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Volker Perthes: "Der Islam wird sich ändern"

von Hans Jakob Ginsburg

Der Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik fordert im Interview mit WirtschaftsWoche mehr Geduld mit den jungen arabischen Demokratien. Er hofft auf die Mobilität der gebildeten Jugend. Gleichzeitig sieht er Saudi Arabien auf interne Turbulenzen zusteuern.

Der Nah-Ost Experte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes Quelle: dpa/dpaweb
Der Nah-Ost Experte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Perthes, in dem einen Jahr seit Beginn des arabischen Frühlings haben wir den Bürgerkrieg in Libyen erlebt, das Blutvergießen in Syrien, schließlich den islamistischen Wahlsieg in Ägypten. Ist das jetzt der arabische Winter?

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Perthes: Ich würde am liebsten die Antwort verweigern, weil ich das nie einen „Frühling“ genannt habe. So ein Begriff fördert Ungeduld und Enttäuschung und hält uns davon ab, über langfristige Strategien nachzudenken. Die arabische Welt, die lange hinter den Entwicklungen in der globalisierten Welt zurückgeblieben war, erlebt gewiss eine historische Stunde. Aber wir befinden uns jetzt wahrscheinlich erst am Ende der ersten fünf Minuten dieser Stunde.

Politiker sind aber selten geduldig. Auch Unternehmen können sich nicht heute zum Beispiel in Syrien engagieren, weil es da in zwölf Jahren vielleicht ganz toll sein wird.

Es wird ein, zwei Jahrzehnte dauern, bis die Gesellschaften dort angekommen sind, wo sie sein wollen. Das war in Osteuropa nach 1989 auch so.

Das Jahr der Proteste

Der Arabische Frühling

Zine el-Abidine Ben Ali, Husni Mubarak und Muammar al-Gaddafi: Die Revolutionswelle in Nordafrika, bekannt geworden unter dem Namen „Arabischer Frühling“, hat gleich drei Machthaber aus dem Amt gefegt. Zuerst protestierten die Menschen in Tunesien gegen Perspektiv- und Arbeitslosigkeit, sowie gegen Polizeigewalt, später auch gegen die Regierung. Am 25. Januar gehen auch im Nachbarland Ägypten die Menschen auf die Straße. 18 Tage später muss Machthaber Mubarak abtreten; in Libyen wehrt sich Gaddafi und bombardiert sein eigenes Volk. Am 20. Oktober töten ihn Rebellen.

Quelle: dpa

Aber es gab nicht solche Rückschritte wie derzeit in Kairo oder Damaskus.

Der Wandel in den arabischen Ländern wird eher länger dauern, und die einzelnen Staaten sind viel unterschiedlicher als in Osteuropa. In Tunesien ist der Übergang zur Demokratie offensichtlich leichter als in Ägypten, anderswo gibt es tatsächliche oder mögliche Bürgerkriege, und in einigen Ländern ist die Welle der Veränderung kaum angekommen.

Und woran liegt das?

Nehmen Sie die Ressourcen-Exporteure mit ihren Öleinkommen – da haben die etablierten Herrscher ganz andere Möglichkeiten als in dem Schwellenland Tunesien, das auf industrielle Fertigung für den Export setzt. Und genauso gewaltig wie die Unterschiede der Ressourcen sind die Unterschiede im Bildungsstand, in der Verstädterung, in der Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft.

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