
Nur zehn Monate alt war die 15 Kilometer lange Brücke bei Harbin im Nordosten Chinas, als sie Ende August unter dem Gewicht von vier Lastwagen in die Tiefe sackte. Drei Tote, fünf Verletzte, ein Unglück wie viele in den vergangenen Jahren. Seit 2007 stürzten 18 chinesische Brücken in sich zusammen, 135 Menschen kamen dabei ums Leben, fast immer hatte das mit Pfusch am Bau und Korruption zu tun. In Harbin erinnerten sich die Leute noch gut an das Eigenlob des zuständigen Parteisekretärs, weil das fragile Bauwerk in eineinhalb Jahren statt der zuerst vorgesehenen drei Jahre fertiggestellt worden war.
Was wohl nichts mit guten Leistungen der Ingenieure und Arbeiter, viel aber mit der planwirtschaftlichen Fortschrittsideologie der Kommunistischen Partei (KP) zu tun hat. Weil die Sprecher der Staatspartei nach dem Unglück auf die Ausrede verfielen, vier ordnungswidrig überladene Lkws seien am Einsturz des Bauwerks schuld, ist der Vorfall für viele Chinesen zum Symbol dafür geworden, was in ihrem Land nicht stimmt: Die wirtschaftliche Erfolgsstory der vergangenen Jahrzehnte basiert auf Pfeilern, die ähnlich morsch sind, wie es die havarierte Brücke war.
Bild: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDer Investor Marc Faber ist für seine ökonomischen Prognosen weltweit bekannt. Für Asien skizziert er ein Szenario, dass China nicht gefallen wird.
In seinem Blog fasst er dies so zusammen: "I don’t think that in Asia at the present time there is any economic growth."
Bild: dapdBrasilien, Chile, Argentinien. Das Wachstum in den Rohstoffländern, den Lieferanten von China, geht zurück. Diese wiederrum haben dann weniger Geld, um chinesische Waren zu kaufen.
Bild: IVAN ALVARADOEgal ob Aluminium, Kupfer oder Stahl- Chinas Rohstoffkonsum sinkt. Laut einer Studie des Instituts für internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Bonn wird der Rohstoffverbrauch nicht mehr so stark steigen wie in den 20 Jahren zuvor.
Bild: dpa/dpawebEin weiterer Indikator für die ökonomische Stagnation sind die Zahlen Taiwans und Süd-Koreas. Der Export beider Länder, der auf China ausgerichtet ist, weist ein rückläufiges Exportwachstum auf.
Bild: REUTERSWestlich von Hong Kong liegt die Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China, besser bekannt als Macau, Asiens Monte Carlo. Zwar steigen die Gesamtumsätze jedoch sinkt das Umsatzwachstum der Vermittler (Junkits), also derjenigen, die die Glücksuchenden nach Macau in die Casinos bringen.
Bild: APLouis Vuitton, Gucci, Prada. Die Luxusbranche kann sich nicht beklagen, zumindest nicht in Europa. Laut Fabers Prognose jedoch geht der Konsum von Luxusgütern zurück.
Bild: REUTERSLaut Fabers Einschätzung steigt der Stromverbrauch kaum noch. Weitere Studien geben ihm Recht. Im Vergleich zu 2011 sank das Wachstum des vierteljährlichen Energieverbrauchs um 5,9 Prozent.
Bild: REUTERSDie Baoshan Iron & Steel Co. verzeichnet einen Rückgang ihres Netto-Profits von 43 Prozent. Das Unternehmen ist nicht unbekannt, gehört es doch der Shanghai Baosteel Group Corporation an, Chinas zweitgrößten Stahlproduzenten.
Bild: APAuch die chinesische Bevölkerung spürt den Abschwung. Viele leisten sich nicht mehr das teure amerikanische Fast-Food. Statt Cheeseburger heißt es wieder Chop Suey. Dies hat auch negative Auswirkungen auf den Umsatz amerikanischer Ketten.
Der Investor Marc Faber ist für seine ökonomischen Prognosen weltweit bekannt. Für Asien skizziert er ein Szenario, dass China nicht gefallen wird.
In seinem Blog fasst er dies so zusammen: "I don’t think that in Asia at the present time there is any economic growth."
Das chinesische Modell scheint an seine Grenzen zu stoßen, Wachstumsraten und ausländische Investitionen gehen zurück. Das immer schwierigere weltwirtschaftliche Umfeld erschwert neue Exporterfolge. Die gewaltige Kluft zwischen Arm und Reich, erfolgreichen Küstenprovinzen und darbendem Binnenland dämpft die Binnennachfrage und schafft ein Potenzial für soziale Unruhen. Die Spitzenfunktionäre der Kommunistischen Partei kennen die Probleme. Was aber nicht heißt, dass sie zu ihrer Lösung beitragen können oder wollen.
Denn die Parteidiktatur ist selber die Ursache vieler Probleme, von Vetternwirtschaft und Korruption über die Begünstigung der staatseigenen Betriebe bis hin zu falschen Anreizen für Provinzpolitiker.
Längst beschlossen
Doch jetzt ist Wandel angesagt, wenigstens personell. Am 8. November versammeln sich mehr als 2200 Delegierte in Peking zum 18. Parteitag der Kommunistischen Partei. Sie werden absegnen, was im Geheimen längst beschlossen ist: die neue Zusammensetzung des neunköpfigen Ständigen Ausschusses des Politbüros, also der eigentlichen Regierung des Riesenreiches. Voraussichtlich werden sieben der neun Mitglieder in den Ruhestand verabschiedet. Wichtigster Personalwechsel: Hu Jintao, Staatspräsident und KP-Generalsekretär, macht nach fast genau zehn Jahren Platz für seinen Nachfolger Xi Jinping.
Wer ist Xi Jinping?
Ein Kompromisskandidat ...
der rivalisierenden Gruppen in der Kommunistischen Partei wird bald zum mächtigsten Mann in China. Der 59-jährige Xi, Sohn eines stellvertretenden Ministerpräsidenten in der Frühzeit der Volksrepublik, zählt wegen dieser Abstammung zu den konservativen „kleinen Prinzen“.
Als Freund der Marktwirtschaft ...
hat sich Xi in seiner Zeit als Gouverneur der Provinzen Fujian und Zhejiang profiliert. Während der Kulturrevolution war sein Vater eingesperrt worden, er selber wurde aufs Land deportiert. Dann aber durfte er an der renommierten Tsinghua-Universität in Peking Chemie und Rechtswissenschaften studieren und stieg in der Partei auf. Seit 2007 sitzt er im Ständigen Ausschuss des Politbüros, dem Zentrum der Macht.
Zum Kronprinzen ...
von Staats- und Parteichef Hu wurde Xi spätestens 2010 bestellt. Besucher beschreiben den Aufsteiger als offen und vergleichsweise diplomatisch im Umgang, insofern angenehmer für den Westen als sein Vorgänger. Manches deutet aber darauf hin, dass China unter Xis Führung außenpolitisch aggressiver wird, zumindest gegenüber den Nachbarstaaten. Vieles ist noch offen – selbst im eigenen Land war Xi lange Zeit weniger bekannt als seine Frau Peng Liyuan, eine prominente Sängerin.
Xi wird als Kompromisskandidat der innerhalb der Partei streitenden Fraktionen beschrieben. Doch mit vorsichtigen Kompromissen ist China kaum noch steuerbar. Der neue erste Mann steht vor schweren Entscheidungen, und diese bestimmen nicht nur die Zukunft der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, sondern sind global gesehen ähnlich bedeutend wie die des Präsidenten der USA – auch wenn fast die gesamte Welt im November dem unterhaltsamen Spektakel der amerikanischen Wahl viel mehr Aufmerksamkeit schenken wird als der Geheimniskrämerei in Peking.
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