35-Stunden-Woche für Eltern: Familienarbeitszeit auf Kosten der Kinder

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Kommentar35-Stunden-Woche für Eltern: Familienarbeitszeit auf Kosten der Kinder

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Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will, dass Eltern mehr arbeiten.

von Ferdinand Knauß

Familienministerin Schwesig und DIHK-Chef Schweitzer fordern gemeinsam längere Arbeitszeiten für Eltern. Ausdruck einer fatalen Missachtung der Interessen von Familien.

Wenn sich eine Bundesfamilienministerin von der SPD und der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages in der Redaktion einer großen deutschen Zeitung zu einem Interview treffen, sollte man eigentlich ein Streitgespräch erwarten. Erstere sollte sich, so könnte man annehmen, für die Belange von Familien einsetzen, der andere natürlich für die Interessen der Wirtschaftsunternehmen. Doch der Streit findet nicht statt. Beide sind sich völlig einig. „Wunderbar!“ jubiliert Manuela Schwesig über Eric Schweitzers Vorschlag: Er will, dass in Familien nicht mehr einer Vollzeit und der andere Teilzeit arbeitet, sondern „sinnvoll organisiert“, beide 35 Stunden. Das ist im Kern tatsächlich dieselbe Idee, die sie selbst unter dem Stichwort „Familienarbeitszeit“ in die Diskussion brachte. Die demonstrativ große Einigkeit lässt erwarten, dass demnächst eine entsprechende Initiative ins Rollen kommen könnte.

Können sich Familien darüber freuen? Nein. In dem Gespräch ist zwar bisweilen von Kindern die Rede, aber stets ist klar, dass sich beide einig sind über die Prioritäten: Erst die Arbeit, dann die Kinder. Beiden geht es nicht darum, Eltern Zeit für ihre Kinder zu verschaffen, sondern für ihre Erwerbsarbeit - auf Kosten der Kinder.

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„Durch die Demographie werden uns künftig Millionen Arbeitskräfte fehlen“, klagt Schweitzer. Ohne zu erwähnen, dass dadurch auch Millionen Konsumenten fehlen werden, zieht er daraus den Schluss, dass „wir in der Summe mehr leisten“ müssten. „Beide“, also Väter und Mütter, sagt Schweitzer, „sollten möglichst viel arbeiten können.“

Wenn da nur nicht bei dem einen oder anderen potentiellen Mehrleister diese Kinder im Weg stünden! Für deren Betreuung sei „vor allem der Staat gefragt“. Auch hiermit rennt der DIHK bei der Sozialdemokratin offene Türen ein.

Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Der 47-jährige Berliner Unternehmer ist Vorstand und Mitinhaber des Entsorgungskonzerns Alba. Quelle: dpa

Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Der 47-jährige Berliner Unternehmer ist Vorstand und Mitinhaber des Entsorgungskonzerns Alba.

Bild: dpa

Wir wollen mal rekapitulieren, was Schweitzer fordert: Die Wirtschaft leide unter der „demographischen Entwicklung“, das heißt konkret: dem Mangel junger Arbeitskräfte. Noch konkreter: Darunter, dass deutsche Familien zu wenige Kinder bekamen und bekommen. Und weil das so ist, sollen die Eltern und vor allem die Mütter der wenigen Kinder noch mehr arbeiten, um die Arbeitskraft der nicht Geborenen zu kompensieren. Die Mehrzeit für die Erwerbsarbeit soll auf Kosten der Zeit für die wenigen dennoch geborenen Kinder gehen. Und mit dem durch die Mehrarbeit erwirtschafteten Geld wird dann die Kinderbetreuung finanziert. Konkret: Mütter sollen unter anderem deswegen arbeiten, damit sie andere Menschen dafür bezahlen können, ihre Kinder zu betreuen.

Auf Kosten der Kinder mehr arbeiten, um den Mangel an Kindern zu kompensieren! Dieser Lösungsvorschlag für die demographische Katastrophe klingt nur dann nicht absurd, wenn ökonomische Kennzahlen statt der Menschen im Zentrum des Denkens stehen. Bei Schweitzer ist das ganz offensichtlich der Fall: Wenn wir die „diese Arbeitsleistung“ – gemeint ist die der Ungeborenen – nicht ersetzten, prophezeit er, „können wir unser jetziges Sozialprodukt nicht mehr erwirtschaften“. Man kann diese umgekehrte Zweck-Mittel-Relation durchaus als in letzter Konsequenz menschenverachtend bezeichnen.

Es dürfte sich allmählich auch in den Industrie- und Handelskammern der Republik herumsprechen, dass ein wachsender Teil der Menschen immer weniger bereit ist, ihr ganzes Leben und vor allem die unbezahlbar wertvolle Zeit mit ihren Kindern der Steigerung des Sozialprodukts zu opfern. Insofern dürfte der Ruf nach "in der Summe mehr leisten" auf immer weniger Resonanz in einer Gesellschaft stoßen, der der Sinn eher nach "Downshifting" steht.

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Dass ein DIHK-Chef das Bruttosozialprodukt zum Götzen macht und darüber die Menschen vergisst, mag man ihm als Berufskrankheit noch nachsehen. Bedenklicher ist die andere Seite dieses Bündnisses für Arbeit um der Arbeit willen. Für ein Land, in dem jedes Jahr weniger Kinder geboren werden, ist es fatal, wenn im Zentrum der Familienpolitik nicht mehr die Kinder stehen, sondern ein ideologisches Programm, das allein die so genannte Gleichstellung der Frauen zum Ziel hat.  

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4 Kommentare zu 35-Stunden-Woche für Eltern: Familienarbeitszeit auf Kosten der Kinder

  • Als ich den Kommentar gelesen habe, hat es mich fast vom Stuhl gerissen. Dass in einer der Wirtschaft verpflichteten Zeitung ein Kommentar erscheint, in dem in Sachen Kinder und Erwerbstätigkeit trotz des Trommelfeuers, dass die die gesamte politische Klasse und alle Spitzen der Gewerkschaften und der Unternehmerverbände gegen die Familie und ihre primäre Verantwortung für die Erziehung der eigenen Kinder veranstalten, ein Kommentar,, der für die Vernunft und für die legitimen Rechte der Kinder eintritt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Hut ab!

    Dass es eigentlich das Natürlichste von der Welt ist und natürlich auch das selbstverständliche, allem staatlichen Manipulierungs- und Herrschaftsbedürfnis vorangehende Recht der Familie ist, sich selbst in Liebe (!) um ihre Kinder zu kümmern, ist ja in unserer veröffentlichten Meinung in Vergessenheit geraten.

    Deutschland ist ein Tollhaus. Da ist dieser Kommentar wie die Stimme aus einer anderen Welt. Danke!

  • Hervorragend! Endlich zeigt mal jemand die Widersprüche dieser kurzsichtigen Familienpolitik auf, die nur darauf abzielt, der Wirtschaft genügend Fachkräfte zuzuführen. In den Medien wird uns das, kombiniert mit einer regen Zuwanderungspolitik, fast immer als die Lösung des deutschen Demographieproblems verkauft.
    Um das Demographieproblem aber langfristig lösen zu können - und damit verbunden auch das Problem des Fachkräftemangels, bedarf es einer weitsichtigen Familienpolitik, die Eltern nicht dafür "bestraft", dass sie zwei oder mehr Kinder aufziehen (hohe Ausgaben für Kinder, Einkommensverzicht durch Erziehungszeiten, etc.), sondern endlich die richtigen Anreize schafft. Eine solche Politik müsste die Drei-Kind-Familie in den Fokus all ihrer Maßnahmen nehmen und den gegenwärtigen familienpolitischen Kurs, der allenfalls die Ein-Kind-Familie fördert, korrigieren.

  • Wenn diese Schwesig ihren Mund aufmacht, höre ich immer Original DDR-Geschwätz. Die hat auch noch zu viel Junge Pioniere und FDJ mitbekommen
    Demographie, damit wird ja immer alles erklärt.
    Hat sich mal jemand die Frage gestellt, warum es so wenig Kinder gibt?
    Es ist nicht nur eine finanzielle Fage, es ist auch die Über-Emanzipation.
    Wenn es nach der Schwesig ginge, würde das Wot Muttr demnächst zum Schimpfwort.
    Kinder haben gefälligst in den sozialistischen Staats-KITA erzogen zu werden.
    Ich warte nur darauf, dass auf Entbindungs-Stationen schon die Erzieherinnen stehen und die Kinder gleich mitnehmen
    Ja, ja, die DDR 2.0 ist angesagt.

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