USA: Wie Barack Obama die Weltwirtschaft retten will

USA: Wie Barack Obama die Weltwirtschaft retten will

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US-Präsident Barack Obama hat große Pläne.

US-Präsident Barack Obama hat Größeres im Sinn als die Bewältigung der Rezession. Er will nichts weniger, als den amerikanischen Kapitalismus revolutionieren, verschraubte Weltsichten aus den Angeln heben, und lässt über westlichen Werten wie Freiheit und Selbstbestimmung die Sonne wieder aufgehen.

Der Koch im Restaurant „Medici“ an der 57. Straße im Süden von Chicago hat ein prägnantes kulinarisches Programm: Mache das Beste aus dem, was von gestern noch übrig ist. Sein Ehrgeiz ist enorm, sein Fleiß beeindruckend und was er aus den Überresten zaubert aller Ehren wert. Wenn er nur nicht manchmal übers Ziel hinausschösse. Zum Beispiel die Garbage Pizza. Sie will mit Wurst, Hack, Speck, Peperoni, Paprika, Zwiebeln, Pilzen, Tomaten und Käse eindeutig zu viel, ja: alles auf einmal. Leicht verdaulich ist das nicht. Und doch halten die Gäste dem Medici die Treue.

Bevor das Lieblingslokal von Barack Obama Karriere machte, war es Studenten-Tankstelle, Hippie-Treff und Nest aller Nachteulen in der Gegend. Alles im Medici ist Backstein, Holz und Batik. Die Tische, Bänke und Wände sind lückenlos übersät mit Kritzeleien, Filzstiftsprüchen und eingeritzten Namenszügen – zeitlose Tagträumereien, die sich auf hope und soap und dope reimen, auf Hoffnung, Kitsch und weiche Drogen. Seit Obama im Weißen Haus in Washington und nicht mehr sechs Blocks weiter nördlich wohnt, ist das Medici eine Institution und Pilgerstätte geworden. Es hat sich ein bisschen herausgeputzt, trägt mit Obama Schlips und Kragen – und doch hat es seinen legeren Charme und Stil bewahrt: weltoffen, alternativ und bodenständig. Die langhaarigen Kellner sind kommunikativ und einnehmend freundlich, sie hasten durch die Reihen in ihren bedruckten T-Shirts („Obama eats here“), als Dauerwahlkämpfer, Servicekräfte und Litfaßsäulen zugleich, denn natürlich gibt’s die schwarzen Leibchen zu kaufen: 20 Dollar das Stück, eine feine Sache, fast jeder Tourist, der zunächst nach dem Lieblings-Burger des Präsidenten fragt (mit Speck und Käse!), will nach dem Essen so ein T-Shirt erstehen – und sich als Teil der Bewegung begreifen.

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Den Besuchern, die es nicht in den Süden von Chicago schaffen, bleibt der Weg in die Chrom-und-Glas-Shops der City. Hier wird der Präsident als Dutzendware über die Ladentheke gereicht, als Papierpuppe, Poster, Postkartenbuch, als Tasse, Schokoriegel, Nummernschild, Bleistift, Untersetzer und Kühlschrankmagnet. Die Anziehungskraft von Barack Obama ist auch heute, nach 100 Amtstagen, ungebrochen. Konstant mehr als 60 Prozent der Amerikaner, ach was: der Menschheit, unterstützen seine globale Präsidentschaft, und es vergeht kaum ein Tag, an dem das 47-jährige Weltgewissen die Nachrichten nicht dominiert, an dem nicht er die Nachricht ist. Seine fünffache Reputation als der Welt erfolgreichster Politiker, Pädagoge, Poet, Popstar und Philosoph macht jeden seiner Auftritte zu einem spartenübergreifenden Ereignis. Stolze Staatschefs drängeln sich in seine Nähe; verunsicherte Landeskinder suchen seinen Unterricht in Ernährungs-, Umwelt- und Klimafragen; besorgte Aktivisten erquicken sich an seiner kraft- und würdevollen Sprache; spaßbereite Jugendliche feiern ihre twitter-taugliche Stilikone; erleuchtete Intellektuelle verherrlichen sein „Yes, we can“ zum „Cogito ergo sum“ des 21. Jahrhunderts.

Obama steht für eine neue Ära

Obama will nichts weniger, als den amerikanischen Kapitalismus revolutionieren, nicht von links, wie seine Kritiker gerne monieren, sondern aus der Mitte heraus: mit gesundem Menschenverstand. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die „Vitalität unseres ökonomischen Modells“ schätzt, dass er um die Kraft des Marktes als Motor von Innovation und Entwicklung weiß, dass er Wachstum als Voraussetzung von Wohlstand als politisches Ziel anerkennt – und dass er von jedem Amerikaner ein gerüttelt Maß Selbstverantwortung und Leistung verlangt. Genauso sicher ist er sich allerdings, dass bei den Reagans, Clintons und Bushs in den vergangenen drei Jahrzehnten vor allem die Armen auf der Strecke geblieben sind.

Auch so viel ist klar: Obama läutet eine neue Ära der Verteilungspolitik ein, mit einem höchst aktiven Staat an der Spitze. Lieber lässt er sich einen Sozialingenieur schimpfen, als das Land noch einmal den Finanzjongleuren zu überlassen. Obama möchte, dass den Leuten keine unanständigen Kredite gewährt, sondern anständige Löhne gezahlt werden. Er möchte, dass die Angestellten aus eigener Kraft über die Runden kommen, sich nicht auf Pump in die Krise konsumieren; er will, dass Amerika wieder spart und wirtschaftet, produziert und exportiert – und seinen Wohlstand nicht mit Staatsanleihen nach China verkauft. Kurzum: Obama will das Ende der radikalen Niedrigsteuern-, Defizit-, Pump- und Konsumwirtschaft der Old Chicago School – und „einen neuen Grundstein legen für Wachstum und Wohlstand – einen Grundstein, mit dem wir die Ära von Kredit und Konsum für beendet erklären und eine Ära des Sparens und Investierens einläuten, in der wir weniger konsumieren und mehr exportieren“.

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