Weltpolitik à la carte: Europa verliert den Blick für die Welt

Weltpolitik à la carte: Europa verliert den Blick für die Welt

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Während sich die USA auf die veränderten Ansprüche an die Weltpolitik einstellt, verliert Europa über die Eurokrise den Blick fürs große Ganze.

von Florian Willershausen

Ein US-Report verrät, dass sich die USA auf eine multipolare Welt einstellen, in der multilaterale Politik an zunehmendem Individualismus scheitert. Europa ist von dieser Einsicht weit entfernt.

Wir müssen nicht einmal in die Ferne schweifen, um den Hauptgrund für jene „tektonischen Verschiebungen“ in der Weltpolitik zu finden, die der CIA-nahe National Intelligence Council in seiner jüngsten Studie „Global Trends 2030“ skizziert. Es genügt, den Bau eines Windrads im Schwarzwald zu beantragen oder den einer Stromleitung quer durch Niedersachsen. Jede Wette: Binnen zwei Wochen werden sich in betroffenen Gemeinden Bürgerinitiativen bilden, die solche fürs Kollektivs bestimmte Projekte mit den schärfsten Waffen des Wutbürgers torpedieren. Bis die Politik einknickt.

Verlust des Status der Supermacht
Dahinter steckt das, was die Autoren des alle vier Jahre erscheinenden „Global Trends“-Report als „individual empowerment“ bezeichnen: Die Individualisierung von Gesellschaften bei der gleichzeitigen Auflösung globaler Machtzentren. Zuhause mit immer höheren Ansprüchen konfrontiert, kommen Politikern die globalen Geometrien abhanden. Asien steht heute für 50 Prozent des globalen Wachstums und für 70 Prozent der weltweiten Neuinvestitionen – die neuen ökonomischen Kraftzentren der Welt liegen im Osten; in der postmaterialistischen Welt im Westen scheitert selbst ein Bahnhofsneubau am Widerstand individualistischer Weltverbesserer.
Sichtbar sind die globalen Trends schon länger. Sie spiegeln sich in den inflationären Debatten um China als „neue Weltmacht“, den Niedergang des Westens und dem teils hämisch vorgetragene Abgesang auf die USA als letzte Weltmacht. Die Frage, ob der Aufstieg der Anderen zum Abstieg des wohlstandsverwöhnten Westens führt, bleibt vorerst offen. Fest steht indes, dass internationale Politik in Zukunft aufwändiger um komplizierter wird.
Der CIA-Report legt nahe, dass dies in den USA verstanden ist. Abseits des Wahlkampf-Getöses nehmen die Denkfabriken rund um Washington und New York den Verlust des Supermacht-Status hin. Jetzt bauen sie Kapazitäten auf, um in einer politisch komplexen Welt erfolgreich zu lavieren. Jenseits bröckelnder Dichotomien wie Ost/West oder Demokratie/Autokratie beschränkt sich der Erfolg in der internationalen Politik auf Aspekte einzelner Themenfelder wie Freihandel, Klimaschutz und Terrorismus. Wer in der neuen fluiden Welt erfolgreich sein will, muss für Themen zur rechten Zeit die richtigen Partner finden und die besten Konzepte schmieden. Kapazitäten, Kooperative, Konzepte – daran mangelt es in den USA nicht. Dank der Supermacht-Vergangenheit tut sich der politische Betrieb dort leicht, die neue „Weltpolitik à la carte“ zu gestalten. Um die Fleischtöpfe der Macht in Washington haben sich zahllose Politikberatungen, Nichtregierungsorganisationen und Lobbyisten versammelt, um ihre Sicht zu regionalen Konflikten, Handelsabkommen oder Umweltpolitik vorzutragen. Sicher wird es auch den so genannten Kommunisten in China an treffenden Analysten nicht mangeln.

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Eurokrise trübt den Blick
Das National Intelligence Council der Amerikaner identifiziert sechs Politikfelder als „Game Changer“, die Gestalt und Kondition der USA im Jahr 2030 bestimmen werden: Weltwirtschaft und Weltpolitik, Konflikte und regionale Stabilität, der Zugriff auf neue Technologien und die globale Rolle oder Stärke, die die USA trotz aller tektonischen Verschiebungen halten kann. Hieraus leiten die Strategen Szenarien ab – für Amerika, nicht für Europa. Westen war gestern, Europa muss eigene Wege gehen.

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Europa ist von hiervon weit entfernt. Personell fehlt es an Strategen mit Weitblick, die Europas Rolle in der Welt skizzieren könnten. Organisatorisch ist das keine Brüsseler Aufgabe, sondern eine der Mitgliedsstaaten, wo sich ein Politiker mit Außen-, zumal Außenwirtschaftspolitik kaum profitieren kann – schon gar nicht in Deutschland, wo Politiker ihre Wahlkreise mit Lokalkolorit bespaßen müssen. Inhaltlich ist die Politik in Europa auf Jahre hinaus so sehr mit der Euro-Rettung beschäftigt, dass für durchdringende Blicke in die Welt keine Zeit bleibt.

Die Studie können Sie hier kostenlos herunterladen (in englischer Sprache).

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