Wegen Vogelgrippe: Frankreich vor der Leberkrise

Wegen Vogelgrippe: Frankreich vor der Leberkrise

, aktualisiert 21. Januar 2016, 19:53 Uhr
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Die als Badenixe bekannt gewordene Schauspielerin kritisiert die Mastmethoden französischer Erzeuger.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Eine Vogelgrippen-Epidemie zwingt die Erzeuger im Südwesten Frankreichs, ihre Ställe zu leeren. Die Folge: Im Sommer wird es in dem Land an Stopfleber mangeln. Manche sehen es als Desaster – Pamela Anderson als Chance.

ParisFür Feinschmecker ist es ein Desaster, für Tierschützer eine Genugtuung: Frankreich steht vor einer massiven Verknappung der beliebten Enten- und Gänse-Stopfleber. 19.000 Tonnen Fettleber stellt Frankreich pro Jahr her, das ist der allergrößte Teil der EU-Erzeugung von 24.000 Tonnen. Der Staat hat die Erzeuger im Südwesten dazu verdammt, ab April ihre Ställe leer stehen zu lassen, um eine Vogelgrippen-Epidemie zu bekämpfen. „Le Sud-Ouest“ erzeugt aber mehr als zwei Drittel der in Frankreich verarbeiteten Vögel. Ohne Enten und Gänse auch keine Fettleber, kein Confit de Canard und keine Entenbrust.

Pamela Anderson, nicht mehr im Schwimmeinsatz stehende kalifornische TV-Strandwächterin eilte am Dienstag den französischen Tierfreunden zu Hilfe und forderte, die Krise als Chance zu sehen: „Wir fordern ein generelles Verbot, die Mastmethoden erinnern an das Alte Rom und Ägypten, als die menschliche Brutalität ihren Höhepunkt erreicht hatte.“ sagte die als Badenixe bekannt gewordene Schauspielerin in der französischen Nationalversammlung. Dort trat eine ganze Gruppe von Freunden der Schwimmvögel auf. Auf den Vergleich mit Rom kam bislang noch niemand, er sorgte bei Vertretern der Erzeuger ein wenig für Verwirrung. Wenig elegant schlug dagegen ein konservativer Abgeordneter per Twitter zurück: „Pamela Anderson – in foie gras ist kein Silikon!“

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Die Erzeuger des französisch „palmipèdes“ genannten Geflügels sind geübt darin, ihre Methoden der Zwangsernährung zu rechtfertigen: Die Tiere fühlten sich wohl im Freien und könnten sich in der frischen Luft austoben, die zehntägige Mast mit einer Maismischung, die so kräftig ist, dass die Leber anschwillt, bereite keine Schmerzen. Politisch droht ihnen sowieso keine Gefahr: Alle im Parlament vertretenen Gruppen bis auf die Grünen erklärten spontan ihre Solidarität mit der angegriffenen Stopfleber.

Der gefährlichere Feind ist der Vogelgrippen-Virus. „Den Enten und Gänsen kann er nichts anhaben, für Menschen ist er völlig ungefährlich, aber Hühner sterben daran, deshalb muss er beseitigt werden,“ sieht Christophe Barrailh vom Erzeugerverband Cifog ein. Man wisse noch nicht, wie lange die Ställe leer bleiben müssen, „im günstigsten Szenario werden 9,5 Millionen Tiere fehlen, das wäre ein Viertel der jährlichen Produktion.“ Es könnten aber auch mehr werden. Der Verlust für die Geflügelzüchter werde sich beim moderaten Szenario auf 300 Millionen Euro summieren. Schon jetzt berichten französische Medien darüber, dass Liebhaber sich mit Pasteten aus Foie Gras oder ganzen Lebern eindeckten, um möglichen Lieferengpässen Mitte des Jahres vorzubeugen.

Da die verarbeiteten Produkte wesentlich teurer sind als ein einzelner Vogel, müsste deren Umsatzeinbuße wesentlich höher sein als die der Züchter. Doch während die kleinen Betrieb, die ihre eigenen Enten und Gänse mästen, laut nach finanziellen Hilfen des Staates rufen, sind die Großen erstaunlich ruhig.


Entscheidung zwischen Gaumen und Gewissen

Marktführer ist das Unternehmen Labeyrie. Vor 69 Jahren in den Landes an der Atlantikküste im Südwesten gegründet, hat es sich auf Foie Gras und Räucherlachs spezialisiert und verkauft unter verschiedenen Marken. Zur Leber-Krise will es sich anfangs nicht äußern und verweist auf den Erzeugerverband. Erst nach mehreren Nachfragen quält Labeyrie sich einen Satz ab: „Wir sind nicht beunruhigt.“
Überraschend: Ausgerechnet der Marktführer ist nicht in Sorge? Warum, das bleibt unklar. Eine theoretisch mögliche Erklärung ist: Wo „foie gras made in France“ draufsteht, können auch Stopflebern aus Ungarn, Bulgarien, Spanien oder Belgien drinstecken. Denn die EU-Gesetze sehen nicht vor, dass die Herkunft des Rohstoffes ausgewiesen wird.
Deshalb isst man zum Beispiel als „Parma-Schinken“ oft die Hinterläufe von Scheinen, die im spanischen Katalonien gemästet werden. Die Italiener vermeiden damit, dass die stinkende, das Grundwasser verpestende Jauche bei ihnen anfällt, die Katalanen dagegen nehmen es nicht so genau und spritzen alles auf die Felder. Umgekehrt lief ein teurer spanischer Pata-Negra-Schinken noch zu Lebzeiten in manchen Fällen durch ungarische Wälder. Dort ist ein ebenfalls schwarzes Schwein heimisch, und die Eichelmast, die dem fertigen Schinken den köstlichen, leicht nussigen Geschmack verleiht, ist dort günstiger als in Spanien.

Die Krise der Franzosen könnte also eine goldene Gelegenheit für die genannten anderen Lieferländer sein, stärker auf den Markt zu kommen – vorausgesetzt, sie steigern ihre Produktion schnell genug. Das erklärt eine gewisse Nervosität bei den französischen Erzeugern wie bei der Regierung.
Allerdings gibt es einen Haken, wie Branchen-Experte Barrailh unterstreicht: „Wenn das Produkt „foie gras du Sud-Ouest“ heißt, dann muss auch der Rohstoff aus der Region stammen.“ Und Labeyre wirbt mit der Herkunft aus Frankreichs Südwesten. Die Gelassenheit des großen Unternehmens bleibt also rätselhaft.
Am Ende stellen sich noch zwei Fragen: Sollte man überhaupt foie gras essen? Lassen wir die Bewertung der Mastmethode einen Moment beiseite, muss man sagen: Ein Stück frische Stopfleber, ganz kurz in der Pfanne angebraten, oder eine gekonnt gewürzte Stopfleber-Pastete ist ein Fest für die Geschmacksknospen. Die Tiere allerdings werden manchmal in Käfigen gehalten, in denen sie sich kaum bewegen können. Das ist eine Entscheidung zwischen Gaumen und Gewissen – wie bei jedem Fleischgenuss.
Und die zweite Frage: Wenn man schon Stopfleber isst, muss dann jetzt schnell auf Vorrat kaufen? Nein. Stopfleber im Sommer muss nicht sein. Es sei denn, foie gras zählt zu den eigenen Grundnahrungsmitteln. Dann allerdings sollte man sich dringender fragen, was die persönlichen Cholesterin-Werte machen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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