Zukunft des Krieges: Wie sich die Nato auf Cyber-Angriffe vorbereitet

Zukunft des Krieges: Wie sich die Nato auf Cyber-Angriffe vorbereitet

von Florian Willershausen

Cyber-Angriffe werden in den Kriegen der Zukunft eine große Rolle spielen. In Estland bereitet sich die Nato in einem Zentrum darauf vor – doch das reicht nicht: Für den Informationskrieg, wie ihn Russland bereits führt, ist der Westen schlecht gerüstet.

Für den Krieg der Zukunft rüstet sich der Westen am Stadtrand von Tallinn – in einem schmucken Gebäude mit unverputzten Backsteinmauern. In der Kaserne der estnischen Funker, die einst ein Bataillon der Roten Armee und zuvor gar eines des russischen Zaren beherbergte, residiert heute das wohl wichtigste Cyber-Abwehrzentrum in Europa.

Praktisch als Dienstleister der Nato analysieren und simulieren hier die besten IT-Leute aus über 18 Staaten Cyber-Attacken aller Couleur – vom Lahmlegen eines Servers bis hin zum Hacken der Navigation einer Drohne. Um daraus Trainingsprogramme für die Sicherheitsoffiziere in Armeen zu entwickeln. Der deutsche Oberstleutnant Jens van Laak dient im Moment als Stabschef und gibt zu: „Wir wissen, dass wir im weiten Feld der Cyber-Angriffe verletzlich sind.“ Und es sei noch ein weiter Weg, bis überall im westlichen Verteidigungsbündnis der nötige Schutz vor solchen Attacken aufgebaut sei.

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Chronik: Die größten Datendiebstähle

  • April 2011

    Der japanische Unterhaltungskonzern Sony meldet das illegale Ausspähen mehrerer Server. Betroffen sind 77 Millionen Nutzer, die sich auf der Plattform der Spielkonsole „Playstation“ registriert hatten.

  • Januar 2012

    Hacker erschleichen sich den Zugang zu Rechnern des Online-Bekleidungsshops Zappos und stehlen 24 Millionen Kundendaten. Zappos ist eine 100-prozentige Tochter des Web-Warenhauses Amazon.

  • September 2013

    Vodafone zeigt den Diebstahl von zwei Millionen Kundendaten in Deutschland an. Ein Hacker stahl von Rechnern des Mobilfunkkonzerns Namen, Adressen und Kontodaten.

  • Oktober 2013

    Hacker dringen in Datenbanken des US-Softwareherstellers Adobe ein und stehlen Listen mit 152 Millionen Nutzerdaten. Sie konnten dabei auch die verschlüsselt gespeicherten Passwörter knacken.

  • Dezember 2013

    In Datenbanken der US-Warenhauskette Target dringen Hacker ein und stehlen 110 Millionen Kundendaten, darunter knapp 40 Millionen Kredit- und EC-Kartendaten.

  • Mai 2014

    Die Datenbank des Online-Auktionshauses Ebay wird angezapft. Die Hacker, die über gestohlene Mitarbeiterzugänge eindrangen, kommen in den Besitz von 145 Millionen Daten inklusive Passwörter und weiteren persönlichen Daten.

  • September 2014

    Bei der US-Baumarktkette Home Depot knacken Hacker die Sicherheitsvorkehrungen von Zahlungssystemen. Die Kreditkartendaten von 56 Millionen Kunden werden ausspioniert.

  • Oktober 2014

    Die US-Bank JP Morgan wird Opfer eines groß angelegten Cyberangriffs. Daten von 76 Millionen Privatkunden und sieben Millionen Firmenkunden fallen in die Hände von Hackern. Ausgespäht wurden Name, Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse.

Diese Verletzbarkeit zeigte sich ganz besonders hier in Estland: Als 2007 das Sowjetdenkmal des bronzenen Soldaten vom Zentrum an den Stadtrand verlegt werden sollte, legten russischsprachige Hacker die Server von Behörden und Banken jenes Landes lahm, dessen Dienstleistungen schon damals viel stärker digitalisiert waren als anderswo in Europa. So entbrannte ein hybrider Krieg aus Cyber-Attacken und medial aufgepeitschten Protesten der russischen Minderheit. Kein Wunder, dass die Esten seither sensibilisiert sind – und just neben dem neuen Ort für das Soldaten-Denkmal dieses Cyber-Zentrum eingerichtet haben.

Estland hat seither viel in die IT-Sicherheit von Behörden wie Unternehmen investiert. Was man von anderen Ländern in Europa weniger behaupten kann. Trotz kooperativer Pilotprojekte wie dem Cyber-Defense-Center sind westliche Staaten und mehr noch Unternehmen schwach gerüstet für den Krieg der Zukunft, warnt der Zukunftsforscher Michael Schmitt vom U.S. Naval War College in Newport: „Im Alltag der Zukunft haben wir es sicherheitspolitisch mit einem Krieg zu tun, der ganz subtil daherkommt.“

Neben Cyber-Attacken und Infrastruktur nennt er Informationskriege, Wirtschaftsspionage und die gezielte Destabilisierung von Gesellschaften als Methoden sogenannter „hybrider Kriege“. Worauf die Staaten mit immer raffinierteren Überwachungssystemen, Kampfdrohnen und ganz neuen Abwehrmechanismen reagieren müssen. „Wir brauchen in Deutschland eine Art Cyber-Force, zu der personell und technisch Polizei, Bundeswehr und Geheimdienste beitragen sollten“, sagt Roderich Kiesewetter, der für die CDU im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages sitzt.

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