Weblog Phönix oder Drache: Wo ist das typische Peking geblieben?

Weblog Phönix oder Drache: Wo ist das typische Peking geblieben?

Pekings Bemühungen, sich als vorbildlicher Olympia-Gastgeber zu präsentieren, treiben bisweilen mekwürdige Blüten. Bei mir um die Ecke, in der Stadtmitte, gab es bis vor kurzem eine ganze Reihe gemütlicher, kleiner Restaurants. Die Läden haben Nudeln, gefüllte Teigtaschen und Gemüsegerichte frisch zubereitet. Man saß auf kleinen Plastikhockern auf der Straße und aß. Die Restaurants waren einfach, aber es schmeckte – ein kleines Stück typisches China eben. Jetzt sind die Nudelbuden mit pinkfarbenen Brettern verrammelt.

Sie werden erst nach den Spielen wieder geöffnet. Chinas Behörden haben die Schließung verordnet, weil sie meinen, die ausländischen Besuchern sollten solche einfachen Restaurants nicht zu Gesicht bekommen. Zu primitiv, denken sie, Peking soll sich als saubere, aufgeräumte und moderne Metropole präsentieren. Dass viele Touristen aus dem Ausland aber genau solche typisch chinesischen Restaurants suchen und nicht nur in klinisch-sterilen Fünf-Sterne-Hotels esssen wollen, haben viele Chinesen nicht verstanden. Bei den Spielen in Seoul 1988 haben wir es genossen, spätabends noch in einfachen Straßenbuden zu essen.

Andere Restaurants in Peking, die die Regierung für die Zeit der Spiele nicht geschlossen hat, mussten ihre Speisenkarten entrümpeln. Hund gibt es derzeit nicht, vorübergehend verschwunden ist von den Menüs auch der in Peking beliebte „gedünstete Ochsenpenis mit Pilzen“. Man muss es ja nicht mögen und schon gar nicht bestellen. Aber es ist typisch Chinesisch. Warum schämen sich die Chinesen ihrer Kultur und versuchen um jeden Preis westlich zu erscheinen? Bei allem was sie im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen tun und getan haben, so scheint es, schwingt die Angst mit, sich vor der internationalen Öffentlichkeit zu blamieren. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein täte den Chinesen manchmal gut.

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In den Monaten vor den Spielen habe ich zahlreiche Chinesen zu den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele interviewt. Regierungsvertreter, Studenten, Privatunternehmer, Professoren, Arbeiter. Keiner hat es besser auf den Punkt gebracht als Pan Shiyi, einer der größten und bekanntesten Immobilienunternehmer Chinas: „Die Regierung wollte es 150-prozentig machen“, sagte Pan über die Vorbereitungen, „und erreicht dadurch das Gegenteil dessen, was sie wollte.“ Das ist übrigens chinesische Philosophie. Wann immer man seine Bemühungen und Anstrengungen für eine Sache bis zum Extremen treibt, heißt es in den Klassikern, schlägt das gewünschte Resultat ins Negative um. Yin und Yang sind aus dem Gleichgewicht – besonders jetzt bei den Olympischen Spielen.

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