13 Millionen Menschen: Fast jeder sechste Deutsche ist arm

13 Millionen Menschen: Fast jeder sechste Deutsche ist arm

, aktualisiert 28. Oktober 2014, 17:55 Uhr

Im reichen Deutschland sind rund 13 Millionen Menschen von Armut bedroht. Besonders hoch ist das Risiko für Frauen, Alleinerziehende und Arbeitslose. Sozialverbände schlagen Alarm.

Fast jeder Sechste in Deutschland ist von Armut bedroht. Das sind rund 13 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag für das Jahr 2013 mitteilte. Mit 16,1 Prozent war der Anteil der armutsgefährdeten Menschen in der Bundesrepublik damit genauso hoch wie 2012.

Im ersten Jahr der EU-weiten Erhebung (2008) lag er noch bei 15,2 Prozent. Besonders gefährdet sind Frauen, Alleinerziehende, Alleinlebende und Arbeitslose. Sozialverbände sind alarmiert und fordern mehr Investitionen in Bildung und Betreuung sowie Nachbesserungen in den sozialen Sicherungssystemen.

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Armut beginnt nach der EU-Statistik SILC („Leben in Europa“) in Deutschland bei einem Haushaltsnettoeinkommen von 979 Euro im Monat für einen Single und bei 2056 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes zur Verfügung hat, gilt nach der Definition als arm.

Armutsgefährdung in Deutschland

  • Wie viele Menschen in Deutschland sind arm?

    Wer in Deutschland allein mit weniger als 979 Euro netto im Monat auskommen muss, gilt nach der EU-Statistik als armutsgefährdet. Bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze bei 2056 Euro im Monat. Nach dieser Rechnung sind 13 Millionen Menschen in der Bundesrepublik von Armut bedroht. Der Anteil an der Bevölkerung von rund 16 Prozent ist seit Jahren relativ stabil. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster warnt jedoch: „Etwa die Hälfte davon hat keine Chance mehr, da raus zu kommen.“ Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ergänzt: „Wir haben immer mehr Erwerbstätige, aber trotzdem schützt dies nicht mehr vor Armut.“

  • Was ist Armutsgefährdung?

    Die Statistiker sprechen von „Armutsgefährdung“ oder einem „relativen Armutsrisiko“. Nach der Definition der EU-Statistik ist von Armut bedroht, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung seines Landes lebt. „Armut“ ist nach Ansicht des Armutsforschers Christian Arndt „ein Zeichen dafür, dass etwas Wesentliches zum Wohlergehen fehlt“. Dies betreffe aber nicht alle, die über ein Einkommen unterhalb der „Armutsrisikoschwelle“ verfügten. „So ist dies sicher nicht der Fall für einen Studierenden mit geringem Einkommen, kann aber sehr wohl für ein schwerwiegendes Problem für eine alleinstehende Rentnerin sein.“

  • Wie schneidet Deutschland im EU-Vergleich ab?

    Mit einer Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent schneidet Deutschland 2013 um 0,6 Prozentpunkte besser ab als der Anteil aller EU-Länder zusammen. Allerdings fehlen für den exakten Mittelwert noch einige Zahlen, etwa die von Irland und Kroatien. Besonders hoch ist der Anteil der von Armut bedrohten Menschen in Griechenland (23,1 Prozent), Rumänien (22,4 Prozent) und Bulgarien (21,0 Prozent). Am niedrigsten ist das Armutsrisiko in der Tschechischen Republik (mit einem Anteil von 8,6 Prozent), Island (9,3 Prozent), den Niederlanden (10,4 Prozent) und Norwegen (10,9 Prozent).

  • Wer ist in der BRD besonders von Armut bedroht?

    „Armut ist immer noch weiblich“, sagt die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Frauen aller Altersgruppen sind stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Frauen im Rentenalter. Und: Fast 70 Prozent der Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Nach Einschätzung von Armutsforscher Hans-Ulrich Huster haben auch Menschen mit Migrationshintergrund und alleinlebende junge Leute unter 30 Jahren ein erhöhtes Risiko.

  • Steigt die Zahl der Armen in Deutschland?

    Das Armutsrisiko hat nach Darstellung des Volkswirts und Armutsforschers Christian Arndt zwischen 1999 und 2005 stark zugenommen. Seitdem aber nicht mehr. In der seit 2008 erhobenen EU-Statistik stieg die Quote für Deutschland von 15,2 Prozent auf 16,1 Prozent. „Hier könnte man einerseits von einer Manifestation des Armutsrisikos sprechen. Die Botschaft ist aber die, dass das Armutsrisiko im Gegensatz zu einigen anderen Ländern nicht weiter zugenommen hat.“ Armutsforscher Hans-Ulrich Huster stellt fest: „Die Reichen werden reicher. Das Einkommen der Armen sinkt relativ gesehen zu den Einkommen der mittleren und oberen Einkommensbezieher.“

  • Was fordern Fachleute?

    Der für 2015 geplante Mindestlohn ist nach Einschätzung des Sozialverbands VdK und des Paritätischen Wohlfahrtsverband ein richtiger Schritt. „8,50 Euro ist aber hart auf Kante genäht, das ist genau für einen Alleinlebenden die Armutsschwelle“, sagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Armutsforscher Hans-Ulrich Huster betont: „Nicht der Facharbeitermangel ist das Problem, sondern dass wir uns zu wenig darum kümmern, dass die Jugendlichen, die da sind, eine entsprechende Ausbildung bekommen.“

Frauen sind erneut in allen Altersgruppen stärker von Armut bedroht als Männer. Besonders groß ist der Unterschied bei Frauen im Rentenalter: Ihr Armutsrisiko fiel mit 17,0 Prozent deutlich höher aus als das der gleichaltrigen Männer (12,7 Prozent).

Fast 70 Prozent der Arbeitslosen sind von Armut bedroht. Bei den überwiegend Erwerbstätigen lag der Anteil dagegen nur bei 8,6 Prozent. Unterteilt nach Haushaltsgruppen sind vor allem Alleinerziehende und Alleinlebende besonders armutsgefährdet.

So war fast jeder dritte Single und mehr als jede dritte Alleinerziehende betroffen. Knapp zwei Drittel der 30- bis 59-Jährigen in Deutschland sorgen sich vor einer Zunahme der Altersarmut. Dies ergab eine Allensbach-Studie für die Versicherungswirtschaft, wie diese mitteilte.

„Zentral wird sein, den Menschen zu ermöglichen aus der Armutsfalle zu gelangen, denn momentan gilt: wer einmal arm ist, bleibt arm“, sagte der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler, laut Mitteilung. Da gerade Menschen mit niedrigem Bildungsstandard besonders gefährdet seien, müssten vor allem die Bildungs- und Betreuungsangebote besser werden.

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Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, forderte, die vollständige Angleichung der Mütterrente. „Das Mehr an Rente muss auch für Frauen spürbar sein, die so wenig Rente bekommen, dass sie auf Grundsicherung angewiesen sind.“

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, betonte: „Ein Arbeitsloser ist im Regelfall offensichtlich in Deutschland nicht mehr vor Armut geschützt.“ Hartz IV habe, was soziale Sicherung und Armutsvermeidung anbelangt, bei Arbeitslosen völlig versagt. Da müsse dringend nachgebessert werden.

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