150 Jahre SPD: Die SPD feiert ihre Größe von gestern

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Kommentar150 Jahre SPD: Die SPD feiert ihre Größe von gestern

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Stolz blickt Parteichef Sigmar Gabriel auf die 150-jährige Parteigeschichte der SPD zurück.

von Max Haerder

In Leipzig blickt die SPD stolz auf ihre 150-jährige Geschichte. Doch die Partei flieht vor der Gegenwart: Vor dem gestörten Selbstverständnis nach den Agenda-Jahren und einem Wahlkampf, der perspektivlos daher dümpelt.

Sigmar Gabriel hat ein fast untrügliches Gespür für politische Stimmungen, und er hat einen kaum zu bändigenden Hang zur Überhöhung. Der SPD-Parteichef ist der letzte Redner, aber er hat sich offenbar vorgenommen, auch den letzten im Leipziger Gewandhaus von der Bedeutung des Momentes noch einmal persönlich überzeugen zu müssen.

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Die SPD könne auf eine einzigartige Leistung zurückblicken, sagt Gabriel, sie könne vor allem stolz sein. Die Partei sei "zum stabilen Anker unseres Landes" geworden. "Die SPD ist seit 150 Jahren das Rückgrat der deutschen Demokratie." Den Kniefall Willy Brandts macht Gabriel gar zur "eindrucksvollsten Handlung der deutschen Geschichte".

Nun sind Pathos, Würde, eine gewisse Selbstberauschung und auch brustfüllender Stolz angesichts der Historie der deutschen Sozialdemokratie durchaus angebracht. Und der SPD gelingt in Leipzig - genau anderthalb Jahrhunderte nachdem Ferdinand Lasalle im Wirtshaus Pantheon den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete - eine angemessene Feierstunde.

Die Geschichte der SPD

  • 1863

    Ferdinand Lassalle gründet am 23. Mai den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) in Leipzig, der Vorläufer der SPD. Das Datum gilt als Geburtstag der deutschen Sozialdemokratie.

  • 1891

    Auf einem Parteitag in Erfurt gibt sich die SPD ein neues Programm und wird zur Massenpartei - für die Rechte von Arbeitern.

  • 1918

    Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November in Berlin die Republik aus. SPD und USPD bilden für kurze Zeit eine Revolutionsregierung.

  • 1919

    Nach den Wahlen zur Nationalversammlung wird der Sozialdemokrat Friedrich Ebert Reichspräsident.

  • 1933

    Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar endet die Weimarer Republik. Die Sozialdemokraten lehnen am 23. März das Ermächtigungsgesetz ab, im Juni verbietet Hitler die SPD. In der Folge werden zahlreiche Sozialdemokraten verfolgt, ermordet und in Konzentrationslagern eingesperrt.

  • 1946

    SPD und KPD werden in der sowjetischen Besatzungszone unter Druck zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vereint.

  • 1959

    Mit dem Godesberger Programm wandelt sich die SPD im Westen von einer Klassen- zu einer pluralistischen Volkspartei.

  • 1966

    Zum ersten Mal ist die SPD in der Bundesrepublik an einer Regierung beteiligt: der Großen Koalition mit der CDU/CSU.

  • 1969

    Willy Brandt ist Bundeskanzler der SPD/FDP-Koalitionsregierung. Nach seinem Rücktritt wegen der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume folgt ab 1974 Helmut Schmidt als Kanzler (bis 1982).

  • 1990

    West- und Ost-SPD vereinigen sich zu einer gesamtdeutschen SPD.

  • 1998

    Dritter SPD-Bundeskanzler wird Gerhard Schröder (bis 2005). Die SPD regiert mit den Grünen. Mit dem Namen Schröder sind auch die umstrittenen Arbeitsmarktreformen der „Agenda 2010“ verbunden.

  • 2009

    Die SPD kommt mit Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier auf nur 23 Prozent der Stimmen und verliert ihre Regierungsbeteiligung.

Otto Wels wird gewürdigt, jener Gastwirts-Sohn und Tapezierer, der 1933 zusammen mit seiner Fraktion im Reichstag isoliert gegen das Ermächtigungsgesetz stimmt. Marie Juchacz wird zitiert, die in der Weimarer Republik als erste Frau im Parlament redet. Friedrich Ebert, Willy Brandt, Helmut Schmidt - auch an ihnen richtet sich die Partei auf.

Und doch liegt über all dem Glanz ein ernüchternder Schleier der Gegenwart, das Schicksal der Opposition, ein gestörtes Selbstverständnis nach den Agenda-Jahren, und zu allem Überfluss ein Wahlkampf, der ziel-, kraft- und perspektivlos daher dümpelt.

Jubiläum Die ratlosen Erben der SPD

Die älteste Partei Deutschlands kann den freien Fall nicht stoppen und droht, bedeutungslos zu werden. Braucht das Land keine Sozialdemokratie mehr – oder braucht es die SPD von Sigmar Gabriel nicht?

Quelle: rtr

Es ist an diesem Tag sehr viel von Freiheit die Rede, Freiheit als Emanzipation der Arbeiterschaft, als Glück der Bildung, als allgemeines Wahlrecht. Aber vielleicht ist in Leipzig auch etwas mehr von Freiheit die Rede, als der SPD von heute lieb sein kann. Denn als Möglichkeit zu etwas spielt sie in der gegenwärtigen Programmatik kaum eine Rolle. Die bestehenden Zustände drängen sich den Genossen zumeist als Zumutungen auf, die es zu bekämpfen gilt.

Vielen Bürgern jedoch geht es offenbar anders, besser nämlich.

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Bundespräsident Joachim Gauck ist es, der ohne Nennung der Agenda 2010 jene "unpopulären Entscheidungen" lobt, die Verantwortung für das ganze Land bewiesen hätten.  Frankreichs Staatspräsident François Hollande würdigt Ex-Kanzler Gerhard Schröder sogar explizit: dank ihm habe Deutschland "die Nase vorn". Dank ihm aber schleppt die SPD auch noch immer ein Reformtrauma mit sich: Das Land hat man vielleicht modernisiert, aber die Macht hat man verloren. Es schwingt die Frage mit: Bekommen wir sie jemals wieder?

Die Sozialdemokraten widerstehen an diesem Tag glücklicherweise der Versuchung, mit ihrer stolzen Geschichte Wahlkampf zu machen. Dass Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Leipzig aber nur als Randfigur zu besichtigen ist: eigenartig. Sigmar Gabriel sagt in seiner Rede noch, die SPD habe stets vom "Hoffnungsüberschuss" gelebt. Ob das auch noch den Kanzlerkandidaten einschließt?

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