Von Überwachung bis zum Bezahlen: Wie China die Gesichtserkennung schon nutzt

Von Überwachung bis zum Bezahlen: Wie China die Gesichtserkennung schon nutzt

, aktualisiert 04. September 2017, 12:33 Uhr
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Alleine bei einem Bierfest in Qingdao identifizierte die örtliche Polizei via Gesichtserkennung 25 landesweit gesuchte Straftäter, 37 Taschendiebe und 19 Drogenhändler.

von Sha HuaQuelle:Handelsblatt Online

Während in Deutschland kontrovers über den Einsatz der Gesichtserkennung diskutiert ist, durchzieht sie in China bereits den gesamten Alltag der Bürger. Der Staat baut sogar an einer „Schufa“ für das gesamte Leben.

DüsseldorfDas Bierfest war sein Verhängnis. Als um acht Uhr abends ein Mann mit Bürstenhaarschnitt die Qingdaoer Festivalzelte betreten wollte, erfasste ihn die Gesichtserkennungssoftware am Eingang und meldete: Es bestehe eine 98 prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es sich hierbei um einen seit 2008 gesuchten Menschenhändler handle. Die Polizisten musste nur noch seine Identität endgültig verifizieren, dann war seine zehnjährige Flucht zu Ende.

Die örtliche Polizei zeigte sich zufrieden. Mit achtzehn Kameras an vier Eingängen hatte man insgesamt 25 landesweit gesuchte Straftäter, 37 Taschendiebe und 19 Drogenhändler unter den mehr als 2,3 Millionen Besuchern gefasst. Die Trefferquote der Erkennungstechnik liege bei 98,1 Prozent.

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Während in Deutschland über den Einsatz der Gesichtserkennung kontrovers diskutiert wird, ist sie in China schon weit verbreitet. Seit 2014 baut der chinesische Staat das sogenannte gesellschaftliche Bonitätssystem aus. Diese „Schufa“ für das gesamte Leben bedeutet, dass bis 2020 jedem Bürger eine Punktezahl zugewiesen wird, die sich aus ihrem Verhalten bei der Arbeit, in der zivilen Sphäre und bei finanziellen Transaktionen zusammensetzt.

Chinesische Technologiefirmen helfen bei diesem Vorhaben, indem sie riesige Datenmengen sammeln und Überwachungstechnologien austesten, um den Zuschlag als das offizielle System zu erhalten. Gesichtserkennung gilt dabei als eine der mächtigsten Mittel, da die künstliche Intelligenz inzwischen biometrische Daten schnell und akkurat mit einer großen Datenbank abgleichen kann, die sich aus Informationen von Behörden, sozialen Netzwerken und digitalen Geschäften speist.


Wie das Gesicht zur Bankkarte wird

So besitzt jeder Chinese ab dem 16. Lebensjahr einen Personalausweis mit staatlich genehmigten Fotos, gegen dessen Vorlage man erst eine Handynummer und diverse Internetkonten erhält. Zur Sammlung weiterer Merkmale und Eigenschaften jedes einzelnen Menschen bieten Firmen zudem Lösungen an, die vordergründig auf Bequemlichkeit und Effizienz abzielen. Das eigene Gesicht dient dann auch mal als Ticket, Bankkarte oder als Schlüssel.

In Nanyang konnten Fluggäste der China Southern Airlines einfach ihr Gesicht zum boarden benutzen. Kunden der China Merchant Bank müssen an etwa 1000 Automaten nur noch ihr Foto abgleichen lassen, um Geld abzuheben. In der ostchinesischen Stadt Hangzhou können Kunden laut der Restaurantbetreiber „mit einem Lächeln bezahlen“. Wer KPRO betritt, eine Marke von Kentucky Fried Chicken in China, muss zur Identitätsverifizierung ein biometrisches Foto machen lassen und seine Telefonnummer angeben. Nach dem Essen muss er sein Gesicht noch einmal in den Scan halten und das Essen ist beglichen. Pekinger Studentinnen, die ihre Schlüssel vergessen oder verloren haben, können die Tür zu ihrem Wohnheim nach einem Gesichtsabgleich aufschließen, ohne einen Türknauf gedreht oder gedrückt zu haben.

Der Informationsdienstleister IHS Markit schätzt, dass in China momentan 176 Millionen Überwachungskameras im Einsatz sind, deren Anzahl bis 2020 auf 450 Millionen anwachsen wird. Die USA hat im Vergleich dazu 50 Millionen.

Anders als in Deutschland scheinen sich die Bürger kaum Sorgen um ihre zivile Freiheit, den Datenschutz oder die Privatsphäre zu machen. Die Sicherheitsmaßnahmen werden scheinbar nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als hilfreich bei der Kriminalitätsbekämpfung wahrgenommen. Eine offizielle Befragung oder Statistik zu dieser Frage gibt es jedoch nicht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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