Wohlstand: Chinas Mittelschicht entdeckt den Konsum

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Wohlstand: Chinas Mittelschicht entdeckt den Konsum

von Philipp Mattheis

500 Millionen Chinesen haben den Aufstieg zu kleinem Wohlstand geschafft. Auf deutsche Unternehmen wartet ein unerschöpflicher Markt – wenn sie sich auf ihre neuen Kunden einlassen.

Wenn es nach Karl Marx ginge, dürfte es Wang Wentao so nicht geben. Aber die 34-jährige Chinesin ist da, hält ihr Baby auf dem Arm, das iPhone klingelt. Während sie die acht Monate alte Tochter wiegt, verabredet sie sich mit einer Freundin in einem Restaurant.

Als Wentao ein Kind war, teilte sich ihre Familie ein Badezimmer mit vier Familien. Heute bewohnt sie mit Mann und Tochter eine Eigentumswohnung im 15. Stock eines Hochhauses in Chengdu, einer Stadt in Zentralchina. In Chengdu leben mehr als zehn Millionen Menschen. Vor drei Jahren hat das Paar geheiratet. Wie üblich in China, haben die Eltern der beiden zusammengelegt und zur Hochzeit eine Drei-Zimmer-Wohnung gekauft. Das Wohnzimmer ist in erdfarbenen Tönen gehalten, das Zentrum des Raumes bildet ein Flachbildfernseher. Neben dem Balkon ist ein kleines Arbeitszimmer mit zwei Computern.

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Wentaos Mann, ein Flugzeugingenieur, brät in der Küche Jiaozi, eine Art chinesische Ravioli. Die Lehrerin verdient 4.500 Yuan im Monat, ihr Mann das Doppelte. Zusammen verfügen sie über umgerechnet rund 1.700 Euro. Nicht viel, aber auch nicht wenig in einem Land, in dem ein Restaurantbesuch selten mehr als zehn Euro kostet. Die Familie ist technisch gut ausgestattet: Waschmaschine, Computer, Geschirrspüler. „Was ich noch gerne hätte? Eine Kamera, um mehr Bilder von meiner Tochter zu machen“, sagt Wentao. „Und in den Urlaub würde ich gerne.“

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Die neue chinesische Mittelschicht

Im „Kommunistischen Manifest“, 1848 von Karl Marx verfasst, heißt es: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ So sagte Marx den Klassenkampf voraus, den Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie, der Lohnsklaven gegen die Besitzenden. Am Ende würde die klassenlose Gesellschaft stehen. Von Mittelschicht ist da keine Rede – weshalb manche jetzt von einer „historischen Anomalie“ sprechen. Denn die meisten Menschen, die je auf der Erde gelebt haben, waren arm.

Erst wurde der Klassenkampf in Europa begraben, jetzt auch im nur noch formell kommunistischen China. Der praktizierte Kapitalismus lässt die Löhne steigen, die arbeitende Bevölkerung wird reicher. 2011 stiegen die Gehälter im Schnitt um 20 Prozent. Menschen wie Wentao, die vor 15 Jahren von einem Kühlschrank träumten, leben heute mit Waschmaschinen, Smartphones, Autos. Knapp 300 Millionen Menschen zählen schon heute zur neuen chinesischen Mittelschicht, was konkret bedeutet, dass sie im Jahr zwischen 10.000 und 60.000 Dollar verdienen. 2025 werden es 500 Millionen Menschen sein, die über ein mittleres Einkommen und einen hohen Bildungsstand verfügen.

Kulturspezifisches Konsumverhalten

Die Zeiten, in denen China die Werkbank der Welt war, als Wanderarbeiter in stickigen Fabriken zu Hungerlöhnen T-Shirts produzierten, nähern sich dem Ende. 2009 wurden in China bereits die meisten Autos weltweit abgesetzt, mit 700 Millionen Handynutzern ist China der größte Mobilfunkmarkt der Welt. Dennoch kaufen Chinas Bürger bisher verhältnismäßig wenig ein: 2011 gingen nur 37 Prozent des Volkseinkommens in den Konsum. Der Durchschnitt weltweit liegt bei 61 Prozent. Die Sparquote der privaten Haushalte dagegen gehört zu den höchsten der Welt. Die Regierung will gemäß des zwölften Fünfjahresplans die Exportwirtschaft in einen technologisierten Binnenmarkt transferieren, um so unabhängiger von den Schwankungen der Weltkonjunktur zu werden. Das ist ein Problem für Unternehmen, die auf billige Arbeitskräfte angewiesen sind. Für andere, die nach neuen Kunden suchen, ist es eine gewaltige Chance.

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2 Kommentare zu Wohlstand: Chinas Mittelschicht entdeckt den Konsum

  • Chinas Sparquote ist so hoch, weil es keine Rentenversicherung gibt. China wurde mehrfach geraten, Soziale Sicherungssysteme einzuführen, um die Sparquote abzusenken und um unabhängiger vom Export zu werden und über den Binnenmarkt zu wachsen. Dieses Tabu gilt ja für Deutschland, dass ja über den Export leben soll, weil die ältere Gesellschaft das angeblich verlangt. China altert aber schneller als DE. Die industrielle Reservearmee in China auf dem Lande ist zu groß. Es sind ja 1,3 Mrd. Menschen und nicht nur 500 Mio. Und die Firmen werden zum großen Teil einfach weiterziehen und in billigeren Ländern produzieren. Das kann China nur entgehen, wenn es wie die westlichen Länder auf höhere Qualifikation, F&E setzt, was wiederum den westlichen Ländern Schaden wird, da sich alle auf dieses Segment spezialisieren werden. Am Ende des ganzen sehen nachher alle Städte so aus wie Detroit in den USA. Die Wahrheit ist: bei steigender Weltbevölkerung, steigender Produktivität/Automatisierung/Technisierung und sinkendem Arbeitsvolumen werden weltweit immer weniger Arbeitnehmer gebraucht. Was macht man mit dem Heer der Überflüssigen. Diesen inneren Widerspruch des Kapitalismus kann auch keiner auflösen: die Nachfrager sind eben auch die Arbeitnehmer und die sollen möglichst immer billig sein und durch Maschinen substituiert werden. Ein Massenwohlstand wird daher illusorisch. Der wird in vielen Ländern zurückgebaut. Zurück bleibt ein Heer von Überflüssigen. Helfen dagegen könnte nur die Umverteilung der Arbeit. Höhere Steuern auch von Unternehmen müssen akzeptiert werden. Die haben sich an der Finanzierung der Gesellschaften zu beteiligen.

  • Sehr richtig,Sie haben es kapiert.
    Hoffen wir mal,dass sich mit diesem Problem auch die Politik(und da sind die Banken +Konzerne eingeschlossen,denn die bestimmen schließlich die Politik)in Amerika und Europa auseinander setzen wird,anstatt sich angesichts des neuen Riesenmarktes die Hände zu reiben und weiter zu machen wie gehabt.

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