Wirtschaftswachstum: China hält Wachstumsmanipulationen für Einzelfälle

Wirtschaftswachstum: China hält Wachstumsmanipulationen für Einzelfälle

, aktualisiert 20. Januar 2017, 08:39 Uhr
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Arbeiter in der chinesischen Provinz Liaoning: Die Region hat über Jahre die Wachstumszahlen massiv geschönt.

von Stephan ScheuerQuelle:Handelsblatt Online

Chinas Wirtschaft wächst schneller als erwartet. Im vergangenen Quartal lag der Zuwachs bei 6,8 Prozent. Aber stimmen die Zahlen? Eine Provinz hat eingeräumt, über Jahre geschönte Daten übermittelt zu haben.

PekingChinas oberster Statistiker Ning Jizhe klammert sich an seine Unterlagen. Auf seiner Stirn sind dicke Schweißperlen. 20 Minuten lang rattert er die Zahlen und Daten der zweitgrößten Volkswirtschaft im vergangenen Jahr herunter. Wachstum im Gesamtjahr im Vergleich zum Vorjahr: 6,7 Prozent. Wachstum im vierten Quartal: 6,8 Prozent. Das ist Standard. Das ist gewohnt. Aber an diesem Freitag ist eigentlich nichts wie gewohnt.

Skandale über manipulierte Wirtschaftsdaten gab es in China oft. Aber vor wenigen Tagen hat der Gouverneur nordostchinesischen Provinz Liaoning, Chen Qiufa, öffentlich zugegeben, dass seine Region über Jahre die Wachstumszahlen massiv geschönt hat. „Das Fabrizieren der Finanzdaten von Städten und Gemeinden in Liaoning war an der Tagesordnung und ging über eine lange Zeit. Viele Parteien waren daran beteiligt. Verschiedenste Tricks wurden eingesetzt“, sagte Chen im Arbeitsbericht seiner Regierung.

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Es war das erste Mal, dass ein so hochrangiger Regierungsvertreter die Manipulation öffentlich eingestand. Chen versprach, in seiner Provinz werde aufgeräumt. Prompt gab er deutlich schlechtere Wachstumszahlen für seine Region bekannt. Liaoning ist Chinas einzige Provinz, die sich im vergangenen Quartal laut offizieller Zahlen in der Rezession befand.

Chefstatistiker Ning schaut nervös auf, als er bei der Pressekonferenz in Peking zu Liaoning gefragt wird. Genau könne er sich dazu nicht äußern, sagt der Sprecher des nationalen Statistikbüros. „Sie sollten sich an das Statistikamt in Liaoning wenden“, weicht Ning aus. „Die nationalen Statistiken sind richtig und verlässlich. Nur in einzelnen Regionen hat es Probleme mit gefälschten Daten gegeben“, sagt Ning.

Die Pekinger Behörde traut den Daten aus den Provinzen nicht. Schon im vergangenen Jahr gab das Amt bekannt, dass sie von einer Million großer Firmen im ganzen Land die Informationen direkt abfragt, um Manipulation auf Provinzebene zu umgehen. 20.000 Mitarbeiter sind damit befasst, Informationen zu prüfen und Missbrauch zu verhindern.


Auswirkungen auf landesweite Wirtschaftsplanung

Doch das scheint alles nicht zu reichen. Je ausgefeilter die Kontrollen werden, desto raffinierter wird der Betrug. Als besonders beliebt gelten „Steuer-Rückzahlen“. Das renommierte Finanzmagazin Caixin beschrieb die Praxis am Beispiel der Fluggesellschaft Tianjin Airlines.

Die Provinzbehörden unterstützen das Unternehmen darin, Umsätze auszuweisen, die es nie gegeben hatte. Diese wurden als Teil der Wirtschaftsleistung an die Zentralregierung gemeldet. Auf die fiktiven Umsätze musste die Airline zunächst zwar Steuern zahlen. Sie erhielt sie später jedoch zurück – etwa in Form von Subventionszahlungen.

In der Provinz Hunan wurde Dutzende Firmen beim Melden fiktiver Zahlen überführt. Besonders dreist waren fünf Unternehmen aus der Provinzhauptstadt Changsha, die ihre Produktion um das 80-fache übertrieben.

Die Fälle wirken drastisch, wirklich schlimm sind jedoch die Auswirkungen auf die landesweite Wirtschaftsplanung, sagt der Ökonom Shen Jianguang vom japanischen Finanzhaus Mizuho. „Die veränderten Zahlen könnten die Wirtschaftsplaner 2016 zu einer falschen Steuerung veranlasst haben“, sagt Shen. Wenn die Zentralregierung gar nicht richtig die Lage im Land einschätzen könne, laufe ihre Politik in die falsche Richtung.

Das Statistiksystem müsse dringend überarbeitet werden, fordert Shen. Aber noch ein weiterer, praktischer Schritt könne helfen, meint der Ökonom: „Funktionäre sollten bei Beförderungen nicht mehr an Wachstumszahlen gemessen werden.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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