Internationaler Handel und Kooperation über Grenzen mehrt unseren Wohlstand. Gerecht geht es dabei leider nicht zu. Ein Erklärungsversuch.

kolumneWirtschaft im Weitwinkel: Globalisierung kann nicht gerecht sein

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Kolumne von Stefan Bielmeier

Globalisierung - über kaum ein Thema wird so heftig und so emotional gestritten. Im Mittelpunkt stehen meist zwei Fragen: Kann Globalisierung gerecht sein? Und: Verbessert die Globalisierung unseren Wohlstand? Die ehrliche Antwort auf die erste Frage heißt: Nein. Und auf die zweite Frage: Ja. Warum ist das so?

Die Wohlstandsunterschiede zwischen Schwellenländern und Industrieländern haben sich innerhalb relativ kurzer Zeit erheblich angenähert. Diese Entwicklung wurde von einem weit überdurchschnittlichen Wachstum in den Schwellenländern getragen. Das Wachstum wiederum wurde durch starke Lohnunterschiede und einer entsprechenden Verlagerung der arbeitsintensiven Prozesse von den Industrieländern in die Schwellenländer ausgelöst. Dabei war das Wirtschaftsmodell der Schwellenländer stark exportgetrieben und weniger abhängig von der Binnenwirtschaft.

Wenn die Schwellenländer durch die Verlagerung von bestimmten Arbeitsprozessen aus den Industrieländern einen solchen Aufschwung nehmen, dann hat dies auch sozialpolitische Folgen in den Industrieländern. Die Arbeiter, die bislang die arbeitsintensiven Prozesse erbracht haben, sind unmittelbar betroffen. Die Lohnunterschiede waren zu groß, als dass man durch eine weitere Prozessoptimierung die Arbeitsplätze in den Industrieländern hätte halten können. Dies führte schließlich zu höherer Arbeitslosigkeit und einer gefühlten sozialen Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit der Globalisierung liegt also im Prozess der Globalisierung selbst.

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Diese Ungerechtigkeit kann jedoch durch nationale Politik in den Industrieländern ausgeglichen werden. Auf die betroffenen Bevölkerungsteile ausgerichtete Maßnahmen, wie Umschulungen und weitere spezielle Förderungen sind hier wichtige Instrumente.

Wissenswertes zum internationalen Handel

  • Überblick

    Die Frage, ob Handel gut oder schlecht ist, gilt in der Volkswirtschaftslehre längst als geklärt. Eine weit überwiegende Mehrheit von Ökonomen vertritt die Meinung, dass internationale Arbeitsteilung nützlich ist und den Wohlstand steigert. Indes unter einer wichtigen Voraussetzung: Die Regeln müssen fair sein, damit das Kräfteverhältnis zwischen den Handelspartnern nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Das kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden - nachfolgend eine Übersicht.

  • Einfache Handelsverträge

    Einfache Handelsverträge etwa zwischen zwei Ländern sind die unkomplizierteste Form von Handelsabkommen. Im Gegensatz etwa zu multilateralen Vereinbarungen sind nur zwei Parteien an den Verhandlungen beteiligt, was eine Einigung deutlich vereinfacht. Zudem geht es bei solchen Verträgen meistens nur um Handelsströme, insbesondere die Höhe von Zöllen. Andere Fragen wie Umweltstandards werden meist ausgeklammert. Das führt jedoch zum größten Nachteil solcher Abkommen: Von ihnen kann nicht erwartet werden, dass sie zwei Wirtschaftsräume umfassend miteinander verbinden, weil viele Fragen ungeklärt bleiben.

  • Umfassende Handelsabkommen

    Wollen zwei oder mehr Länder über den Tausch von Waren und Dienstleistungen hinausgehen und ihre wirtschaftlichen Beziehungen umfassend regeln, werden die benötigten Abkommen umfangreicher und komplexer. Beispiele sind das zwischen der EU und den USA angedachte TTIP, das asiatisch-pazifische Abkommen TPP oder das asiatische Freihandelsprojekt RCEP. Derartige Abkommen regeln nicht nur Handelsfragen oder Zölle. Vielmehr geht es auch um Fragen des Verbraucherschutzes, der Umweltverträglichkeit von Waren und Diensten, den Schutz von Unternehmensinvestitionen oder die Angleichung von Produktstandards. Die Länder versprechen sich davon einen noch reibungsloseren Handel und mehr Wohlstand.

  • Wirtschaftsverbünde

    Eine Steigerung zu TTIP & Co. sind feste Verbünde aus mehreren souveränen Staaten. Als Paradebeispiel gilt die Europäische Union (EU), die nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine - wenn auch unvollendete - politische Union ist. Die Beziehungen der Länder sind über den EU-Vertrag geregelt. Der gemeinsame Binnenmarkt der EU verfügt über weitgehende Bewegungsfreiheit von Gütern, Dienstleistungen, Arbeitnehmern und Kapital. Auch sind viele rechtliche Fragen stark angeglichen, was Kritikern mitunter zu weit geht. Großbritannien bemängelte die Vereinheitlichung schon lange, beschloss den Austritt aber vor allem wegen des Zustroms ausländischer Arbeitskräfte. Wie kompliziert ein Abschied aus einem Wirtschaftsverbund ist, wird der Brexit zeigen.

  • Die Welthandelsorganisation WTO

    Die WTO ist quasi eine Dachorganisation für den Welthandel. Ihr gehören 164 Mitgliedsländer an, darunter die Staaten der Europäischen Union, die USA und China. Die WTO als Handelsverbund zu bezeichnen, ginge viel zu weit. Vielmehr soll die Organisation die allgemeinen Regeln für den Handel überwachen und weiterentwickeln. Der Einfluss der WTO auf ihre Mitglieder ist indes begrenzt und basiert vor allem auf Kooperation. Eigene Sanktionsmittel im Falle des Regelbruchs hat die WTO im Grunde nicht.

  • Protektionismus

    Mit der Globalisierung galt der Protektionismus eigentlich als überwunden. Er ist das Gegenteil von Freihandel, weil dabei versucht wird, sich nach außen abzuschotten. Dazu dienen hohe Einfuhrzölle und -verbote, verbunden mit der Subventionierung eigener Exporte. Protektionismus kennt nach ökonomischer Lehre keine Gewinner, weil meist Vergeltungsmaßnahmen ergriffen werden. Ergebnis ist ein kleineres und teureres Güterangebot, das den Wohlstand verringert. Dennoch will US-Präsident Donald Trump der amerikanischen Industrie zu neuem Glanz verhelfen, indem er sie vor ausländischer Konkurrenz schützt. Kritiker wenden ein, dass nicht nur die Globalisierung, sondern auch die fortschreitende Technisierung für den Verlust von Arbeitsplätzen verantwortlich sei.

Globalisierungsprozess ungerecht, Wohlstandsgewinne überwiegen

Den Prozess selbst kann man aber nicht verhindern, außer man untersagt generell die Verlagerung von Produktionsteilen. Deshalb ist die Globalisierung ungerecht. Denn der Wohlstandsgewinn in den Schwellenländern geht zu Lasten bestimmter Gruppen von Arbeitern in den Industrieländern. Jedoch hat die nationale Politik Möglichkeiten, dies anzugehen und die negativen Folgen zu mildern.

Die Globalisierung bringt aber zugleich auch hohe Wohlstandsgewinne in die Industrieländer. Denn durch die Verlagerung der arbeitsintensiven Prozesse in lohnkostengünstigere Länder sinken die Herstellungskosten der Produkte. Wir erlebten eine Phase von sehr niedriger Inflation bei sehr stabilen und hohen Wachstumsraten. Das nennt man ein sogenanntes „Goldilock Szenario“. Wegen der moderaten Inflation stieg die reale Kaufkraft der Konsumenten und die Binnenwirtschaft in den meisten Industrieländern nahm deutlich an Dynamik zu, wie zum Beispiel in den USA.

Länder wie Deutschland konnten ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter steigern und das exportgetriebene Wachstumsmodell profitierte kräftig. Dabei machte sich natürlich auch die Spezialisierung der deutschen Industrie auf Investitionsgüter positiv bemerkbar. Ebenfalls durch die moderate Inflation war es den Zentralbanken möglich, die Zinsen über einen langen Zeitraum abzusenken. Die Folge war ein Sinken des globalen Renditeniveaus. Hiervon profitierten Investitionen, der private Konsum, aber vor allem der Immobilienmarkt. Dies ging natürlich einher mit einem kräftigen Anstieg der privaten Verschuldung, was letztendlich in der Finanzkrise von 2007 endete.

Ökonomie Die Pflichtlektüre für alle Gegner der Globalisierung

Vor 200 Jahren entwickelte der britische Ökonom David Ricardo seine Win-win-Theorie über die Vorteile des internationalen Warenaustausches. Sie ist aktueller denn je.

David Ricardo ist Pflichtlektüre für alle Gegner der Globalisierung. Quelle: Illustration: Miriam Migliazzi & Mart Klein

Globalisierung geht also einher mit sozialen Ungerechtigkeiten in den Industrieländern, die man aber auf nationaler Ebene angehen kann und muss. Die Wohlstandsgewinne in den Schwellen- und Industrieländern sind enorm und überwiegen die ungünstigen Folgen bei weitem. Die langfristigen Folgen sind daher äußerst positiv zu bewerten.

Die ehemaligen Schwellenländer steigen langsam auf in die Riege der Industrieländer und bauen ihr Wirtschaftsmodell um, hin zu einem binnenwirtschaftlich getragenen Wirtschaftsmodell. Zudem mindert ein höheres Wohlstandsniveau in den Schwellen- und Industrieländern den Migrationsdruck. Insbesondere in den vergangenen Jahren ein wichtiges Thema. Alles dies spricht aus meiner Sicht für mehr Freihandel und nicht für weniger. Ausgrenzung schadet allen.

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