanada. Daher war die Firma auch lange die größte Telefongesellschaft der Welt und der weltgrößte Kabelfernsehbetreiber. Der Konzern verbuchte 2010 einen Umsatz von 124,3 Milliarden Dollar und beschäftigt gut 300.000 Mitarbeiter – den größten Teil in den USA.

  • Walmart

    Der Einzelhandelskonzern beherrscht einen großen Teil des US-Marktes. Wal-Mart beschäftigt weltweit über zwei Millionen Angestellte und ist damit der größte private Arbeitgeber der Welt. 2011 steigerte der Konzern seinen Umsatz auf 446,9 Milliarden Dollar.

„Wir erleben, oberhalb von Quartals- und Monatszahlen, einen grundsätzlichen Trend zur Re-Industrialisierung der USA“, sagt Helmuth Ludwig, Geschäftsführer der Industriesparte bei Siemens für das Nordamerika-Geschäft im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. „Die Vorzeichen sind gut, dass die Branche weiter wächst. Aber es ist eine langfristige Entwicklung.“

Interesse an Jobs in der Industrie
Positiv ist: In der Bevölkerung hat bereits ein Umdenken stattgefunden. Die produktive Arbeit hat wieder einen höheren Stellenwert – in allen Gesellschaftsschichten. „Etwas herzustellen, hat einen positiven Charakter“, hat auch Ludwig festgestellt. Selbst hoch qualifizierte Jugendliche, gar Absolventen der Elite-Unis, können sich inzwischen wieder vorstellen, für einen Industrie-Konzern zu arbeiten. Vor Jahren war das noch verpönt.

„Als ich vor 20 Jahren meinen Hochschul-Abschluss in Chicago gemacht habe – hat keiner verstanden, warum ich zu Siemens gegangen bin. Meine Kommilitonen wollten alle zur Wall Street“, so Ludwig. Als er in diesem Jahr zu einem Ehemaligentreffen zurück an seine alte Universität kam und mit den Studenten sprach, habe sich ein anderes Bild ergeben. „Rund die Hälfte der jungen Leute ist an einem Job in der Industrie interessiert.“

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Kommentare | 4Alle Kommentare
  • 02.11.2012, 10:06 Uhrskyjellyfetty

    Na endlich fällt der Groschen!!!Die Idee ein Land wie die USA könnte alles Produktive wegen zu hoher Kosten im Inland "outsourcen" ist einfach grundfalsch.Gut,das geschah auch nicht widerstandslos,aber skrupellos.
    Vielleicht ist jetzt ein Anfang gemacht wieder Produkte "Made in Amerika"der "Fernostware"vorzuziehen und vor allem die Arbeitsplätze von dort zurück zu holen.Nur konsumieren geht eben nicht und nur mit Geld Geld verdienen erst recht nicht.

  • 02.11.2012, 10:48 UhrWahrheit29

    Da der Turbokapitalismus der USA auf den schnellen Gewinn und die quartalmäßige hohe Rendite ausgelegt ist werden Industrieprodukte aus den USA nie den hohen qualitativen Anspruch haben analog den Produkten aus Deutschland, Europa oder Japan. Der schnelle Dollar läßt keine Industrieprodukte zu die den Namen Nachhaltigkeit, Qualität und Innovation verdienen. Als Beispiel kann man die US PKW's anführen die in Europa und der restlichen Welt ein Schattendasein führen. Außerdem fehlen den Staaten die entsprechenden Fachleute, die kann man nicht in ein bis zwei Jahren aus dem Boden stampfen. Es sieht also schlecht aus für Amerikas Industrieproduktion. Übrigens gilt für Großbritannien das Gleiche denn auch diese Nation hat die Industrie zugunsten der Finanzbranche aufgegeben.

  • 03.11.2012, 11:07 UhrSteigenberger

    @Werner
    Die schlimme Bildungssituation ist der grösste Wachstumshemmer
    in den USA.
    In California, dem gelobten Land, gehen über 60% der Schüler als
    High-school-droppouts ohne Abschluss ab.
    OK. mann kann argumentieren, dass sind eben die spanischsprachigen
    Mexicanos, die im US-Schulsystem versagen, aber hier wird ein
    riesiges Talentpotential vergeudet, da diese Abbrecher niemals
    Facharbeiter, qualifizierte Angestellte, geschweige Unternehmens-
    gründer werden können, sondern in die grosstädtische Drogensubkultur abdriften werden.
    Die einseitige Förderung der universitären Spitzenausbildung, die
    dazu noch extrem überteuert ist, lässt für die Breitenausbildung u.
    gezielte Förderung defizitärer Schülergruppen keinen finanziellen
    Spielraum.
    Eine Hauptursache hierfür ist die Lobbyarbeit der Ehemaligen aus
    den Prestigeunis wie Harvard,Stanford u. MTI, sie stellen eben die
    meisten Anwälte,Senatoren u. Abgeordneten im politischen Ent-
    scheidungsbereich.
    Daher werden die Lobesreden auf gute handwerkliche Ausbildung u.
    neue Industriearbeitsplätze auch wenig bringen, es fehlt an der
    nötigen Interessenvertretung u. am notwendigen Druck durch ent-
    sprechende (Gewerkschafts)-Gruppen. In den USA sind weniger als
    10% der Arbeitnehmer organisiert !!

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