Verletzliches China: Riesenreich der Widersprüche

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Verletzliches China: Riesenreich der Widersprüche

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China zwischen autoritärer Staatsführung und freiem Markt.

von Philipp Mattheis

Chinas Wirtschaft bebt und sendet Schockwellen in die Welt. Die Widersprüche in dem Riesenreich treten offen zutage und stellen das chinesische Modell aus autoritärer Staatsführung und freiem Markt auf die Probe.

Dienstagmorgen also entschlossen sich die Machthaber in Peking, zu machen, was sie besonders gut können: Die Realität besser klingen lassen, als sie ausschaut. Und so trat Li Pumin, der Generalsekretär der nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, an die Öffentlichkeit und verkündete, wie glorreich die Wirtschaft des Landes im vergangenen Jahr doch gewachsen sei: Sieben Prozent habe man erreicht (offizielle Zahl des Statistikamtes: 6,9 Prozent), 13 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. „China hat“, war Li zufrieden, „2015 seine wichtigsten Wirtschaftsziele erreicht.“

Nachrichten, die nach diesem Jahresauftakt an den Märkten Asiens und der Welt etwas aus Raum und Zeit gefallen scheinen. Und zeigen, wie sehr sich Pekings Machthaber um ein gutes Bild der Lage mühen müssen. Denn seit dem Jahreswechsel hatte ihr Wirtschaftswunderreich sich vom Motor zum Horror der Weltwirtschaft entwickelt. Erschreckt durch schwächer werdende Konjunkturzahlen rauschte der chinesische Aktienindex zu Neujahr weit nach unten. Und riss zahlreiche Märkte Asiens, aber auch in Nordamerika und Europa mit.

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Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

  • Immobilienblase

    Seit Jahren schießen die Immobilienpreise in Chinas Großstädten in ungeahnte Höhen - seit Monaten mehren sich jedoch Zeichen für einen Kollaps.

  • Schattenbanken

    Neben den trägen Staatsbanken hat sich in China ein großer Markt von nicht-registrierten Geldinstituten etabliert, die der Staat bislang nicht kontrollieren kann.

  • Faule Kredite

    Banken haben ohne genaue Prüfung Firmen immense Kredite für unproduktive und verschwenderische Investitionen gegeben.

  • Überkapazitäten

    Mit Subventionen der Regierung haben viele Branchen gewaltige Überkapazitäten aufgebaut, beispielsweise die Solarindustrie. Aber sie werden ihre Produkte nicht los.

  • Internationale Krisen

    Chinas Wirtschaft hängt vom Export ab. Geraten wichtige Abnehmerländer in Krisen, hat auch China Probleme.

Immer wieder in den vergangenen Tagen musste die chinesische Zentralbank intervenieren, um den Yuan-Kurs zu stützen. Dann wieder wurde der Börsenhandel ausgesetzt. Das China dieser Tage ist ein anderes China, als die deutsche Wirtschaft es in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten kennengelernt hat. Es wirkt verletzlicher, widersprüchlicher.

Im Frühjahr wird die Kommunistische Partei den 13. Fünf-Jahres-Plan veröffentlichen. Seit Gründung der Volksrepublik ist das Dokument die Blaupause für die Entwicklung Chinas. Und es muss einige wesentliche Herausforderungen bewältigen:

  • China muss sein Verhältnis von Staat und Markt austarieren.
  • China muss Ideen entwickeln, wie es durch Nachfrage von innen wachsen und die dafür nötige Mittelschicht etablieren kann.
  • China muss den Wandel von der Schwer- zur Hightechindustrie hinbekommen.

Kurzum: China muss einige seiner wesentlichen Widersprüche auflösen.

I. Die Stadt der Zukunft

In der Nähe des Hafens von Shenzhen steht auf eine Tafel in goldenen Lettern geschrieben: „Time is money, efficiency is life.“ Zeit ist Geld, Leben ist Effizienz. Das ist keine Karikatur des Kapitalismus, auch keine unfreiwillige Realsatire, sondern Leitspruch einer Stadt, die wie keine andere für das moderne China steht. Als vor 30 Jahren die ersten marktwirtschaftlichen Reformen begannen, war Shenzhen an der Grenze zu Hongkong ein Fischerdorf mit 30.000 Einwohnern. Heute leben hier zehn Millionen Menschen. Shenzhen hat mit knapp 25.000 US-Dollar eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Chinas.

PremiumGefahr am Aktienmarkt Das China-Risiko im Dax

Der Jahresauftakt an den Börsen mahnt zur Vorsicht. Neben China lasten der Nahe Osten und der Rohstoffverfall auf den reichlich teuren Papieren.

Chinesische Börsendaten Quelle: dpa

Etwa um dieselbe Zeit, als Deng Xiaoping 1984 der Stadt Shenzhen ihren kapitalistischen Slogan genehmigte, zogen die Eltern von Frank Wang von Hangzhou, in der Nähe von Shanghai, nach Shenzhen. Dort, an der Grenze zu Hongkong, gebe es Arbeit in Fabriken, man könne viel Geld verdienen, 60 Dollar im Monat gar. Dass ein chinesisches Unternehmen einmal zum Marktführer in einer Hochtechnologiebranche werden würde, war damals so wenig vorstellbar wie DDR-Bürger mit Bananen.

Frank Wang hat 2006 ein Unternehmen gegründet, das heute mit 70 Prozent Marktanteil zum wichtigsten Drohnenhersteller der Welt geworden ist. Heute hat Dajiang Innovations, kurz DJI, 4500 Mitarbeiter. Arbeitssprache ist Englisch. Bei DJI arbeiten junge Leute aus der ganzen Welt: Italiener, Deutsche, Schweden, Hongkong- und Festlandchinesen. Das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren. DJI ist typisch für die Wirtschaftsstruktur des Perlflussdeltas. Es ist Chinas Labor, eine Zukunftsvision des 1,3-Milliarden-Landes. Hier haben heute Chinas innovativste Unternehmen ihren Sitz: Tencent, Huawei, TCL und viele andere. Die Region besteht aus einem Cluster aus elf Millionenstädten, die langsam zusammenwachsen, darunter Guangzhou, Shenzhen, Macau, Foshan, Zhuhai, Dongguan und Hongkong. So entsteht einer der dichtesten Wirtschaftsräume der Welt: 60 Millionen Menschen mit der Wirtschaftskraft von Frankreich.

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2 Kommentare zu Verletzliches China: Riesenreich der Widersprüche

  • China das Land voller Widersprüche!
    Nur Deutschland und die Eurozone sind Inseln der Seligen. Ach nein das sind ja die Vereinigten Staaten.
    Oder doch eher Japan?
    China kann, nein muss an seinen Widersprüchen scheitern. Bald steht es wieder dort, wo es 1976 stand, dem Jahr von Maos Tod, also vor 40 Jahren.
    Die Wirtschaft Chinas wuchs 2014 und 2015 um 1420 Milliarden Dollar oder das BIP Australiens. Die sinkenden Rohstoffpreise für Australiens Wirtschaft sind noch nicht eingerechnet. Sollte China auch 2016 mit mehr als 6,4 Prozent wachsen, ist ein weiteres Brasilien in China seit 2014 dazugekommen. So viel zum schwachen Wachstum in China. Siehe destatis:
    G 7 in Zahlen. Seite 9.

  • Ergänzung:
    Werden die USA beim BIP bis 2025 übertroffen? Findet bis 2035 in China bei ca. 7 Prozent Wachstum eine zweite USA in der Wirtschaft des Reiches der Mitte statt? Wie würde dann die Welt wohl aussehen? Können die Industriestaaten irgend etwas ´dagegen tun? Viel Erfolg!

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