60 Jahre Bundesrepublik: Wir sind Geschichte!

60 Jahre Bundesrepublik: Wir sind Geschichte!

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Design-Legende: BMW Isetta, der zwischen 1955 und 1962 gebaut wurde

Im Bonner Haus der Geschichte erlebt WirtschaftsWoche-Autor Christian Deysson seine Historisierung.

Es gibt magische Orte, da glaubt man ganz deutlich zu spüren, wie sich das eigene Leben plötzlich zur Geschichte kristallisiert. Für Bundesbürger der ersten Generation ist das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland so ein Platz. Dass man älter wird, merkt man zwar in der Regel daran, dass irgendwann mehr Ärzte als Freunde im Adressbuch stehen. In dem Bonner Museum aber bestürmt einen diese Empfindung regelrecht. Fein säuberlich konserviert, inventarisiert und katalogisiert findet man dort die eigene Kindheit und Jugend wieder – hinter Glas und in Vitrinen.

Da stehe ich also nach mehr als einem halben Jahrhundert endlich vor dem Traum meiner Kindheitstage: dem legendären Mercedes 300 des ersten deutschen Bundeskanzlers.

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Dieses Auto hat in der Ikonografie der Bonner Republik seinen festen Platz – nicht nur, weil Konrad Adenauer damit auf dem Petersberg bei Bonn vorfuhr, als er mit den Hohen Kommissaren der Alliierten um die politische Selbstständigkeit der Bundesrepublik stritt. Der Mercedes steht auch so prominent hier, weil sich die Bonner Republik – gerade in ihren ersten Jahrzehnten – vorzugsweise über die Ökonomie und die Warenkultur definierte.

Brotdose für selbst geschmierte Stullen

Dem prominenten Rhöndorfer Fahrgast verdankte die große Benz-Limousine später den Spitznamen Adenauer-Mercedes. Doch für die staunenden Zeitgenossen war der Mercedes 300 seinerzeit einfach der „Dreihundata“. Und das machte dieses Auto für mich als Erstklässler noch aufregender. Dreihundata – das klang in Kinderohren wild exotisch, da schwang so etwas wie Um-ta-ta mit. Und der schlitzäugige alte Mann mit dem Faltengesicht, der dem Wagen auf grob gerasterten Zeitungsfotos entstieg (Fernsehen gab es in meinem Schwarzwald-Heimatstädtchen damals noch nicht), schien ja tatsächlich so etwas wie ein Häuptling zu sein.

Und doch strahlt Konrad Adenauers Dienstwagen auch etwas von der charakteristischen Frugalität der frühen Nachkriegsjahre aus. Da ist zum Beispiel dieses kuriose, auf Geheiß des notorisch sparsamen „Alten“ an der Rückenlehne des Fahrersitzes montierte Metallrohrgestell, in dem der Kanzler auf seinen Dienstfahrten zwei billige Thermoskannen aus vergilbtem Bakelit (eine für den Chef, eine für den Fahrer) und eine blecherne Brotdose für die selbst geschmierten Stullen mit sich führte.

Eben typisch für die Ära der kleinen Notlösungen. Nehmen wir jenen genialen Behelf, den sich Adenauer anlässlich des Besuchs von Präsident John F. Kennedy im Juni 1963 einfallen ließ. Mitten in den Verhandlungen im Palais Schaumburg verlangte der von chronischen Rückenschmerzen geplagte US-Präsident nach einem heißen Wannenbad. Peinlich, peinlich: Im alten Palais Schaumburg gab es zwar eine antiquierte Badewanne, doch der Warmwasserboiler fasste nur 30 Liter. Badende Regierungschefs waren einfach nicht vorgesehen. Auf Geheiß des „Alten“ eilten denn auch ein paar Beamte in den nächsten Elektroladen und kauften alle verfügbaren Tauchsieder auf. In der nächsten halben Stunde kniete ein halbes Dutzend respektabler Ministerialräte und Staatssekretäre mit hochgekrempelten Ärmeln und Tauchsiedern um die Wanne, um das Badewasser für John F. Kennedy zu erhitzen.

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