Wirtschaft: Südamerika fürchtet neue Abhängigkeiten

Wirtschaft: Südamerika fürchtet neue Abhängigkeiten

von Alexander Busch

Südamerikas Wirtschaft löst sich von den USA und profitiert von China. Jetzt werden die Latinos misstrauisch.

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Grosser Sprung

Wenn die USA niesen, dann hat Lateinamerika eine schwere -Erkältung – so wurde jahrzehntelang die Abhängigkeit der Süd- von den Nordamerikanern beschrieben. Das gilt nicht mehr. Stattdessen droht den Lateinamerikanern eine neue Abhängigkeit.

Weil die Regierung in Peking im Januar ganz vorsichtig die Kreditvergabe der chinesischen Banken gebremst hat, sanken die Preise südamerikanischer Rohstoffe und die Wechselkurse der südamerikanischen Währungen. An den Börsen in São Paulo und Santiago de Chile stoppte die Hausse. „In dieser Dekade wird sich alles, was in China geschieht, verstärkt in Lateinamerika fortsetzen“, sagt Javier Santiso, Chef des Zentrums der OECD für die Entwicklungsländer.

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Neue Abhängigkeit

Bisher hat Lateinamerika von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg profitiert. Vor allem wegen der wachsenden ostasiatischen Nachfrage nach Eisenerz, Soja und Kupfer ist Südamerikas Bedeutung im Welthandel in den letzten fünf Jahren sprunghaft gewachsen. Die Südamerikaner profitierten doppelt: Sie verkauften mehr nach Fernost – und sie erzielten wegen der steigenden Nachfrage der Asiaten auch auf ihren alten Märkten viel höhere Preise für ihre Rohstoffe. Vor allem darum hat die Weltkrise Südamerika viel weniger getroffen als Europa und Nordamerika. Die südamerikanischen Volkswirtschaften verzeichneten 2009 zusammengerechnet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von einem Prozent. Dieses Jahr sieht es nach vier Prozent Wachstum aus.

Dank China, das in in den vergangenen Monaten zum bedeutendsten Exportmarkt für fast ganz Südamerika geworden ist. Umgekehrt stiegen aber auch die Importe aus dem fernen Osten stärker als aus allen anderen Weltregionen. Die preiswerten Fernseher, Mikrowellen, Motorräder und Textilien aus Asien führen aber in der kaum konkurrenzfähigen einheimischen Industrie zu Schließungen und Entlassungen, besonders in beschäftigungsintensiven Branchen.

Die Südamerikaner merken plötzlich, dass sie durch die Geschäfte mit China in eine neue Abhängigkeit geraten sind, bei der sie langfristig möglicherweise schlechter abschneiden könnten als in der früheren Abhängigkeit von Nordamerika und Europa. „Im Handel mit China wird Südamerika wieder auf die Rolle des Rohstofflieferanten beschränkt, wie vor 200 Jahren“, beobachtet der britische Ökonom Rhys Jenkins.

Unheimlicher Partner

Darum versuchen sich lateinamerikanische Regierungen jetzt an einer Abschottungspolitik: Bei der WTO in Genf liegen mehr Anti-Dumping-Klagen gegen China aus Lateinamerika vor als aus den USA.

Brasilien und Argentinien empfinden die starken Partner aus China zunehmend als unheimlich. Ein chinesischer Staatsfonds finanziert jetzt mit zehn Milliarden Dollar das Offshore-Programm des brasilianischen Ölriesen Petrobras. Dafür erhält China zehn Jahre lang 200 000 Barrel Öl am Tag. „Die Chinesen haben Afrika erobert – jetzt ist Südamerika dran“, sagt José Augusto de Castro vom brasilianischen Außenhandelsverband.

Inzwischen zweifeln auch die südamerikanischen Linken an Peking als besserer Alternative zum verhassten Washington. Nachdem ein schon zugesagter Zwei-Milliarden-Dollar-Kredit für einen Staudamm in Ecuador geplatzt war, schimpfte der linke Präsident Rafael Correa: „Nicht einmal der Internationale Währungsfonds behandelt uns so schlecht wie die Chinesen.“

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