Wirtschaftswachstum : Chinas Entwicklungsmodell wankt

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Der Turm der China Central Television (CCTV) in Peking, China - Um den Wanderarbeitern Lohn und Brot zu geben, muss die Wirtschaft im Reich der Mitte mindestens um acht Prozent wachsen.

von Florian Willershausen

Der Ausfuhren in die EU gehen zurück, das BIP wächst nur noch um schlappe 8,2 Prozent - im Reich der Mitte mehren sich die ökonomischen Warnsignale. Die Führung versucht, dagegen zu steuern. Doch die Rechnung geht nicht auf.

Zuweilen zwingt uns der real nicht existierende Kommunismus in China, bei der Konjunkturanalyse sonderbare Maßstäbe anzuwenden. Die Validität gängiger Frühindikatoren wie dem Einkaufsmanagerindex darf im Reich der Mitte angezweifelt werden, da viele Einkäufer im Dickicht der Parteizentralen sitzen und an Umfragen nicht teilnehmen. Die China-Auguren unter den Volkswirten vertrauen lieber auf unkonventionelle Indikatoren wie den Anstieg des Energieverbrauchs – ein Gradmesser, der die reale Auslastung dieser intransparenten Boom-Ökonomie frühzeitig voraussagt.

Und hier verheißen die Daten nichts Gutes: Chinas Energiebedarf stieg im April nur noch um 3,7 Prozent; in den Monaten zuvor war die Nachfrage an den Steckdosen stets zweistellig gewachsen. Die Industrieproduktion legte zwar um 9,3 Prozent zu – doch das ist so wenig wie seit drei Jahren nicht. Die Volkswirte der UBS senkten soeben ihre Wachstumsprognose 2012 für China von 8,5 auf 8,2 Prozent.

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Natürlich klingt das für deutsche und erst recht für europäische Ohren immer noch imposant. Nach deutschem Maß würde solcher Industriezuwachs den Fachkräftemangel eklatant verschärfen, und seit der Energiewende haben Versorger vor steigender Energienachfrage eher Angst ob der möglichen Stromausfälle.

China aber muss jährlich um mindestens acht Prozent wachsen, um Jobs für die sechs Millionen Uni-Absolventen und Hunderte Millionen Wanderarbeiter zu schaffen. Andernfalls steigt die Protestgefahr infolge materieller Unzufriedenheit – und die ist ohnehin schon spürbar: Vorige Woche veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften in den USA eine Studie, wonach die Chinesen heute unzufriedener sind als 1990. Das gilt vor allem für den ärmeren Teil der Bevölkerung, der die wachsende Ungleichheit spürt.

Preisgünstige Wettbewerber kommen aus Südostasien

Eine wirtschaftliche Abkühlung käme für China auch aus einem anderen Grund zur Unzeit. Im Herbst übernimmt Vizepremier Li Keqiang die Regierungsgeschäfte, um sogleich den nächsten Fünfjahresplan anzupacken, der besonders knifflig ist: Er soll Chinas Wachstum stärker auf Binnenkonsum und High-Tech-Exporte ausrichten. Bei Billigprodukten und Komponenten sind Wettbewerber aus Südostasien mittlerweile preisgünstiger als China – und die Stimulierung des Wachstums über Staatskonsum und Investitionen führt zu Blasenbildung und Inflation.

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Da der Weltmarkt für höherwertige Ware made in China bisher nicht aufnahmebereit ist und chinesische Konsumenten lieber Importwaren kaufen, geht die Rechnung nicht auf. Im Februar klaffte in Chinas Handelsbilanz erstmals seit drei Jahren ein Defizit, im März und April gingen die Ausfuhren in die EU um 3,1 und 2,4 Prozent zurück.

Selbst bei steigenden Exporten nach China sollte das hierzulande kein Grund für Euphorie sein: Wenn das neue Geschäftsmodell im Reich der Mitte nicht funktioniert, schwächt dies zwar einen aggressiven Wettbewerber – aber China würde alle Importe drastisch drosseln.

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