Wie die EU vom Brexit profitieren kann: Kampf um die Rosinen

Wie die EU vom Brexit profitieren kann: Kampf um die Rosinen

, aktualisiert 17. September 2016, 08:15 Uhr
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Mit dem Brexit könnten die Investitionen in England abnehmen – und dafür in die EU abfließen.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Großbritannien wird trotz Brexit weiter fleißig in die EU einzahlen, da sind sich die Ökonomie-Experten einig. Der Verteilungskampf wird spannend: Statt den Briten könnte nun die EU nach den saftigsten Rosinen greifen.

EschbornFür David Marsh hat sich der Brexit gelohnt. 200 Pfund hat er bei einem Online-Buchmacher auf den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union gesetzt. 600 Pfund hat er am Ende gewonnen. Ein Freund habe ihm von der Wettmöglichkeit erzählt. Das habe er einfach mal ausprobieren wollen. Und so hat der Ex-Journalist und Ex-Banker, der beim Referendum selbst für den Verbleib der Briten in der Europäischen Union gestimmt hat, einfach mal auf den Brexit gewettet. Mit Erfolg. „600 Pfund, das ist doch schon eine ganze Menge Geld“, scherzt Marsh.

Doch dann hört der Spaß auf. Schließlich ist Marsh zum Forum Wirtschaft in die Zentrale der Deutschen Börse nach Eschborn gekommen, um mit Allianz Chefvolkswirt Michael Heise, DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben und ZEW-Präsident Achim Wambach über die langfristigen Konsequenzen des Brexit-Votums zu diskutieren.

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Und die Entscheidung steht fest. „Brexit bedeutet Brexit“, unterstrich die neue britische Premierministerin jüngst Ende August. Nur wie das am Ende funktionieren wird, weiß sie vermutlich selbst noch nicht. Die Bande zum Kontinent wird sie wohl nicht komplett kappen können. Zu wichtig sind die Wirtschaftsbeziehungen. „Von den britischen Exporten gehen fast 50 Prozent in die EU. Das ist kein Pappenstiel“, sagt Chefvolkswirt Heise von der Allianz.

Mit einem Anteil von 53 Prozent (329 Milliarden britische Pfund) ist der Posten der Importe aus der EU ähnlich groß. Würden plötzlich wieder Zölle auf diese Handelsströme aufgeschlagen, verursacht dies den Briten jährlich Kosten in Höhe von 24 Milliarden Pfund, hat der WHU-Rektor Markus Rudolf in einer Studie errechnet. Zum Vergleich: 2015 war das Königreich nach Deutschland mit 11,5 Milliarden Euro zweitgrößter Nettozahler.

Doch die Beiträge an die EU werden auch nach dem Brexit nicht verschwinden, ist ZEW-Präsident Wambach überzeugt: „Die Zahlungen an die EU werden sicher nicht auf null runter gehen.“ So mancher Brexit-Befürworter dürfte angesichts dieser Worte aufhorchen. Schließlich sind es nicht zuletzt die hohen Zahlungen an ein vermeintlich intransparentes bürokratisches Geflecht mit dem Hauptknotenpunkt Brüssel, das ihnen so ganz und gar nicht gefällt. Dessen Einfluss galt es ohnehin zu reduzieren.

Mit Slogans wie „Lasst uns die Kontrolle über unser Land zurückgewinnen“ hatte der Londoner Ex-Bürgermeister und heutige Außenminister Boris Johnson die Brexit-Kampagne angeführt. Wird dies tatsächlich gelingen oder wird er sein Versprechen brechen? Noch wurde der offizielle Antrag der Briten zum Austritt aus der EU nicht gestellt. Auf Johnson ist der Brite Marsh übrigens gar nicht gut zu sprechen. Ein „Verführer“ und „Clown“ sei er, der die Briten zum Brexit überredet habe. Nur eben, dass der Clown einen im Ernst der Lage nicht zum Lachen bringt.

Manch ein Brexit-Gegner hofft derweil sogar, dass das Votum neu aufgerollt wird. So weit wird es aber nicht kommen, glaubt Achim Wambach vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Großbritannien werde aus der EU austreten. Aber dann doch nicht so ganz. Politische und wirtschaftliche Beziehungen wird es weiter geben – Verhandlungssache.

Ähnlich sieht es Marsh, der mit Omfif heute eine Plattform zum Austausch zwischen Zentralbanken und Staatsfonds leitet. „In fünf bis sechs Jahren werden wir eine Wischiwaschi-Lösung sehen. Großbritannien wird seinen Zugang zum Binnenmarkt behalten, aber auch noch Geld an die EU überweisen.“ Im August hatte DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben noch vor einem Rosinenpicken bei den Ausstiegsverhandlungen gewarnt. Genau dies scheint nun gar nicht so unwahrscheinlich.

„Das Rosinenpicken wird es aber auf beiden Seiten geben“, betont Marsh. Schließlich braucht auch Europa Großbritannien. Beispiel Deutschland: 2.500 deutsche Unternehmen seien in England vor Ort, 750.000 Jobs seien damit verbunden, erklärt Wansleben. „Wir brauchen den Binnenmarkt und wir brauchen England.“


Do it „May Way“

Das Modell Norwegen komme aber nicht in Frage – darin waren sich die Diskutanten einig. Die Skandinavier sind über den Europäischen Wirtschaftsraum mit der EU verbunden. Der gewährt ihnen zwar Zugang zum Binnenmarkt. Im Gegenzug müssen die Norweger aber Beschlüsse der Union umsetzen, ohne politisch darüber in Brüssel mitzuentscheiden. „Es wird einen May Way geben“, sagte Marsh.

Der Zugang zum Binnenmarkt gilt als essenziell für die Wirtschaft Großbritanniens. Nicht nur Banken machen sich darüber sorgen. Schließlich profitierten sie bislang dank der sogenannten Passporting-Rechte. Die ermöglichen es ihnen, von London aus in jedem Land der EU Geschäfte zu machen. Dieses Recht droht mit der Brexit-Entscheidung wegzufallen.

Strittig ist auch, ob und wie eine Personenfreizügigkeit mit Großbritannien erhalten werden kann, sodass Arbeitnehmer aus Europa auf der Insel arbeiten könnten und umgekehrt. „Zehntausende Saisonarbeiter könnten im schlimmsten Falle nicht mehr nach England kommen. Werden die Engländer künftig ihren Kohl und ihre Kartoffeln wieder selbst ernten?“, fragt der ZDF-Chefredakteur Peter Frey, der die Runde moderierte, spitz. Doch der ZEW-Präsident wiegelt ab. „Auch vor der Personenfreizügigkeit mit der EU gab es Regeln für Saisonarbeiter. Das wird es auch nach dem Brexit geben“, erklärt ZEW-Präsident Wambach.

Dennoch mahnt DIHK-Präsident Wansleben, die Konsequenzen des Referendums ernst zu nehmen. Bei den Unternehmen zeige sich schon heute Angst vor Handelshemmnissen: „Etwa ein Drittel der deutschen Unternehmen in Großbritannien plant mit geringeren Investitionen. Und jedes fünfte englische Tochterunternehmen in Deutschland will stärker investieren, um ihre Geschäfte innerhalb der EU zu stärken.“

Letzteres ist vielleicht gar kein so dummer Schachzug. Denn glaubt man der Notenbank Bank of England (BoE), könnte der Brexit düster für die Briten enden. Schon im Mai, also vor dem Votum, warnte BoE-Gouverneur Carney vor einer Rezession. Im August senkte die Notenbank ihren Leitzins auf ein Rekordtief von 0,25 Prozent, um der Wirtschaft Aufschwung zu geben. Das Pfund wertet beständig ab. „Der Brexit war ein Schock, ja. Aber wir werden nicht in eine Rezession rutschen. Das schwache Pfund lässt uns bisher doch gut atmen“, versucht Marsh zu beschwichtigen.

Ach ja, da war ja noch was. Der Brexit wurde ja immer als mögliche Blaupause für weitere Länder gesehen, die aus der EU drängen. Im schlimmsten Falle könnte die EU daran zerbrechen, lautet eine post-Referendum Sorge. Doch nicht nur die EU, auch Großbritannien droht zu zerbrechen. Die Schotten würden schließlich gern im europäischen Staatenverbund bleiben. 2014 war ein Unabhängigkeitsreferendum der Schotten knapp gescheitert. Kommt nun ein neuer Anlauf? Marsh hält nichts davon: „Bei deren Abhängigkeit vom Öl und den aktuellen Marktpreisen würden die Schotten vermutlich direkt Bankrott gehen. Um es mit den Worten von Clint Eastwood zu sagen: ‚Go ahead, make my day!‘“

Das Forum Wirtschaft zum Thema „Der Brexit und die Wirtschaft – Beben mit Langzeitfolgen?“ ist eine Kooperation von Phoenix und Handelsblatt. Die komplette Debatte wird am Sonntag um 13 Uhr auf Phoenix ausgestrahlt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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