Volksrepublik China: Chinas Ringen um mehr Konsum

Volksrepublik China: Chinas Ringen um mehr Konsum

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Eine Gruppe von Chinesen nach einer Shopping-Tour. Höhere Löhne stärken den privaten Konsum.

von Matthias Kamp

Weniger Ausfuhren, mehr privater Konsum: Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht in dieser Woche China – ein Land dessen Wirtschaft nach einem neuen Geschäftsmodell sucht.

Liu Shengqi wohnt mit seiner Frau und den zwei Kindern in zwei spärlich eingerichteten Zimmern im Südosten Chinas. Der Weg zum Haus ist mit Unkraut überwuchert, in dem kleinen Garten davor stapelt sich Bauschutt. Auf dem Flur im Erdgeschoss haben die Bewohner Abfälle liegen lassen. Der Linoleumboden im Schlafzimmer ist an vielen Stellen eingerissen.

„Das Geld reicht vorne und hinten nicht“, sagt Liu und zeigt auf die durchgelegenen Matratzen mit den löchrigen Bettlaken. Der 35-Jährige und seine Frau arbeiten bei japanischen Autozulieferern in Zhongshan in der Nähe von Guangzhou. Zusammen bringen sie rund 3000 Yuan im Monat nach Hause, umgerechnet etwa 350 Euro – viel zu wenig für ein halbwegs anständiges Leben im teuren Süden Chinas.

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Als Liu vor zehn Jahren aus einem Dorf in Zentralchina nach Zhongshan kam, hoffte er, sein Glück zu machen. Die Provinz Guangdong, in der die Stadt liegt, ist der wirtschaftliche Motor Chinas. Hier fertigen Millionen von Wanderarbeitern Laptops, Lampen oder Laufschuhe für die Märkte im Westen. Doch längst ist die Euphorie der Enttäuschung gewichen. „Wir kommen auf keinen grünen Zweig“, sagt der Chinese. Als die Arbeiter bei Honda Lock, dem Arbeitgeber seiner Frau, vor wenigen Wochen für höhere Löhne streikten, hat er sie unterstützt. Schließlich knickte die Geschäftsführung ein und gewährte den gut 1000 Arbeitern 200 Yuan mehr pro Monat.

Tiefgreifender Umbruch

Es geht so etwas wie ein Ruck durch das Wirtschaftswunderland China. Schon seit Jahren beschwören die kommunistischen Machthaber in Peking, Chinas Wirtschaft müsse seine Abhängigkeit von den Ausfuhren verringern und stattdessen den privaten Konsum stärken. Unternehmen, so das Mantra aus Peking, müssten sich von der oft umweltzerstörenden Billigproduktion verabschieden und in Industrien mit höherer Wertschöpfung investieren. Dazu sollen sie ihre Anstrengungen in der Forschung und Entwicklung (F+E) verstärken. Die Streiks der vergangenen Wochen könnten sich einmal als bedeutender Meilenstein bei der Entwicklung erweisen, Chinas Wirtschaft auf ein gesünderes Fundament zu stellen.

Bisher haben sich die Arbeiter mit ihren Forderungen durchgesetzt – auch weil die Regierung die Streikenden gewähren ließ. Peking weiß: Nur wenn die Arbeiter mehr Geld in der Lohntüte haben, kann der private Verbrauch anziehen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag dieser Woche nach China reist, kommt sie in ein Land, das sich in einem tief greifenden Umbruch befindet – mit weitreichenden Folgen für die globale Wirtschaft und Chinas soziales Gefüge.

Dass die Fabriklöhne steigen müssen, ist unter Experten unstrittig. Denn bislang verlief die Entwicklung der Löhne und Gehälter äußerst ungleich. So konnten sich Fach- und Führungskräfte in den zurückliegenden Boomjahren zum Teil über jährliche Gehaltssteigerungen von bis zu 30 Prozent freuen. Die Lohnzuwächse bei den rund 200 Millionen Wanderarbeitern fielen dagegen gering aus. In manchen Jahren, rechnet Liu vor, habe es gerade mal zwischen 10 und 20 Yuan mehr pro Monat gegeben. Die Folge: Die reichsten zehn Prozent der Chinesen verdienen heute 23 Mal mehr als die ärmsten zehn Prozent.

Die jüngste Streikwelle hat den überfälligen Anpassungsprozess beschleunigt. Analysten wie Ma Jun, Chefökonom der Deutschen Bank in Hongkong, rechnen damit, dass die Fabriklöhne im laufenden Jahr landesweit um bis zu zehn Prozent steigen werden. Andere Experten schätzen, die Fabriklöhne könnten sich in den kommenden fünf Jahren verdoppeln – schon weil die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik das Heer der Arbeitskräfte bereits schrumpfen lässt.

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