WTO-Generaldirektor Pascal Lamy im Interview: "Ohne die USA läuft nichts"

WTO-Generaldirektor Pascal Lamy im Interview: "Ohne die USA läuft nichts"

Bild vergrößern

WTO-Generaldirektor Pascal Lamy

WTO-Generaldirektor Pascal Lamy über den wachsenden Protektionismus im Zeichen der globalen Wirtschaftskrise.

WirtschaftsWoche: Herr Lamy, am Donnerstag tagt in London der G20-Gipfel. Was erhoffen Sie sich von dem Treffen?

Lamy: Der Gipfel sollte den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) maximale Schubkraft verleihen, damit es zu echten Fortschritten bei der Liberalisierung des Welthandels kommt. Wir dürfen nicht vergessen, es geht hier um etwas relativ Simples. Handelsliberalisierung ist weit weniger komplex als der Umgang mit toxischen Anleihen, die Reform des Internationalen Währungsfonds oder die Regulierung von Hedgefonds.

Anzeige

Was erwarten Sie dann ganz konkret vom politischen Führungspersonal?

Wir brauchen das klare Versprechen, auf Protektionismus zu verzichten und die Doha-Runde so schnell wie möglich abzuschließen.

Das klingt vertraut. Genau das wurde doch beim G20-Gipfel in Washington im vergangenen November vereinbart.

Das stimmt, beim G20-Gipfel wurde ein Stillhalteabkommen geschlossen. Manche Länder haben sich aber nicht daran gehalten. Beim diesem G20-Treffen in London möchte ich sie mit der Kluft zwischen ihren Worten und ihren Taten konfrontieren. Ich halte es für ganz wichtig, den politischen Druck aufrechtzuhalten. Die Regierungen können sich ja gegenseitig kontrollieren.

Wie soll das funktionieren?

Wenn ich als nationaler Handelsminister aufgefordert werde, bestimmte Dinge zu schützen, dann kann ich mich zunächst damit verteidigen, dass ein solcher Schritt gegen WTO-Regeln verstößt. Falls jemand dann doch eine Umgehung der WTO-Regeln beabsichtigt, habe ich ein zweites Argument zu meiner Verteidigung: „Wir haben gemeinsam beim G20-Gipfel vereinbart, keine neuen protektionistischen Maßnahmen einzuführen.“

Im Augenblick scheint das wenig zu helfen. Der Hang zu Protektionismus ist weltweit sehr ausgeprägt. Oder irren wir uns da?

Angesichts des Ausmaßes der aktuellen Krise ist der Hang zum Protektionismus nicht überraschend. In schlechten Zeiten suchen die Menschen immer Schutz. Allerdings gibt es besseren Schutz als Protektionismus.

Welchen?

Arbeitslosengeld und Kurzarbeit beispielsweise können die soziale Unsicherheit verringern. Alles, was die Wirtschaft unterstützt und Arbeitsplätze erhält, ist besser, als den Handel zu behindern, was die schlimmste Form des Protektionismus darstellt. Wenn man Arbeitsplätze im Inland schützen will, indem man Importe hemmt, dann wird jemand anderer dasselbe tun. Und dessen Importe sind dann die eigenen Exporte. In diesem Fall würden dann auf der Exportseite Arbeitsplätze verloren gehen.

Das ist sehr einleuchtend. Inwieweit sind sich Politiker darüber im Klaren?

Sie sind sich dessen bewusst und deswegen würde ich auch klar unterscheiden zwischen protektionistischen Neigungen und tatsächlichen protektionistischen Maßnahmen. Letztere halten sich in Grenzen. Die Rezession in den Dreißigerjahren führte dazu, dass wir in den vergangenen 60 Jahren ein sehr solides Regelwerk in der WTO und ihrer Vorgängerorganisation aufgestellt haben. Diese Regeln wurden vereinbart, weil alle vermeiden wollen, dass wir wieder einen stark ausgeprägten Protektionismus bekommen, der in den Dreißigerjahren Dominoeffekte auslöste. Dieser intensive Protektionismus ist heute nicht mehr möglich, weil uns heute die WTO wie eine Versicherung davor schützt.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%