Veröffentlichung von geheimen US-Dokumenten: Anhörung des Wikileaks-Informanten beginnt

Veröffentlichung von geheimen US-Dokumenten: Anhörung des Wikileaks-Informanten beginnt

, aktualisiert 16. Dezember 2011, 13:32 Uhr
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Held oder Verbrecher? Aktivisten der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung CodePink jedenfalls unterstützen den US-Gefreiten Bradley Manning.

Quelle:Handelsblatt Online

Die einen feiern ihn als Held, die anderen verdammen ihn als Verräter: Der Wikileaks-Informant Bradley Manning muss heute zu einer militärischen Anhörung. Für die Weitergabe der Informationen droht ihm lebenslange Haft.

Fort MeadeDas angebliche Bekenntnis des US-Gefreiten Bradley Manning zur Weitergabe von Geheimunterlagen an Wikileaks enthält eine Begründung, die ihn für Informationsfreiheits- und Friedensaktivisten weltweit zum Helden gemacht hat: „Ich will, dass die Leute die Wahrheit sehen.“ Doch er war sich offenbar auch bewusst, dass er, sollte er mit der Enthüllungsplattform in Verbindung gebracht werden, als Verräter dastehen würde „wie Nidal Hassan“ - der US-Major, der 13 Kameraden im Aufbruch zu einem Kriegseinsatz tötete. Eine (am heutigen Freitagnachmittag beginnende) militärische Anhörung entscheidet darüber, ob Manning vor ein Kriegsgericht gestellt wird und möglicherweise mit lebenslanger Haft rechnen muss.

Die Todesstrafe indes, die Höchststrafe für den schwerwiegendsten Anklagepunkt der Feindbegünstigung, wollen die Militärankläger nicht fordern. Die Anhörung in der streng gesicherten Militäreinrichtung Fort Meade im Bundesstaat Maryland, zwischen der Hauptstadt Washington und Baltimore gelegen, kann Tage dauern. Grundlage der insgesamt 22 Anklagepunkte sind Abschriften von Online-Chats, die Manning im Mai 2010 mit dem Hacker - und V-Mann - Adrian Lamo geführt haben soll. Darin spiegeln sich schon die unterschiedlichen Sichtweisen der Öffentlichkeit auf den 23-Jährigen wider: Ist er nun ein Idealist, der zurecht Fehlverhalten aufgedeckt hat? Oder ein Soldat, der sein Land und seine Kameraden verraten hat.

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Die von den Streitkräften als authentisch bezeichneten Chat Logs waren zuerst vom Technologiemagazin Wired.com veröffentlicht worden, das sie von Lemo erhalten hatte. Ein Schreiber mit dem Alias „bradass87“ legt darin mehr als nur seine Gründe dafür offen, vertrauliche Unterlagen an Wikileaks zu geben. Er äußert sich geringschätzig über die IT-Sicherheit auf seinem Posten in Bagdad, spricht über die schmerzliche Trennung von seinem Freund in Boston und seine Schwierigkeiten, als „superintelligenter, linkisch weibischer“ Schwuler mit seiner konservativen Erziehung, seiner kaputten Familie und dem Militärdienst zu einer Zeit zurechtzukommen, als für Homosexuelle noch galt: „Nicht fragen, nichts sagen.“ „Ich bin im Eimer“, vertraute „bradass87“ Lamo an. „Ich bin in der Wüste, mit einem Haufen hypermännlicher schießwütiger Hinterwäldler als Nachbarn. Und der einzige sichere Ort, den ich anscheinend habe, ist diese Satelliten-Internetverbindung.“


Warum Manning das Material weitergab

Mannings Verteidiger David Coombs will Beweise für die mentale und emotionale Belastung seines Mandanten vorlegen, um das Versagen der militärischen Führungsstruktur herauszustellen. Die Ankläger finden das dagegen für die Ermittlungen irrelevant. Manning soll unter anderem hunderttausende Diplomatenberichte, Kriegsberichte aus dem Irak und Afghanistan und ein Video von 2007 weitergegeben haben, auf dem sich eine US-Hubschrauberbesatzung über das Niederschießen von elf Menschen amüsiert - darunter ein Reuters-Pressefotograf und sein Fahrer. Das Pentagon sah kein Fehlverhalten dieser Soldaten, da sie die Kameraausrüstung für Waffen gehalten hätten.

Aus Sicht der US-Regierung wurden mit den Veröffentlichungen Menschenleben und die Sicherheit gefährdet. Coombs argumentiert, das Material habe die nationale Sicherheit nicht beeinträchtigt und den Interessen der USA im Ausland kaum geschadet. Für Mannings Anhänger haben die Veröffentlichungen Kriegsverbrechen enthüllt und die Demokratiebewegung im arabischen Raum angestoßen. Manning sei „vorbehaltlos ein Held“ findet Daniel Ellsberg, der vor 40 Jahren mit der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere die insgeheime Ausweitung des Vietnamkriegs aufdeckte. „Ich glaube, dass Bradley Manning - sollte sich herausstellen, dass er die Quelle ist - unseren Dank und unsere Bewunderung verdient.“ Andere werfen dem Beschuldigten vor, seine Kameraden verkauft zu haben, und fordern seine Bestrafung als Verräter. Der republikanische Abgeordnete Mike Rogers bezeichnete im August vorigen Jahres gar die Todesstrafe als angemessen für diesen Hochverrat.

In einer maßvolleren Stellungnahme für die Nachrichtenagentur AP vorige Woche erklärte Rogers, er vertraue dem Militärjustizverfahren. Dennoch: „Geheime Informationen weiterzugeben und die nationale Sicherheit der USA zu gefährden, ist immer ein äußerst schwerwiegendes Vergehen. Die Auswirkungen der Veröffentlichung geheimen Materials können für unsere Männer und Frauen an der Front tödlich sein.“

Nach seiner Verhaftung im Mai 2010 saß Manning zunächst in einem Militärgefängnis der Marines in Quantico in Einzelhaft und wurde nach internationaler Kritik an den Haftbedingungen im April nach Fort Leavenworth in Kansas verlegt. Anhänger weltweit haben nach Angaben von Jeff Paterson vom Unterstützer-Netzwerk bereits rund 400.000 Dollar gespendet, um seine Verteidigung, eine eventuelle Berufung und Unterstützungsaktionen zu finanzieren. Bei aller Kritik an Wikileaks halten viele internationale Beobachter Manning zugute, dass er aus Gewissensnot handelte.

Lamo, dessen Ruf als früherer regierungskritischer Hacker Manning möglicherweise zur Kontaktaufnahme veranlasste, bereut nicht, ihn der Strafverfolgung ausgeliefert zu haben: Sein Handeln habe Manning womöglich daran gehindert, noch mehr Geheimes preiszugeben. In den Chat-Abschriften äußert „bradass87“ die Hoffnung, dass seine Veröffentlichungen „weltweite Diskussionen, Debatten und Reformen“ anstoßen mögen. Er wisse nicht, ob die Menschen ihn als „Hacker“, “Hacktivist„ oder sonst etwas betrachten würden: "Ich bin bloß ich, wirklich." Lamos Andeutung, er könnte als Spion gelten, wies er zurück: "Spione stellen nichts ins Netz, damit es die ganze Welt sehen kann."

Quelle:  Handelsblatt Online
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