Wikileaks: Der den Staatsfeind verteidigt

Wikileaks: Der den Staatsfeind verteidigt

Vorsicht vor den Schweden: Ein Besuch bei Mark Stephens, dem Anwalt von Julian Assange.

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WikiLeaks-Gründer Julian Assange (re) zusammen mit seinem Verteidiger Mark Stephens

Es ist der spektakulärste Strafprozess seit Jahren. Die ganze Welt schaut zu, wie Julian Assange vor Gericht gebracht wird, es geht um Sex und Verrat, um Verschwörungstheorien und Staatsgeheimnisse. Es ist ein Fall, von dem ein Anwalt wie Mark Stephens nur träumen kann. Stephens, runder, hochroter Kopf, Locken, die langsam licht werden, eine Vorliebe für skurrile Krawatten, ist einer der bekanntesten Medienanwälte in Großbritannien. Jeder Journalist in London habe seine Nummer, hat die Times einmal geschrieben. Er vertritt Zeitungen und Fernsehsender, aber er selbst liebt die Kameras auch. Als Student wollte Stephens Schauspieler werden, hatte kleine Rollen im Theater, „aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht gut genug bin“.

Stattdessen studierte der heute 48-Jährige Jura und machte eine atemberaubende Karriere. Er hat die Rolling Stones vertreten, den Schriftsteller Salman Rushdie und die Band Linkin Park. Im Konferenzraum seiner Kanzlei unweit des Regent’s Park hängt eine Zeichnung, die den Anwalt zeigt, als er vor Gericht die Angehörigen einer britischen Einheit vertritt, die im ersten Golfkrieg unter „friendly fire“, unter irrtümlichen Beschuss der Amerikaner, geriet. Während wir sprechen, klingelt sein Handy: „Sorry, da muss ich ran, das ist der Chefjurist von CNN, auch ein Mandant.“

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Stephans Lebenslauf zählt 15 Seiten

Wir sitzen in einem kleinen Besprechungsraum seiner Kanzlei, die eingerichtet ist wie eine Werbeagentur: kreischende Farben, Teppichböden mit riesigen Schottenkaros, zeitgenössische Kunst an den Wänden, Skulpturen in der Lobby. Jedes Detail verspricht „Cool Britannia“.

Stephens hat Fälle vor dem Europäischen Gerichtshof durchgefochten, vor dem UN-Jugoslawientribunal in Den Haag. Sein Lebenslauf, den seine Sekretärin noch rasch hereinreicht, zählt fünfzehn Seiten, eng bedruckt. „Aber dies“, sagt Stephens und verdüstert dramatisch sein Gesicht, „dies ist der bizarrste Fall, den ich je hatte.“ Assange wohnt derzeit auf einem abgelegenen Landsitz. Für Hin- und Rückfahrt benötigt der Anwalt sechs Stunden. Warum er Assange vertritt? „Das ist ganz einfach“, sagt Stephens. „Julian ist jemand, der eindeutig Beistand braucht. Er hat einige sehr mächtige Leute wütend gemacht.“

Dabei geht es vor Gericht in London offiziell gar nicht um die Veröffentlichung geheimer US-Dokumente durch WikiLeaks. Gestritten wird um Assanges Auslieferung an Schweden, wo gegen ihn wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung ermittelt wird. Assange steht im Verdacht, mit zwei Frauen gegen deren Willen ohne Kondom geschlafen zu haben. Die Vorwürfe sind gravierend, aber undurchsichtig; noch hat die schwedische Staatsanwaltschaft keine Anklage gegen ihn erhoben, sie will ihn lediglich zu einer Vernehmung vorführen lassen und hat dafür einen Europäischen Haftbefehl erwirkt, der auch in Großbritannien gilt. Ob das überhaupt zulässig ist, ist eine der entscheidenden Fragen. In einem Leserbrief an den Guardian hat die liberale britische Europa-Abgeordnete Sarah Ludford unlängst geschrieben, für bloße Informationsgespräche sei der Europäische Haftbefehl nicht geschaffen worden. Auch Assanges Anwalt argumentiert so. Es ist im Grunde Mark Stephens’ einzige Chance. Denn sollte der Haftbefehl korrekt erlassen worden sein, muss Großbritannien Assange fast automatisch an Schweden ausliefern.

Bekannt geworden ist Stephens in den achtziger Jahren als Anwalt von Arthur Scargill, dem radikalen Gewerkschaftsführer der britischen Bergarbeiter und Lieblingsfeind von Margaret Thatcher. Damals habe er zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass die Prominenz seines Mandanten die Dinge extrem kompliziert habe. Die normalen juristischen Verfahren hätten plötzlich gehakt. „Ich habe das den Scargill-Faktor genannt. Heute ist es wieder so“, sagt Stephens: „Das ist der Assange-Faktor.“

„Wir müssen der Öffentlichkeit klarmachen“, sagt Stephens, „dass die Dinge hier ungewöhnlich laufen. Sehr ungewöhnlich.“ Er streckt die Hand aus und beginnt, die Merkwürdigkeiten an den Finger abzuzählen, Daumen voran: „Das schwedische Recht untersagt es, dass die Namen von Zeugen und Verdächtigen in Sexualstrafsachen veröffentlicht werden. Und was passiert? Julians Name erscheint auf den Titelseiten der Zeitungen, ehe die Ermittlungen in Schweden richtig begonnen haben.“

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