Wirtschaftskrise: Das britische Modell hat ausgedient

Wirtschaftskrise: Das britische Modell hat ausgedient

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Premierminister Gordon Brown: Krise im Musterland der Marktwirtschaft

Jahrzehntelang war Großbritannien das Vorbild liberaler Politiker in ganz Europa. Nun hat das britische Modell ausgedient – aber was kommt jetzt?

Eigentlich haben der Thronfolger Prinz Charles und der Premierminister Gordon Brown so gut wie nichts gemeinsam. Beide allerdings präsentieren sich derzeit auf Youtube – doch die Filmchen sind so unterschiedlich wie die beiden Briten. Während der 60-jährige Charles seine erste Video-Botschaft geschickt mit Understatement und Selbstironie würzte, misslang dem 58-jährigen Brown der erste Internet-Auftritt nach knapp zwei Jahren an der Spitze der Regierung kläglich. Verkrampft und anbiedernd grinst er in die Kamera und kündigt so Reformvorschläge für die Spesenregelung der britischen Parlamentarier an. Mit dem unfreiwillig komischen Video hat er sich zum Gespött der Nation gemacht und erntet sogar öffentliche Kritik aus dem eigenen Kabinett. Die Ministerin Hazel Blears, selber wegen fragwürdiger Spesenabrechnungen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, sagt, Youtube sei kein Ersatz für Gespräche mit den Wählern und beklagt „das Versagen der Regierung, unsere Botschaft zu vermitteln“.

Aber die Misere liegt nicht nur an der Kommunikation, sondern vor allem auch an den Inhalten. Nicht nur im eigenen Land sind Brown und seine Regierung unpopulär. International ist der Ruf Großbritanniens als Musterland der freien Marktwirtschaft in der globalen Finanzkrise völlig verloren gegangen. Genau 30 Jahre, nachdem Browns Vor-Vor-Vorgängerin Margaret Thatcher begann, mit kompromissloser Privatisierung und Liberalisierung das Land zu entkrusten, ist Großbritannien kein Vorbild für marktwirtschaftliche Reformen mehr – ganz im Gegenteil.

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Der Big Bang wird nun zum Verhängnis

Das Vereinigte Königreich befindet sich in der schwersten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs, ist über Generationen verschuldet, große Banken sind wieder in staatlicher Hand. Was Thatcher Mitte der Achtzigerjahre mit dem sogenannten Big Bang einleitete – die Entfesselung des Finanzsektors – wurde dem Land jetzt zum Verhängnis, weil die Banker in der Londoner City in zehn Jahren der Labour-Regierung seit 1997 an einer viel zu langen Leine gehalten wurden. Als Folge der Finanzkrise hat der Staat als Retter der Banken in Großbritannien wieder an Einfluss auf die Wirtschaft gewonnen – und die Regierung an Ansehen dramatisch verloren. Um seine Haut noch zu retten, vollzieht der Premier jetzt einen politischen Linksrutsch.

Brown lässt den Spitzensteuersatz für Besserverdienende mit einem Jahreseinkommen von 150.000 Pfund (umgerechnet 168.000 Euro) im nächsten Haushaltsjahr auf 50 Prozent steigen. Damit ist Großbritannien kein Niedrigsteuerland mehr. Ein Standortnachteil – doch Brown hofft, dass es sich für ihn auszahlt, wenn er Politik gegen Banker und andere Reiche macht.

Umverteilung und Verstaatlichung sind keine Schimpfworte mehr. Die wirtschaftsnahe „Financial Times“ veröffentlichte Ende April einen Artikel mit der Überschrift: „Das Ende der Ära Thatcher“, illustriert war der Text mit einer Karikatur, auf der kleine Männchen die böse dreinschauende eiserne Lady von einem Denkmalssockel herunterziehen, während im Hintergrund Bürotürme und Bankgebäude wanken.

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