Westerwelles Südamerika-Reise: Maroder Riese, solider Zwerg: Die Chancen deutscher Unternehmen

Westerwelles Südamerika-Reise: Maroder Riese, solider Zwerg: Die Chancen deutscher Unternehmen

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Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) signiert bei einem Besuch des Volkswagen-Werkes Argentinia in Buenos Aires eine Motorhaube eines VW Amarko

von Henning Krumrey

Das Hotel Alvear Palace ist das erste Haus am Platze. In Buenos Aires’ Nobelviertel Recoleta prunkt der Bau aus den zwanziger Jahren, drinnen konservieren schwerer Stuck, Marmor und viel Plüsch die Blütezeit Argentiniens. In den 1930er Jahren rangierte das Land in der Spitzengruppe der wichtigsten Volkswirtschaften der Erde. Doch wer aus dem Fenster der rückwärtigen Zimmer schaut, blickt in einen schmuddeligen Hinterhof mit rostigen Lüftungsrohren.

Ein Blick hinter die Fassade, und man ist von Argentinien geheilt. Die Korruption reicht bis ins Präsidentenamt, die Staatsschulden drücken und verhindern weitere Geschäfte. Deutsche Unternehmer klagen über fehlende Rechts- und sonstige Sicherheit. Dabei sind die Bedingungen eigentlich gut: ein großes Land, reich an Bodenschätzen, dazu eine junge Bevölkerung. Doch seit 50 Jahren schafft es die einheimische Politik, das Land fast planmäßig zu ruinieren.

Gleich hinter der Grenze sind die Bedingungen viel schwieriger, doch der Erfolg ist ungleich größer. Uruguay ist zwar nicht flächenmäßig, aber von der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft eher ein Zwergstaat, doch es gilt als Schweiz Südamerikas. Die Wirtschaft wächst langsam, aber stetig.

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Für Außenminister Guido Westerwelle liegen die zwei Welten gerade einmal 30 Flugminuten auseinander. Am Morgen hatte er noch das VW-Werk in einem Vorort von Buenos Aires besichtigt, aus dem ab kommender Woche ein neues Modell zunächst auf den argentinischen Markt und dann in alle Welt geliefert werden soll: der Amarok, ein Zwitter aus Geländewagen und Pickup nach dem Vorbild der amerikanischen Marken oder des Toyota Hilux - den VW in den 1990er mit wenig Erfolg unter dem Namen Taro in Lizenz fertigte. So revolutionär ist das Konzept für den deutschen Hersteller - er ist der erste europäische, der in diesem Segment antritt -, dass der Chef von VW-Argentinien noch Mühe hat, das neue Modell werbewirksam anzupreisen. „Es ist eher kein Auto, es ist eher ein Lastwagen“, sagt Viktor Klima wenig schmeichelhaft. In der Tat fallen die robusten Blattfedern an der Hinterachse auf.

Kleine Unternehmen mit Schwierigkeiten

Weil sich in Argentinien 85 Prozent der Haushalte nur ein Auto leisten können, muss das Fahrzeug gleich mehrere Zwecke erfüllen. „Da muss von den Kindern bis zur Großmama alles reinpassen“, erklärt Klima. Also fünf Sitze, großer Kofferraum. Die Leute benutzen es für die Arbeit und am Wochenende für die Familie.“ Und weil es in den wenigsten Ländern so viele Tankstellen gibt wie in Deutschland, soll die Reichweite dank konkurrenzlos niedrigen Verbrauchs bei 1000 Kilometern liegen. Beim Werksrundgang ballern der Chef und sein Werksleiter den Gast aus Deutschland mit Zahlen, Fakten und Details zu. So erfährt der deutsche Minister, dass „wir die ZSBs geliefert bekommen“ und der Leiterrahmen mit der Karosserie „verheiratet“ wird. Westerwelle denkt da eher praktisch, bestaunt die große Ladefläche: „Da passen ja ein paar Strohballen drauf“, nickt er anerkennend und ergänzt: „Das ist doch wohl auch ein Spielzeug für große Jungs, mit all dem Chrom.“ Am Schluss signiert er mit Klima zusammen ein silbernes Fahrzeug, das für ein Kinderheim versteigert wird.

Chancen in Uruguay

Wer beim Namen Viktor Klima zu Grübeln beginnt, hat völlig Recht: Es ist der ehemalige österreichische Regierungschef der SPÖ, der jetzt in den Diensten des teilstaatlichen deutschen Autobauers steht. Es sind also nicht nur deutsche Ex-Kanzler gut im Geschäft. Und Klima verkündet auch stolz, dass seine Firma in Argentinien und Brasilien jeweils mit einem Marktanteil von 25 Prozent die Nummer eins sei. Und wer auch weltweit die Nummer eins werden will, erklärt Klima, „muss auch in diesem Marktsegment dabei sein.“

Ein globaler Konzern hat es in Argentinien vielleicht noch einfach, für kleinere deutsche Unternehmen ist das Geschäft schwierig.

„Ich habe eine Frage zur Rechtssicherheit“, beginnt Christian Graf von der Kanzlei Leonhardt, Dietl, Graf & Van der Fecht beim Treffen der Außenhandelskammer Buenos Aires mit Westerwelle vorsichtig. „Ich kenne den Hintergrund Ihrer Frage und kann versichern: Das wird in den Gesprächen nachher angesprochen“, würgt Westerwelle jedes Detail ab. Seit Präsidentin Cristina Kirchner in einer öffentlichen Rede sagte, sie fühle sich an Gerichtsurteile nicht gebunden, sind die Deutschen zusätzlich alarmiert.

„Es gibt hier keine Rechtssicherheit“, klagt der Repräsentant eines deutschen Maschinenbauers. „Es gibt willkürliche Entscheidungen, das grenzt an Rechtsbeugung.“ Seinen Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen. „Unternehmer, die hier Kritik üben, bekommen schon mal Schwierigkeiten.“

Für deutsche Lieferanten ist es derzeit ohnehin schwer, Geschäft zu machen. Denn die Hermes-Kreditversicherungen sind suspendiert, bis Argentinien seine Auslandsschulden beglichen hat. Doch davon ist bislang immer nur die Rede. „Wenn Argentinien im Herbst zur Buchmesse kommt“, erzählt einer aus der deutschen Delegation über das offizielle Partnerland 2010, „dann haben die Angst, dass ihnen die Ware gepfändet wird.“

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