60 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Lehrstunde der Marktwirtschaft

60 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Lehrstunde der Marktwirtschaft

Bild vergrößern

Neubau von Arbeiterwohnungen in den 60er-Jahren

Die Reputation der Sozialen Marktwirtschaft hat einen historischen Tiefstand erreicht, gedrückt vom Sex-Skandal bei VW, Rambo-Werksschließung bei Nokia, Stasi-Spitzeleien bei der Telekom oder der globalen Finanzkrise durch hochspekulative Kreditgeschäfte. Der Druck auf die Unternehmen wächst, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

"Wir freuen uns grün", prangt am Bauzaun. Hinter dem Plakat erheben sich die Zwillingstürme der Deutschen Bank, die bekanntermaßen blau schimmern. Hm? Will die größte deutsche Bank womöglich die Dresdner Bank, also die „mit dem grünen Band der Sympathie“ übernehmen?

Nein. Jenseits von Akquisitionen, Cash- Flows und Profits besetzt Vorstandschef Josef Ackermann gerade das Thema Nachhaltigkeit für seine Deutsche Bank. Für 200 Millionen Euro lässt die Bank derzeit ihren Frankfurter Firmensitz ökologisch sanieren, Kohlendioxid-Emissionen und Stromkonsum sollen um 55 Prozent sinken, der Wasserverbrauch um 45 Prozent.

Anzeige

Die beiden 155 Meter hohen Bürotürme sollen eine Zeitenwende beim Bankenprimus markieren, hin zu gesellschaftlicher Verantwortung, auf Neudeutsch: „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Ausgerechnet die Bank, deren Spitzenpersonal mit flapsigen „Peanuts“-Bemerkungen (Ex-Vorstandsprecher Hilmar Kopper über unbeglichene Handwerksforderungen von 50 Millionen Mark) oder unpassenden Victory-Handzeichen (Ackermann beim Mannesmann-Prozess) für öffentlichen Verdruss und Vertrauensverlust sorgte, will nun als „guter Unternehmensbürger“ (Ackermann) punkten.

Der Zeitpunkt könnte nicht dringlicher sein. Die Reputation der sozialen Marktwirtschaft hat einen historischen Tiefstand erreicht, gedrückt vom Sex-Skandal bei VW, Rambo-Werksschließung bei Nokia, Stasi-Spitzeleien bei der Telekom oder der globalen Finanzkrise durch hochspekulative Kreditgeschäfte. „Das Vertrauen ist gestört“, sorgt sich Bundespräsident Horst Köhler und beschwört moralische Werte, auf denen die Marktwirtschaft, ja der „freiheitliche Staat“ als Ganzer aufbauten. Was schwarze Schafe als Einzelne zerstörten, müssten die Unternehmen nun als Ganzes wieder herstellen, mahnt das Staatsoberhaupt und fordert auf zum „Kämpfen für die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft“.

In der Wirtschaft läuten die Alarmglocken

In der Wirtschaft läuten die Alarmglocken. So verlangt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun: „Wir müssen das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns ernst nehmen.“ Zwar verweist Braun auf die 1,5 Millionen neu geschaffenen Jobs in den vergangenen beiden Jahren, Rekordergebnisse bei den Ausbildungsverträgen und Tausende Unternehmen, die sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzten. Aber Braun weiß auch, dass ein schwarzes Schaf auffälliger ist als 99 weiße Schafe. Umso stärker drängen die Verbandsbosse in Berlin ihre Unternehmer, noch mehr und noch sichtbarer die „Flagge ihrer gesellschaftlichen Verantwortung hochzuhalten“, so Handwerkspräsident Otto Kentzler.

Noch nie hat sich die deutsche Wirtschaft so vehement für die soziale Marktwirtschaft eingesetzt wie in diesen Krisenzeiten. Endlich, nach 60 Jahren „entdecken“ die Unternehmen die soziale Marktwirtschaft und engagieren sich direkter denn je, beobachtet die Politik- und Gesellschaftswissenschaftlerin Anke Hassel von der Hertie School of Government. Auf der anderen Seite des Marktes entdecken die Verbraucher ebenfalls die Vorzüge dieses Wirtschaftssystems neu, die soziale Marktwirtschaft 2.0.

In ihren Anfangsjahren hatte die 1.0er- Marktwirtschaft in ungeahnter Weise die produktiven und kreativen Kräfte stimuliert, sodass das Wort vom „Wirtschaftswunder“ die Runde machte. Neckermann sorgte für Reisen für alle, Volkswagen für Mobilität für alle, Grundig oder Telefunken für Radio und Fernsehen für alle. Vielen Bürgern reicht indes nicht mehr die – stets für selbstverständlich gehaltene – Versorgung mit Autos, Wohnungen, Reisen und Nahrungsmitteln zu möglichst geilen Preisen. Sie wollen nicht mehr nur konsumieren, sondern dies auch mit gutem Gewissen. Dabei hilft ihnen die Marktwirtschaft, über die sie ihre moralische Marktmacht ausspielen und Unternehmen zu Wohlverhalten zwingen können.

"Der Markt transportiert die Moral der Gesellschaft"

Vergehen werden härter bestraft, Gutes belohnt. Lektionen, die etwa Lidl gerade lernt. Der Schnüffel-Skandal bei Mitarbeitern kostete den Discounter vorübergehend bis zu zehn Prozent Umsatzeinbußen. Schnell reagierte Lidl jedoch, entschuldigte sich für Entgleisungen und gelobte Besserung. Eine Chance dazu bot sich Anfang Juni. Auf dem Höhepunkt der Bauernproteste gegen den Milchpreisverfall – die in der Bevölkerung auf Sympathie stießen – kündigte Lidl als erstes Lebensmittelunternehmen an, den Molkereien zehn Cent mehr pro Liter Milch zahlen zu wollen. Im edlen Wettstreit zog Aldi rasch nach und überbot den Konkurrenten, indem er den Molkereien zwar auch zehn Cents mehr versprach, aber den Preis für die Verbraucher nur um sieben Cent erhöhte – um sich so bei Erzeugern und Verbrauchern gleichermaßen in ein gutes Licht zu rücken.

Eine Schlacht des Guten, eine Lehrstunde der Marktwirtschaft. Die angeblich so mächtigen Lebensmittelriesen beugen sich, sie dienen sich den Verbrauchern an. Sie gehorchen den marktwirtschaftlichen Signalen, und die blinken in Richtung gesellschaftliche Verantwortung. Bürger verlangen nach Produkten, die nach sozialen und ökologischen Standards hergestellt werden. Folglich stellen auch die Billigheimer grüne Biolabels in ihre Regale.

„Der Markt transportiert die Moral der Gesellschaft“, erklärt der Konstanzer Wirtschaftsethiker Josef Wieland und sieht den schottischen Moraltheologen Adam Smith bestätigt. Der „Vater aller Marktwirtschaftler“ hatte vor über 200 Jahren die Vorzüge der Marktwirtschaft gepriesen und von einer „moralischen Ökonomie“ gesprochen. Der Egoismus des Einzelnen füge sich in der Gesamtheit über die „unsichtbare Hand des Marktes“ zum Wohle der Allgemeinheit. Berühmt ist folgendes Beispiel von Smith: „Metzger, Brauer und Bäcker handeln nicht zum Segen der Menschen, um sie zu ernähren, sondern aus eigenem wirtschaftlichem Interesse.“

Die Handwerker waren es übrigens auch, denen sich Ludwig Erhard besonders verbunden fühlte. Nicht nur, weil sie die Bürger mit Wurst, Bier und Brötchen versorgen. Den Wirtschaftswunderminister beeindruckten mehr noch Selbstverantwortung und persönliches Engagement der Eigentümer. Diesem „soziologisch und politisch stabilisierenden Element“ zuliebe war der Ordnungspolitiker Erhard sogar bereit, den großen Befähigungsnachweis in der Handwerksrolle zu verteidigen, der gemeinhin als Marktbarriere im Handwerk gilt.

Überhaupt setzte Erhard auf den Mittelstand, den er liebevoll „Sauerteig der sozialen Marktwirtschaft“ nannte. Dem Leitbild des innovativen, bürgernahen und sozialen Unternehmers entsprach beispielsweise Heinrich Deichmann, der nach dem Krieg ins elterliche Schuhgeschäft einstieg und seine Marktchance im Niedrigpreissegment fand. Doch damit nicht genug: Deichmann, ein studierter Mediziner und verhinderter Theologe, engagierte sich stets gesellschaftlich und fand seine Lebensaufgabe schließlich in Indien und Tansania; über 100 Millionen Euro hat Deichmann dort bis heute in soziale Projekte gesteckt, erst im Kampf gegen Lepra, später in Bildung und Brunnen.

Deichmann praktizierte, was Erhard postulierte. Für den geistigen Vater der sozialen Marktwirtschaft bestand dessen Kern darin, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs und der sittlichen Verantwortung jedes Einzelnen dem Ganzen gegenüber zu verbinden“.

Erhard nutzte jede Gelegenheit, um die Wirtschaft gesellschaftlich und politisch zu sensibilisieren. Wohlwollend stand Erhard Pate, als im Dezember 1963 auf dem Petersberg bei Bonn Top-Bosse von A wie Hermann-Josef Abs (Deutsche Bank) bis Z wie Joachim Zahn (damals Daimler-Benz) den Wirtschaftsrat der CDU ins Leben riefen, um das Verantwortungsbewusstsein der Wirtschaftselite zu schärfen. Tatsächlich schienen sich viele Unternehmer und Manager in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik kaum groß Gedanken um das deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu machen. Schließlich gab es ja die Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, die im korporatistischen Schulterschluss die soziale Marktwirtschaft managten, assistiert von der Politik, die nur allzu gern den Sozialstaat ausbaute. Mit dem dualen Ausbildungssystem, großzügigen tariflichen Lohn- und Urlaubsregeln oder hohen Steuer- und Abgabenlasten waren die Unternehmen bereits stark in die Pflicht genommen.

Heute sind die Unternehmen damit nicht mehr aus dem Schneider. Die Deutschen sind sensibler geworden. Gesellschaftliche Verantwortung sei heute mehr denn je gefragt, sagt der amtierende Wirtschaftsrat-Präsident Kurt Lauk und mahnt: Alle Unternehmer und Manager, die sich über das Managen ihrer Unternehmen hinaus nicht engagieren, „arbeiten den link Gegnern der sozialen Marktwirtschaft in die Hand“.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%