Wachmänner in Flüchtlingsheimen: „Wir sind immer an vorderster Front“

Wachmänner in Flüchtlingsheimen: „Wir sind immer an vorderster Front“

, aktualisiert 21. Februar 2016, 21:41 Uhr
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Norman Schmidt (r) und sein Kollege Werner Bästle gehen durch die Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) in der Reinhardt-Kaserne in Ellwangen.

Quelle:Handelsblatt Online

Sicherheitsleute haben in Flüchtlingsheimen keinen leichten Job. Umso wichtiger ist gut geschultes Personal. Jüngste Vorkommnisse werfen aber ein schlechtes Licht auf die Branche. Der Verband fordert strengere Vorgaben.

EllwangenNorman Schmidt ist schockiert. Er ist Sicherheitsmann seit 14 Jahren. Er kennt seine Branche. „Dass man sich gegenseitig Aufträge abgräbt, das gibt es immer wieder“, sagt der 38-Jährige in der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (Lea) in Ellwangen (Baden-Württemberg). „Aber dass man Handgranaten schmeißt, dass hab ich noch nie gehört.“ Er ärgert sich. Es gebe viele schwarze Schafe in der Branche, aber dabei gehe es meist um schlechte Bezahlung und erbitterten Preiskampf. Nicht um Gewalt.

Am 29. Januar werfen Unbekannte eine Handgranate auf das Gelände eines Flüchtlingsheims in Villingen-Schwenningen. Viele sprechen rasch von Fremdenhass, doch der Anschlag im Schwarzwald geht allem Anschein nach auf einen Konkurrenzkampf unter Sicherheitsfirmen zurück. Seither wird nicht nur in Baden-Württemberg über die Frage diskutiert, wie sicher die Sicherheitsdienste sind.

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Der Zuzug von Asylbewerbern beschert den Wachdiensten einen Boom. Nach Schätzung des Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) überwachen derzeit 10.000 Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten bundesweit Flüchtlingsunterkünfte. Die Arbeit mit teils traumatisierten Asylbewerbern benötigt Feingefühl. Doch immer wieder geraten auch die Wachleute wegen Gewaltvorwürfen in die Schlagzeilen.

Norman Schmidt arbeitet für die Karlsruher Firma Siba. Er ist Objektleiter in der Lea in Ellwangen. Etwa 1500 Flüchtlinge leben hier, rund um die Uhr sind etwa 30 Sicherheitsleute im Einsatz. Die Wachmänner kontrollieren den Zugang zum Heim und achten auf die Einhaltung der Hausordnung. Die Tagschicht geht über 12 Stunden.

Die Wachleute sind über die ganze Kaserne verteilt, in der Kantine, am Infopoint, an der Pforte, sie laufen Streife am Kasernenzaun. Und sie sind immer mindestens zu zweit unterwegs. „Wir brauchen ausreichenden Schutz durch mögliche Bedrohungen von außen“, sagt Lea-Leiter Berthold Weiß. „Dann geht es aber auch um die innere Sicherheit, dass Abläufe ordentlich vonstattengehen. Ohne Sicherheitsdienst kriegst du das nicht gebacken.“ Und dann geht es natürlich auch um Schlägereien und Zwist unter den Asylbewerbern. In der Lea in Ellwangen bricht immer wieder Gewalt aus.


„Türsteher können wir nicht gebrauchen“

Die Wachmänner müssen Autorität besitzen, aber gleichzeitig sensibel mit teils traumatisierten Menschen umgehen. „Wir sind immer an vorderster Front“, berichtet Schmidt. Er läuft über das Gelände, trägt Stiefel mit Stahlkoppe, ein rotes Barett. An der kräftigen Brust hängt ein weißer Ausweis, darauf die Nummer „00001“. Schmidt berichtet vom Alltag in der Lea, von vielen Missverständnissen. „Meist geht es um Kleinigkeiten, sie streiten um ein Handykabel, wer zuerst an den Zigarettenautomaten darf“, erzählt er. „Dann muss man mit Händen und Füßen erklären, dass jeder drankommt.“

Das klappt nicht immer. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wird Schmidt bei einem Tumult in einen Bauzaun geschubst und bricht sich den Arm. Eine Woche später läuft der 38-Jährige wieder Streife. „Das ist mein Job“, sagt er. Er sei nicht nachtragend, der Flüchtling sei eben betrunken gewesen. „Wir schätzen, dass es kein martialisches Auftreten gibt und das sie mit der notwendigen Empathie mit Flüchtlingen umgehen“, sagt Lea-Chef Weiß.

Längst nicht alle Sicherheitsunternehmen genießen einen guten Ruf. Im Herbst 2014 schrecken Berichte über Misshandlungen von Flüchtlingen durch Wachleute in nordrhein-westfälischen Notunterkünften auf. Ein umstrittener Sicherheitsdienst in Schleswig-Holstein sorgte zuletzt für Aufsehen, weil er straffällig gewordene Mitarbeiter in Erstaufnahmen für Flüchtlinge einsetzte.

„Wir wollen von Einzelfällen nicht auf 220.000 Mitarbeiter der Branche schließen“, sagt BDSW-Sprecherin Silke Wollmann. Allerdings reiche bereits ein 40-stündiger Kurs bei der Industrie- und Handelskammer, um Wachmann im Flüchtlingsheim zu werden. Der Bundesverband fordert strengere Vorgaben für Wachleute. „Qualifikationen in kultureller Kompetenz und Deeskalation sollten Grundvoraussetzungen sein“, so Wollmann. Das sieht auch Siba-Firmensprecher Joachim Feldhaus so: „Leute aus der Türsteherszene können Sie hier nicht gebrauchen.“

Quellle:  Handelsblatt Online
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