Währungsexperte: Hilfe für Schuldenstaaten wird zur Rutschbahn

Währungsexperte: Hilfe für Schuldenstaaten wird zur Rutschbahn

von Bert Losse

Währungsexperte Manfred Neumann über die riskanten Hilfspläne für Griechenland, die Gefahr einer Zweiteilung in der Europäischen Währungsunion, Hilfen des Internationalen Währungsfonds und die Crash-Gefahr.

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Manfred Neumann, Geld- und Währungsexperte

WirtschaftsWoche: Professor Neumann, Bundesregierung und EU denken nun doch über Finanzhilfen an Griechenland nach. Im Gespräch sind bilaterale Kredite und Bürgschaften für Schuldverschreibungen. Macht das Sinn?

Neumann: Ich kann davor nur warnen. Wenn sich die EU bei Griechenland großzügig zeigt, karikiert sie die – durchaus vorhandenen – Sparanstrengungen anderer Länder. Mehr noch: Griechenland ist ein Präzedenzfall. Wie die EU damit umgeht, wird die Zukunft der Wirtschafts- und Währungsunion entscheidend beeinflussen. Jeder Staat mit Schuldenproblemen wird künftig die gleichen Hilfen einfordern, die Griechenland gewährt wurden. Wir geraten da auf eine gefährliche Rutschbahn!

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Im Raum steht auch die Idee einer gemeinsamen Euro-Anleihe, über die sich Griechenland zu niedrigeren Zinsen verschulden könnte.

Das wäre ökonomisch fatal. Damit umgeht man die Disziplinierungsfunktion des Kapitalmarkts, der derzeit hohe Risikoaufschläge von Griechenland verlangt. Und das wiederum würde den Reformdruck senken.

Glauben Sie ernsthaft, die Griechen können die Krise aus eigener Kraft meistern?

Man darf sie zumindest nicht aus dieser Verantwortung entlassen. Je mehr Hoffnung nun auf ein externes Hilfspaket besteht, umso mehr erlahmt die Bereitschaft der Politiker und Bürger, spürbare Einschnitte vorzunehmen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die griechische Bevölkerung den Ernst der Lage erkannt hat. Ich befürchte, die griechische Regierung hat, um die EU milde zu stimmen, mehr versprochen, als sie gegenüber ihrer Bevölkerung durchsetzen kann.

Wäre es nicht an der Zeit, den Internationalen Währungsfonds ins Boot zu holen?

Ja. Griechenland könnte bestimmt einen kurzfristigen Zahlungsbilanzkredit des IWF bekommen. Nur gibt es dagegen massive politische Vorbehalte, nicht nur im Land selbst, sondern auch in der EU. Viele sehen den Gang zum IWF als Eingeständnis, dass Europa zu schwach ist, sich selbst zu helfen.

Nach Griechenland könnten nun auch Spanien und Portugal an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten. Wie stabil ist die Währungsunion überhaupt noch?

Langfristig droht eine ökonomische Zweiteilung der Währungsunion in eine relativ stabile Nordzone und eine hochverschuldete, von Transfers abhängige Südzone. Am Ende dieser Entwicklung könnten durchaus auch zwei verschiedene Währungen stehen. Es war ein zentraler Konstruktionsfehler der Währungsunion, dass man auf die Option verzichtete, penetrante Schuldenmacher einfach wieder hinauszuwerfen...

...stattdessen sollte der Stabilitäts- und Wachstumspakt für stabile Staatsfinanzen sorgen. Hat der Pakt angesichts der europaweiten Schuldenkrise überhaupt noch praktische Relevanz?

Die Defizitgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist ein stumpfes Schwert geworden, das können sie vergessen. Aber es gibt eine gewisse Regulierung durch den Markt. Länder, die sich von der Drei-Prozent-Grenze deutlich wegbewegen, bekommen erhebliche Probleme an den Kapitalmärkten. Durch diese Signalfunktion ist der Stabilitätspakt ökonomisch nach wie vor von Wert.

Die aktuelle Krise hat den Euro ins Trudeln gebracht, die Gemeinschaftswährung gerät zunehmend ins Visier von Spekulanten. Wie real ist die Gefahr eines Euro-Absturzes?

Einen Crash sehe ich nicht. Es kann aber gut sein, dass der Euro auf längere Sicht, also zwei bis drei Jahre, absackt – wenn die EU im Fall Griechenland falsch reagiert.

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