20 Jahre: Deutsche Einheit: Welke Landschaften, blühende Inseln

20 Jahre: Deutsche Einheit: Welke Landschaften, blühende Inseln

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Noch tummeln sich Menschen in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt. Doch schon in wenigen Jahren könnten sie hier so viel Platz haben, dass es schon wieder ungemütlich wird. Bevölkerungsforscher vergleichen den derzeitigen und absehbaren Verlust an Einwohnern mit dem 30-jährigen Krieg. Weil nach 1990 weniger Kinder zur Welt kamen und junge Menschen in Scharen wegzogen, fehlen schon jetzt Auszubildende und Akademiker. Firmenchefs werden bei der Personalsuche kreativ - und zum Vorbild für den Westen.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Osten aufgeholt - und teilweise zum Westen aufgeschlossen. Die Mauer der Zukunft verläuft zwischen jungen Wachstumsinseln und sterbenden Landstrichen - vor allem in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Eine CDU-geführte Bundesregierung läuft offenbar immer dann zur rhetorischen Hochform auf, wenn es ums schwarz-rot-goldene Ganze geht. Sehr blumig klingt das dann, sehr munter und mirakulös. Bekanntlich hat Helmut Kohl, den sie heute nicht mehr nur in der Union den „Kanzler der Einheit“ nennen, 1990 von einer „gemeinsamen Anstrengung“ gesprochen, mit der es „uns gelingen“ werde, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in „blühende Landschaften“ zu verwandeln.

Und siehe da: 2010 meldet Thomas de Maizière, der Innenminister im Kabinett von Kohl-Nachfolgerin Angela Merkel, Vollzug. „Stolz und fröhlich“ könne er eine „Erfolgsbilanz“ ziehen, so de Maizière vergangene Woche bei der Vorstellung des Jahresberichts zum Stand der deutschen Einheit: Ein „kleines Wirtschaftswunder“ sei geschehen im Osten, ja: Deutschland habe „Großes vollbracht“. Der Rest, suggeriert de Maizière, ist reine Formsache: 2019, wenn der Solidarpakt II ausläuft, steht Ostdeutschland auf eigenen Füßen. Und spätestens 2030 wird die Gegenwart des zähen Wiedervereinigungsprozesses endlich Geschichte sein.

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Was de Maizière verschweigt: Der Riss durch Deutschland wird in 20 Jahren vielleicht vernarbt sein, aber immer noch mächtig jucken. Die Teilung wird fortleben, vielleicht nicht mehr in den Köpfen der Menschen, das wächst sich aus. Ganz sicher aber in Strukturdaten und ökonomischen Kennziffern, in Wanderungsbewegungen, Lohnsummen und Exportquoten. Dynamische Wachstumsregionen rund um Berlin, Leipzig, Dresden, Jena, vielleicht auch Magdeburg und Halle werden im Wettbewerb mit München, Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover und Köln stehen, während in weiten Teilen von Sachsen-Anhalt und Thüringen die Dörfer sterben – und das viel schneller als im Sauer- oder Münsterland, in der Eifel oder in den ehemaligen Zonenrandgebieten Nordhessens.

Blühende Wirtschaftsinseln und welke Landschaften

Länderfinanzausgleich

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Der demografische Wandel und der sich abzeichnende Fachkräftemangel werden Ostdeutschland früher und härter treffen als den Westen; die Abwesenheit von Konzernzentralen und seine kleinteilige Wirtschaftsstruktur drohen die beeindruckende Aufholjagd der fünf neuen Bundesländer zunichte zu machen. Der „Aufschwung Ost“, das ist die Wahrheit nach zwei Jahrzehnten deutscher Einheit, steht in den nächsten zwei Dekaden vielleicht mehr denn je auf des Messers Schneide.

Eine Angleichung der Lebensverhältnisse, das Lieblingsversprechen aller Politiker, wird es nicht geben, nicht zwischen West und Ost – und schon gar nicht zwischen den blühenden Wirtschaftsinseln und welken Landschaften in Gesamtdeutschland. Die Trennung wird teilweise überwunden sein, sicher – aber zum Preis einer neuen Mauer, die vitale Städte von siechen Landstrichen trennt. Die vitalen Städte aber werden vor allem im Westen liegen – und die siechen Landstriche vor allem im Osten.

Optimistische Prognosen

In der offiziellen Bestandsaufnahme nach 20 Jahren deutscher Einheit ist von dem revolutionären Jahrzehnt, das den ostdeutschen Ländern (wieder einmal) bevorsteht, keine Rede – obwohl sich bereits heute abzeichnet, dass das zentrale Problem der vergangenen Jahrzehnte (die Arbeitslosigkeit) sich praktisch in sein Gegenteil verkehren wird: Bereits in wenigen Jahren wird Arbeitsagenturen, Politik und vor allem die Wirtschaft der Mangel an geeigneten Arbeitskräften stärker beschäftigen als alles andere.

Die Fortschreibung der Erfolgsgeschichte steht unter dem Vorbehalt, dass dieser Mangel behoben wird. Andernfalls sind alle ermutigenden Entwicklungen der Vergangenheit und alle beeindruckenden Daten der Gegenwart schon bald hinfällig – und auch alle optimistischen Prognosen.

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