Weltwirtschaft: Wieder Deflation in Japan

Weltwirtschaft: Wieder Deflation in Japan

Eine selbsttragende Konjunkturwende bleibt aus. In Japan meldet sich die Deflation zurück, allen staatlichen Geldspritzen zum Trotz.

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Nikkei-Index: In Japan meldet sich die Deflation zurück

Auf dem Papier hatte Japan die Krise schon hinter sich gelassen. Noch Mitte November meldete die Regierung für das dritte Quartal ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 1,2 Prozent. Kleinlaut kam nun die Korrektur. Zwischen Juli und September wuchs die zweitgrößte Ökonomie der Welt nur um magere 0,3 Prozent – und das ist auch international eher bescheiden.

Ohnehin verdankt Japan das Auftauchen aus der Rezession im Sommerhalbjahr einem Feuerwerk staatlicher Stimuli. Seit 2008 hat die Regierung umgerechnet rund 210 Milliarden Euro zur Krisenbekämpfung eingesetzt. „Schön anzuschauen, aber wenig nachhaltig“, kritisiert Jesper Koll vom Forschungsinstitut Tantallon in Tokio. Der neue Premierminister Yukio Hatoyama von der Demokratischen Partei macht im gleichen Stil weiter wie seine liberal-demokratischen Vorgänger. Umgerechnet rund 55 Milliarden Euro will er bis März kommenden Jahres in die Wirtschaft pumpen, fast dreimal so viel, wie er ursprünglich angesagt hatte.

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„Statt den Karren mit voller Kraft aus dem Dreck zu ziehen, versucht der neue Premier mit Stückwerk Löcher zu stopfen“, sagt Hiromichi Shirakawa, Chefvolkswirt bei Credit Suisse in Tokio. Mit etwa 27 Milliarden Euro – also rund der Hälfte des Programms – sichert die Zentralregierung Steuerausfälle in der Provinz ab, gut neun Milliarden Euro Überlebenshilfe werden klein- und mittelständischen Firmen gewährt, von denen die meisten aber seit Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Um ein Zerreißen der japanischen Gesellschaft abzuwenden, fließen fast fünf Milliarden Euro in die Subventionierung des Arbeitsmarktes, vor allem als Hilfe für entlassene Zeitarbeiter der Großindustrie.

Preise sinken wieder

Weil sich der Staat Großprojekte nicht mehr leisten kann, sollen Niedrigzinsen von einem Prozent den privaten Wohnungsbau ankurbeln. Doch das reicht für eine selbsttragende Konjunkturwende nicht aus. Zudem meldet sich mit der Deflation das Schreckgespenst der Neunzigerjahre zurück. Lange hatten steigende Energiepreise die Entwicklung verschleiert. Jetzt sinken die Großhandelspreise bereits seit elf Monaten in Folge, im November um fast fünf Prozent.

Grafik: Rahmendaten Japan

Grafik: Rahmendaten Japan

Für die Konsumenten heißt das: sparen und abwarten, bis die Preise weiter fallen. Takuji Aida von der Großbank UBS warnt vor einer „schrumpfenden Wirtschaft durch langfristige Deflationserwartung“. Sparprogramme der großen Konzerne unterstützen den Trend. Sony senkte die Kosten 2009 um rund 1,5 Milliarden Euro, Nissan feuerte 20.000 Mitarbeiter, Toyota senkt die Bezüge der Manager. In ihrer Erklärungsnot macht die Regierung die Bank von Japan zum Sündenbock.

Die Währungshüter reagierten verschreckt – und wollen nun weitere 80 Milliarden Euro in den Bankensektor pumpen. Barclays-Ökonom Kyohei Morita ist skeptisch, ob dies „ Japan tatsächlich aus der Deflationsfalle befreien kann“. Die Wirtschaft nehme das billige Geld doch gar nicht an, weil der Investitionsanreiz fehlt.

Kein Wunder, dass die meisten Ökonomen in Tokio die Zukunft eher skeptisch sehen. Einige Volkswirte rechnen nun sogar mit einem „Rückfall in die Rezession“. Vor allem die Abhängigkeit von China-Exporten beunruhigt Experten wie Masaaki Kanno, Chefökonom bei JP Morgan Securities in Japan. „Wenn dort die Blase platzt, fliegen uns die Fetzen um die Ohren.“

Offenbar hat sich nun auch Japans Regierung vorgenommen, die Lage nicht mehr so leichtfertig schönzufärben. Das Bruttoinlandsprodukt solle künftig mit verlässlicheren Daten errechnet werden, verkündete das Kabinett vor wenigen Tagen reumütig. Durchaus möglich, dass in der Folge die nächste Statistik wieder ein deutliches Minus ausweist.

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