
Vielleicht gehört die junge Schwester Ebisch aus Freiberg in Sachsen zu den letzten Deutschen, die noch ausgezogen sind nach Amerika, um das gelobte Land zu finden. Es sind ja nicht mehr viele hierzulande, die an das Numinose der Vereinigten Staaten glauben. Schwester Ebisch, 21, aber, Missionarin der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, schleust täglich zweifelsfrei von neun bis neun Besucher durch den himmelsgleichen Tempelbezirk der Mormonen in Salt Lake City, unbefleckt und porentief rein: geweißte Gebäude, diszipliniertes Gras. Die Petunien blühen, die Brunnen plätschern. Kein Wind raut die glatte Oberfläche der künstlich angelegten Tümpel auf.
„Jesus möchte, dass wir hier glücklich sind“, sagt Schwester Ebisch. Deshalb habe es den Messias, auferstanden von den Toten, auch sogleich nach Amerika gezogen. Von wegen Kolumbus und Santa Maria… – Amerika wurde nicht von Europäern entdeckt. Sondern von Jesus Christus erweckt.
Nächstenliebe auf Amerikanisch
Selbstverständlich liebt John Yancey seine Nächsten wie sich selbst. Nur dass er eben deshalb nichts zu verschenken hat. Yancey arbeitet bei Deseret Industries, der Sozialabteilung des Mormonen-Konzerns. Im laborhygienischen Supermarkt für Bedürftige sind Milch, Kartoffeln und Konserven soldatisch streng gruppiert wie auf einem Gursky-Foto. Man verzichtet auf Preisschilder, denn wer hier was kauft, bezahlt als Putzkraft und Palettenschieber und „belohnt sich auf diese Weise mit Selbstachtung“, sagt Yancey.
In der staubfreien Sammelstelle für Altkleider sortieren 130 Immigranten Hosen und Sweater für sechs Dollar die Stunde. „Wir bringen ihnen bei, sich rein zu halten, pünktlich zu sein, den Anweisungen des Vorgesetzten zu folgen“, sagt Gruppenleiter James Goodrich, „kurzum: Wir helfen ihnen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihr Leben zu leben.“ Maximal ein Jahr dauert der Arbeitsunterricht. Wer seine Chance nicht nutzt, muss sich woanders eine neue suchen.










