Weltgeschichte: Ein Bild im Kornfeld

Weltgeschichte: Ein Bild im Kornfeld

, aktualisiert 11. August 2017, 13:55 Uhr
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Selfies in einem Weizenfeld sind derzeit beliebte Beiträge von britischen Politikern auf Twitter. Sie spielen damit auf das Geständnis von Premierministerin Theresa May an, ihre wildeste Tat sei es gewesen, als Kind durch ein Weizenfeld gelaufen zu sein.

von Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

In Großbritannien sind derzeit Bilder von Kornfeldern populär. Haben Außerirdische mysteriöse Botschaften auf der Insel hinterlassen? Nein. Der Grund für den merkwürdigen Trend ist ein Geständnis der Premierministerin.

LondonWer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – eine altbekannte Weisheit, die die britische Premierministerin Theresa May derzeit zu spüren bekommt. Kaum ein Brite schafft es derzeit, an einem Getreidefeld vorbeizulaufen ohne ein Foto zu schießen, das dann mit dem Verweis #fieldsofwheat auf Twitter landet.

Selbst Politiker machen bei dem merkwürdigen Trend mit. Die schottische Parteikollegin der Premierministerin, Ruth Davidson, twitterte vergangene Woche Fotos von sich, wie sie mit ausgebreiteten Armen durch ein Kornfeld stapft. Sie habe eine großartige Zeit auf einem Bauernhof in ihrem Wahlkreis gehabt, schrieb sie dazu, und sie sei ermuntert worden, durch das Kornfeld der Farm zu laufen. „Wild“, schloss die Parteikollegin von May ihren Tweet ab. Und bekam dafür eine Menge Applaus.

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Es ist ein Scherz auf Kosten der britischen Premierministerin. Die ist derzeit schwer angeschlagen. Vor einigen Monaten war das noch anders - damals hatte Premierministerin May in Umfragen, wie gut die Briten ihre Politiker finden, sehr gut abgeschnitten. Deswegen beging sie einen folgenschweren Fehler: Die 60-Jährige rief vorzeitige Parlamentswahlen aus. Schließlich war May nicht durch eine Wahl des britischen Volkes, sondern durch den Rücktritt ihres Vorgängers an die Macht gekommen. Diesen Makel wollte sie korrigieren, nichts schien leichter als das.

Doch während des Wahlkampfs passierte etwas, das die Briten genauso überraschte wie die Premierministerin selbst: Sie verlor die Sympathien im Volk.

„Zu kalt“ sei sie, wurde ihr vorgeworfen, unsympathisch und unnahbar. Als "Maybot" wurde sie bezeichnet. In einem Interview versuchte die Premierministerin gegenzusteuern. Doch das misslang. Was denn das „Wildeste“ gewesen sei, was sie als Kind je angestellt habe, wurde sie gefragt. Und die Premierministerin - Tochter eines Pastors - kam ins Stottern. „Oh Gott“, antwortete May. „Ähm. Naja, ich nehme an...verflixt. Ich weiß nicht genau“. Und entgegnete dann, nachdem die Reporterin nachgefragt hatte: „Ich muss gestehen, als ich und meine Freundin, naja, durch Weizenfelder gerannt sind - das hat den Landwirten gar nicht gefallen“.

Die Parlamentswahl endete für die Politikerin im Desaster. Ihre Partei verlor die sicher geglaubte Mehrheit im Parlament und ist nun auf die Unterstützung einer umstrittenen, erzkonservativen Partei aus Nordirland angewiesen. Und die britische Öffentlichkeit überschlägt sich seitdem mit hämischen Anspielungen auf dieses „Geständnis“.

Ein Brite bastelte eine Fotomontage, auf denen die Premierministerin im Landmädchen-Look mit Strohhut und langem Haar durch ein Feld läuft. Ein anderer twitterte das Bild eines Weizenfeldes, in dem in riesigen Lettern das Wort „F***“ steht mit den Worten: Nach der Wahl - Theresa ist wieder durch das Feld gelaufen. Und neben der schottischen Politikerin Ruth Davidson machen auch andere Politiker mit. „Komme in Versuchung, wild zu werden“, twitterte der frühere Regierungschef von Schottland, Alex Salmond, zu einem Bild, auf dem er vor einem Kornfeld steht. Sogar ein Computerspiel wurde erfunden, bei dem man die Premierministerin durch ein Weizenfeld steuern und Vogelscheuchen mit dem Antlitz ihres Gegners Jeremy Corbyn ausweichen muss.

Die Premierministerin ertrug den Spott bislang kommentarlos. Sie muss sich ohnehin mit wichtigeren Dingen herumschlagen: Immer lauter wird die Kritik an ihr und dem Vorgehen der Regierung in den britischen Brexit-Verhandlungen. Sie gilt als Premierministerin auf Abruf. Sie ist derzeit für drei Wochen in den Urlaub verschwunden.

Brexit-Minister David Davis gibt sich zwar nach wie vor optimistisch, dass die Verhandlungen mit Brüssel gut laufen – doch viele Briten sind anderer Meinung. Selbst aus Mays Kabinett werden unterschiedliche Meinungen öffentlich, wie die Trennung von der Europäischen Union (EU) vollzogen werden sollte, um das bestmögliche Ergebnis für Großbritannien zu erzielen – oder auch nur, um den größten Schaden abzuwenden.

Premierministerin May hat sich in den Diskussionen zurückgehalten. Kein Wunder: Es wird auch spekuliert, wann und für wen die Regierungschefin ausgewechselt werden sollte. Der Lapsus mit dem „Kornfeld-Geständnis“ ist Mays kleinstes Problem. Aber eines der lustigsten.

 

Quelle:  Handelsblatt Online
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