Was vom Wahlkampf bleibt: „Niemand ist im Mauerbauen so gut wie Trump“

Was vom Wahlkampf bleibt: „Niemand ist im Mauerbauen so gut wie Trump“

, aktualisiert 08. November 2016, 11:45 Uhr
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Die beiden Präsidentschaftskandidaten bei ihrem ersten TV-Duell im September.

von Kirsten LudowigQuelle:Handelsblatt Online

Noch steht nicht fest, wer ins Weiße Haus einzieht. Klar aber ist: Es war ein Wahlkampf der Extreme, wie ihn das Land und die Menschen noch nie erlebt haben. Das lag vor allem an Donald Trump. Aber nicht nur.

WashingtonEs ist eine dieser Szenen, die in Erinnerung bleiben. Rockmusik erklingt, Donald Trump erscheint auf einer der oberen Etage in seinem Trump Tower in New York City. Seine rote Krawatte leuchtet, das weiße Kleid seiner Frau Melania nicht minder. Beide fahren die Rolltreppe runter. Trump winkt, Trump reckt die Daumen in die Höhe, Trump lässt sich feiern. Er strotzt vor Selbstbewusstsein. Auf einem Podium vor insgesamt acht Sternenbannern – eine zusätzliche Flagge im Mini-Format ziert das Reverse seines Anzugs – verkündet er seine Kandidatur als US-Präsident.

Mit diesem Auftritt empfahl sich der Immobilienmogul und Politik-Laie im Juni vergangenen Jahres für den Einzug ins Weiße Haus. Und seine Bewerbungsrede ließ erahnen, was noch so alles an markigen Sprüchen von ihm kommen würde. So kündigte er schon damals an, im Kampf gegen illegale Einwanderer eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu wollen. Denn: „Niemand ist im Mauerbauen so gut wie Trump.“

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Gut ein Jahr später – und nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag – wurde Trump der offizielle Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Die Demokraten nominierten Hillary Clinton. Es folgte ein Wahlkampf, wie ihn Amerika noch nie erlebt hat. Vieles war außergewöhnlich: Nicht die hitzigen Diskussionen, die sich die Kontrahenten lieferten, nicht die Anfeindungen zwischen den Lagern, auch nicht das Suchen nach Skandalen beim Gegner. All das gab es auch früher schon.

Was den Wahlkampf um die 45. US-Präsidentschaft von allen bislang dagewesenen unterschied, ist die Person – man könnte durchaus sagen die Marke – Trump. Der Mann mit der markanten Frisur, die US-Late-Night-Talker Jimmy Fallon in seiner TV-Show mit unverhohlener Freude verstrubbelte, polarisierte: mal mit rassistischen Aussagen, mal mit frauenverachtenden Aussagen; fast immer unflätig.

Er beleidigte: Ob den ehemalige Präsidentschaftskandidaten und Vietnam-Veteran John McCain oder TV-Duell-Moderatorin und Fox-News-Mitarbeiterin Megyn Kelly. Selbst Papst Franziskus meldete sich öffentlich zu Wort und kritisierte, Trump verhalte sich unchristlich.

Doch dem nicht genug. In einem Video aus dem Jahr 2005 geriert sich Trump als Frauenjäger und brüstet sich mit sexuellen Übergriffen. Er legte sich mit den aus Pakistan stammenden Eltern eines gefallenen muslimischen US-Soldaten an. Er weigert sich, seine Steuererklärung zu veröffentlichen, obwohl das im Wahlkampf üblich ist. Die „New York Times“ berichtete in dem Zusammenhang, Trump habe 1995 dem Fiskus einen Verlust von fast einer Milliarde Dollar gemeldet und so möglicherweise über 18 Jahre lang keine Steuern gezahlt.

Und es blieb nicht bei dem Vorhaben Mauerbau: Nach einem Terrorangriff in San Bernardino forderte Trump ein komplettes Einreiseverbot für Muslime. Waterboarding – also vorgetäuschtes Ertränken – wollte er wieder als Verhörmethode einführen. Nafta, das Freihandelsabkommen mit Kanada, sollte entweder neu verhandelt oder aufgekündigt werden. Die Nato bezeichnete er als „obsolet“ und sprach Russlands Präsident Wladimir Putin seine Bewunderung aus.


Die unbeliebtesten Präsidentschaftsanwärter der letzten 30 Jahre

Dazu kommt: Trump fällt in Faktenchecks von Medien regelmäßig durch. „Ein Präsidentschaftskandidat sagt Sachen, die offenkundig falsch sind – und wird dafür nicht abgestraft“, konstatiert Yoni Appelbaum, der das Politikressort von „The Atlantic“ leitet. „Das Jahr 2016 hat gezeigt, dass selbst die krassesten Aussagen den Wahlkampf kaum beeinflussen“, erklärt der Journalist. Diese Erkenntnis sei für Politiker ziemlich deprimierend.

Trumps Verhalten, da sind sich Experten einig, hätten die Amerikaner bei keinem anderen Bewerber für das Oval Office toleriert. Und er trifft einen Nerv: Die US-Wirtschaft wächst zwar solide, aber die Einkommensunterschiede im Land sind groß. Weniger als 50 Prozent der Amerikaner gehören aufgrund stagnierender Löhne und steigender Kosten noch zur Mittelschicht. Viele fühlen sich abgehängt und zählen auf Trumps im Wahlkampfslogan manifestiertes Versprechen, Amerika wieder großartig zu machen.

Doch es ist nicht nur Donald Trump, der den Wahlkampf 2016 einzigartig macht. Es ist noch ein zweites Phänomen: Weder er noch Hillary Clinton werden von den Wählern wirklich gemocht. Im Gegenteil. Laut Umfragen des TV-Senders „ABC News“ und der Zeitung „Washington Post“ sind Trump und Clinton die unbeliebtesten Präsidentschaftsanwärter in den vergangenen 30 Jahren.

Auch die Meinungsforscher von Morning Consult aus Washington schrieben im Mai von den „unpopulärsten Kandidaten in der modernen Geschichte“. Auch Clinton, die sich gern als verlässlich inszeniert, kam bei der Umfrage nicht gut weg. Sie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Viele bezeichneten sie als nicht vertrauenswürdig, teils sogar als korrupt.

Die 69-Jährige geriet im Wahlkampf immer wieder unter Beschuss wegen der sogenannten E-Mail-Affäre. Sie hatte in ihren vier Jahren als Außenministerin unter Verstoß gegen geltende Regeln private und somit nicht sonderlich geschützte Server für ihre dienstliche Kommunikation genutzt. Sogar das FBI ermittelte, auch wenn eine erneute Prüfung keine Anhaltspunkte für eine Anklage ergeben hat. Der Schaden ist da.

Pest oder Cholera, heißt es für viele Wähler wie Jim. Der Mann steht am Sonntagabend vor den Toren einer Trump-Veranstaltung in der Kleinstadt Leesburg, Virginia, etwa eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Washington entfernt und verteilt Flyer. Darauf sind die Positionen von Clinton und Trump zu einzelnen Themen aufgeführt: Das steht zum Beispiel in der Mitte „Obamacare ersetzen“ und dann ein rotes „Yes“ unter Trumps Konterfei, ein blaues „No“ unter Clintons.

Jim ist Republikaner aus Überzeugung und wählt Trump. Auch wenn er ihn nicht mag. „Er ist nicht gewissenhaft und zu nationalistisch“, sagt er. Er sei problematisch, das stimme durchaus. „Er macht mich nervös.“ Aber Clinton unterstützen? Nein, das gehe gar nicht.

Für so manchen Beobachter ist der Wahlkampf der Grund, warum so viele Amerikaner – nämlich rund 40 Millionen – in der Nacht zum vergangenen Donnerstag die Entscheidung in der World Series der Major League Baseball im Fernsehen verfolgten. „Es war das meistgesehene Baseball-Spiel in 25 Jahren, weil es eine so wundervolle Ablenkung im Wahlkampf war“, sagt ein Fan. „Man favorisiert ein Team, aber im Grunde mag man beide.“ Das könne man von Clinton und Trump nicht behaupten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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