Wahlkampf in der Camargue: Torera gegen Macho

Wahlkampf in der Camargue: Torera gegen Macho

, aktualisiert 10. Juni 2017, 08:23 Uhr
von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Der strukturschwache Süden ist eigentlich seit Jahren ein großes Wählerreservoir der Rechtsextremen. Eine Kandidatin von Macrons „En Marche“ könnte dem Front National jetzt aber eine empfindliche Niederlage bereiten.

CamargueSamstagmorgen in Gallician, einem 1000-Seelen-Dorf in der Camargue südlich von Nimes. Die Straßen sind verlassen, die Schule „Vincent van Gogh“ mit gekachelten Stieren an der Fassade ist geschlossen. In einer Woche findet der erste Wahlgang zur Nationalversammlung statt. Hier im äußersten Süden Frankreichs, im zweiten Wahlkreis des Département Gard, tobt eine der härtesten Schlachten, zwischen dem rechtsextremen Front National  und Emmanuel Macrons Bewegung „La République en Marche“. Die Quereinsteigerin Marie Sara könnte dem FN-Politiker Gilbert Collard den Wahlkreis abnehmen.

In der warmen Vormittagssonne ist von der Auseinandersetzung nicht viel zu spüren. Es ist die Zeit der Ferias, der Stierkämpfe. In Nimes und Umgebung hält man die Tradition hoch. Da wird bis weit in die Nacht gefeiert, viele schlafen am Samstag aus: Der nächste Stierkampf steht erst am Nachmittag auf dem Programm. Vor dem Gemeindesaal haben sich ein paar Dutzend Menschen versammelt. Im Schatten warten sie auf Gilbert Collard: Lokalmatador und seit fünf Jahren einer von zwei FN-Abgeordneten in der Nationalversammlung.

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In Gallician stimmten bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl Anfang Mai 70 Prozent für die FN-Chefin Marine Le Pen. Der strukturschwache Süden ist seit Jahren eines der großen Wählerreservoirs der Rechtsextremen. Den Süden des Département Gard kennt man wegen seiner Reisfelder, der weißen Camargue-Pferde und der pechschwarzen Stiere. Doch dfie soziale Lage ist weniger idyllisch: Die Arbeitslosigkeit liegt mit 17 Prozent weit über dem nationalen Durchschnitt. Gleichzeitig haben viele Franzosen Angst vor den Muslimen. Lunel, 30 km von Nimes entfernt, ist die Hochburg der französischen Dschihadisten. Aus keinem anderen Ort sind mehr junge Männer in den Krieg nach Syrien gezogen.

Aus all diesen Gründen hatte der 69-jährige Collard seine Wiederwahl quasi schon in der Tasche – bis Marie Sara kam. Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich rief die 52-jährige frühere Stierkämpferin an und fragte sie, ob sie gegen Collard antreten würde, für seine Bewegung „La République en Marche“ (LREM). „Ich habe zugesagt, weil ich etwas für die Menschen hier tun will, und damit Collard nicht erneut gewählt wird“, sagt die Frau, die aus  der Gegend von Paris stammt, aber seit fast 40 Jahren im Süden lebt.

Sara ist Collards Fluch. Sie ist sehr populär, verkörpert die Traditionen des Südens. Sie züchtet Stiere, leitet die Arenen von Saintes-Maries-de-la-Mer und Aigues Mortes. Die Seiteneinsteigerin, die vorher nie politisch aktiv war, kann die Karriere des Abgeordneten beenden - und damit zugleich beweisen, dass man den FN sogar in seinen Hochburgen zurückschlagen kann.

Aber Collard zu besiegen ist kein Kinderspiel. Anders als manch einfach gestrickte Rechtsextreme ist der Anwalt kultiviert und schlagfertig. Seine flinke Zunge ist gefürchtet. Selber nicht FN-Mitglied, leitet er das „Rassemblement bleu marine“, eine Vorfeldorganisation für Marine Le Pen. Der in Marseille Geborene und auf dem elterlichen Schloss Aufgewachsene hat politisch schon hinter manchem Busch gesessen: Er war bei den Trotzkisten, den Sozialisten, hat bei einer Partei der linken Mitte mitgemacht und sich auch schon mal zu den Konservativen bekannt. Seine große Bühne fand er dann erst vor wenigen Jahren beim FN, den er ständig bei Fernsehdebatten vertritt.

Am Samstag lässt er auf sich warten. Gelegenheit, mit ein paar von seinen Anhängern zu sprechen. Jean-Pierre ist pensionierter Mercedes-Vertreter für Südeuropa. „Ich war für Unimogs und landwirtschaftliche Spezialfahrzeuge verantwortlich, habe auch ein paar Jahre in Spanien gelebt.“ Er bewundert Deutschland, wegen der Disziplin und weil es keine Distanz zwischen Managern und Arbeitern gebe, das sei anders als in Frankreich. Von der Schließung der Grenzen und dem Austritt aus dem Euro, die der Front National fordert,  hält er überhaupt nichts, das würde Frankeich nur schaden.

Der Front National stelle aber keine Gefahr dar, er selber sei allerdings hauptsächlich aus persönlicher Freundschaft zu Collard hier. „Marie Sara ist eine tolle Frau, aber politisch hat sie überhaupt keine Erfahrung, da hat Macron einen schweren Fehler gemacht.“ So ganz entscheiden kann sich Jean-Pierre nicht: Er wünscht keine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung für Macron, „aber ich will auch nicht, dass ihn das Parlament blockiert, eine Blockade ist das Letzte, was wir brauchen.“ 

Frédérique, Ende 50, weiße Hose und flache Cowboystiefel, ist weniger gelassen. „Sara, die hat schon vier Männer verschlissen.“ giftet sie. Gegen Collard habe sie keine Chance. Macron hält sie für einen eingebildeten Burschen: „Lässt eine Rede an die Amerikaner auf Englisch ausstrahlen, wofür hält der sich denn?“ Ist sie nicht ein wenig stolz auf einen Präsidenten, der so polyglott ist? „Überhaupt nicht, er ist der französische Staatspräsident, da soll er gefälligst Französisch reden.“ Dann steckt sie zurück: „Eigentlich darf ich ja gar nicht hier sein, ich bin Collards Wahlkreis-Mitarbeiterin, da darf ich mich nicht am Wahlkampf beteiligen.“ Wir sagen es nicht weiter.

Mit einiger Verspätung kreuzt Collard vor der Halle in Gallician auf, das blaue Batikhemd locker über der Hose hängend. Triumphierend schwenkt er einen großen, bunten Blechhahn. „Leute seht Euch das an, den musste ich einfach kaufen, ich taufe ihn auf den Namen Gallician!“ Collard gibt gerne den volkstümlichen Spaßvogel. Dabei schießt er manchmal übers Ziel hinaus, vor allem seit Sara ihm im Nacken sitzt. Sie sei „feige und hat keine cojones“, hat er ihr vorgeworfen. Die Attackierte blieb gelassen: „Im Klartext sagt er, ich habe keine Eier. Stimmt, die wären mir beim Reiten auch eher hinderlich. Aber was den Mut angeht würde ich gerne mal sehen, wie er sich einem Stier gegenüber hält.“ Im Süden mag man es handfest.


Macron und der Tod des Parlaments

Collard begrüßt die Anwesenden mit Handschlag, er wohnt im Ort. Obwohl nur rund 30 Zuhörer erschienen sind, hält er eine halbstündige Rede, vom Leiden der Menschen in der Region, dem Niedergang der Land- und Weinwirtschaft, „weil wir zum Beispiel den Billigwein aus Spanien reinlassen, der unsere strengen Vorschriften nicht einhält“ über Macron, „dieses reine Produkt des Finanz-Supermarktes“, der mit Erlassen regieren wolle und eine „absolutistische Monarchie“ anstrebe. Die En Marche-Abgeordneten würden ihre Rechte sofort an die Regierung abtreten, „dann gäbe es keinen Collard mehr, der aufsteht und sie anschnauzt!“ Empört schüttelt Collard seine Löwenmähne.

Den „Tod des Parlaments“ bereite Macron vor. Langsam werden die Collard-Anhänger, fast alle im Rentenalter, munter. Jetzt ist der Boden bereitet, um die Torera direkt anzugehen: „In den Pariser Salons haben sie sich überlegt: Wir brauchen gegen Collard jemanden, der mediengerecht ist.“ Brigitte Macron habe die Idee gehabt: „Fragen wir doch Marie Sara, die Freundin unserer Kulturministerin, die erlegt hoch zu Ross Collard, dieses Ungeheuer!“ Das funktioniert immer: die ruchlosen Machenschaften der Pariser Salons gegen den bodenständigen FN ins Feld führen.

Dann singt Collard das Lied vom Niedergang Frankreichs. „Alle zwei Tage begeht ein Landwirt Selbstmord, aber der Regierung ist das egal, der geht es nur darum, Flugzeuge von Airbus zu verkaufen.“ Damit nicht genug: „Die Migranten kommen weiter, die Terroristen organisieren sich weiter, die Polizei kann nicht arbeiten – und Macron will sogar ein europäisches Asylrecht.“ Dann könnten „alle nach Frankreich reinkommen, stellt Euch mal vor wie das wird, wenn erst die Türkei in der EU ist!“ Collard läuft im Raum auf und ab, als müsse er jetzt persönlich die Grenze sichern. Ein Seufzer entringt sich seiner Brust: „Ich leide, wenn ich sehe, was aus Frankreich wird – wir sind ein christlich-jüdisches Land, aber die Heilige Jungfrau dürfen wir nicht mehr an der Moschee vorbeitragen und eine Weihnachtskrippe in der Öffentlichkeit aufzubauen ist verboten.“ Collard ist geschickt genug, um gleich dem Rassismus-Vorwurf zu entgehen: „Man kann Frankreich lieben, wenn man aus Marokko, Italien oder Norwegen kommt, jeder ist willkommen, wenn er unsere Gesetze respektiert, ist das klar, Scheiße?“ redet er sich künstlich in Rage.

Draußen zwitschern friedlich die Vögel, aber Collard steigert sich weiter, ist sogar zum Märtyrertod bereit: „Bis zuletzt werde ich kämpfen für unser Frankreich, und wenn ich einmal nicht mehr kämpfe, dann tötet mich!“ Die Gefahr besteht nicht, die meisten dürften zu alt sein, um Hand an ihn zu legen. Collard hat es geschafft, eine halbe Stunde zu reden und keinen einzigen konkreten Vorschlag zu machen. Seine Anhänger fühlen sich aber gut unterhalten, von allen Seiten drängt man dem Abgeordneten nach diesem rhetorischen Kraftakt einen Becher Rotwein mit Eiswürfeln auf. Im direkten Gespräch schaltet er blitzschnell um, gibt jetzt den nachdenklichen Intellektuellen: „Mir macht Sorge, das Macron auf eine Art Einparteiensystem zusteuert. Kennen Sie den Brief von Sigmund Freud an Stefan Zweig, in dem er vor der Gefahr der heraufziehenden Diktatur warnt?“

Nicht schlecht für einen FN-Mann, da könnte man glatt die rechtsextremen Wurzeln der Partei vergessen. Aber wie steht es mit dem FN selber, will der nun aus dem Euro raus oder nicht? In seiner Rede hat Collard die in die Kritik geratene Marine Le Pen nicht ein einziges Mal erwähnt. Es ist fast, als existiere sie nicht mehr für ihn. „Ich habe ihr schon 2012 gesagt, dass der Ausstieg aus dem Euro Unsinn ist, das denke und sage ich noch heute.“ Aber Le Pen bleibt bislang dabei. „Auf dem nächsten Kongress wird abgestimmt, dann werden wir sehen, was die Mitglieder wollen.“ gibt Collard sich zuversichtlich. Ist er genauso sicher gegen Marie Sara zu gewinnen? „Sicher ist überhaupt nichts.“

Das angebliche Produkt der Pariser Salons hat am Nachmittag in das „Café du Commerce“ in einem Dorf mit den schönen Namen Bonvoisin (guter Nachbar) eingeladen. Unter einer Torera stellt man sich unwillkürlich ein Muskelpaket vor, aber Marie Sara ist so klein und zierlich, dass man sie fast übersieht, vor allem neben ihrem hünenhaften Wahlkampfmanager Manu, Sohn spanischer Einwanderer. Sie hält vor den rund 40 Anwesenden nur eine ganz kurze Rede. Der Kontakt zu Macron kam durch ihren vor genau einem Jahr verstorbenen Mann Christophe Lambert zustande, korrigiert sie die Version von Collard. „Christophe hat mit Macron zusammen in der ‚Kommission Attali‘ gearbeitet, die Vorschläge für mehr Wachstum erstellt hat, darüber haben wir uns schon vor einigen Jahren kennengelernt.“ Collards Sprüche über sie kennt Sara, sie findet sie frauenfeindlich und geschmacklos, es sei aber sinnlos, eine Diskussion mit ihm zu versuchen: „Daraus macht er sofort einen Faustkampf und persönliche Beleidigungen.“ Dem Wahlkreis habe er nichts gebracht, „die meisten Bürgermeister haben ihn nie gesehen, er ist entweder in Paris oder in seinem Dorf Gallician.“

Doch eingeschüchtert wirkt sie nicht. „Viele Freunde haben mich vor der Kandidatur gewarnt, ich würde Prügel bekommen.“ Nicht das mache ihr Angst, sondern „die Erwartungen der Menschen, die mich lieben.“ Sie wisse nicht, ob sich im fernen Paris alles durchsetzen lasse, was sie vorhabe. Schon jetzt habe sie so viel gelernt, dass die Kampagne eine Bereicherung sei: „Ich hatte nicht erwartet, so viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen, so viele verschiedene Probleme und Lebenslagen – egal wie es ausgeht, das war eine fantastische Erfahrung.“ Die Menschen suchten ganz konkrete Lösungen für ihre Probleme und seien es nicht mehr gewöhnt, dass man ihnen zuhöre.

Sara schockiert, wie wenig für den ärmsten Teil des Départements getan wird. „Viele Kinder müssen 20 km oder mehr zur Schule fahren.“ Um die Kinder der Migranten müsse man sich kümmern, „die übernehmen ganz selbstverständlich regionale Traditionen, bei den Ferias sieht man vor allem junge Migrantenkinder, aber man will nichts von ihnen wissen, tut so, als gehörten sie nicht dazu.“ Allerdings gebe es auch „einen Mangel an Mobilität bei diesen Jugendlichen, geografisch wie beruflich.“ Eine Lösung könne sein, mehr für die Berufsausbildung zu tun. Es gebe im Wahlkreis 3500 Handwerksbetriebe, die oft keine Lehrlinge fänden, da könne man beiden Seiten helfen. Marie Saras großer Traum ist es, Umweltschutz und Wirtschaftsförderung zu verbinden: Im Winter zerschlagen Stürme des Mittelmeers immer wieder Strände und Deiche, man müsse umdenken beim Küstenschutz: „Noch höhere Deiche haben keinen Sinn, wir müssen dem Wasser Raum lassen“, das könne man verbinden mit einem anderen Tourismus. 

So richtig kann man sich nicht vorstellen, dass diese Frau Jahre lang davon gelebt hat, 600 kg schwere Kampfstiere abzustechen, insgesamt um die 1000, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Spanien, Mexiko, Venezuela und Kolumbien. Inzwischen beschäftigt sie sich mit friedlicheren Projekten. An Ideen mangelt es der Unternehmerin nicht, und auch der Gedanke an die Parlamentsarbeit schreckt sie nicht: „Einen Antrag zu stellen und vernünftig zu begründen, das kann man lernen, aber den Menschen hier zuhören, sich für sie zu interessieren, das kann man nicht lernen.“

Neben Sara steht ihre Stellvertreterin Katy Guyot. Im April wollte sie noch selber für die Sozialisten kandidieren, dann hat sie verzichtet. Leicht gefallen ist ihr das nicht: In Frankreich nimmt die Stellvertreterin voll am Wahlkampf teil, rückt aber nur nach, wenn die gewählte Abgeordnete ins Kabinett oder in den Staatsrat aufrückt. Bei einem Ausscheiden aus anderen Gründen verschwindet auch die Stellvertreterin und es gibt Neuwahlen. Manu, der Wahlkampfmanager, hat sich schon 2014 von den Sozialisten getrennt und ist jetzt nur auf Zeit in die Politik zurückgekommen, um Sara Kontakte zu vermitteln.

Seine und Katys Arbeit scheinen Früchte zu tragen: Sara sagt freudestrahlend, dass sie einer neuen Umfrage nach Collard schlagen wird. Am meisten daran würde sie freuen, „zu zeigen, dass dies hier keine Region von Faschos ist, wie man überall glaubt.“ Torera gegen Macho: Am 18. Juni wissen wir, wer das Duell gewinnt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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