Abitur: Wenn die Note 1 nicht überall gleich viel wert ist

Abitur: Wenn die Note 1 nicht überall gleich viel wert ist

, aktualisiert 27. Juli 2016, 20:18 Uhr
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Ein erster Blick in die noch ganz frischen Statistiken für diesen Abitur-Jahrgang bestätigt: Die Ergebnisse werden im Schnitt fast überall seit Jahren immer besser.

Quelle:Handelsblatt Online

Thüringen ist viel klüger als Niedersachsen – jedenfalls wenn es nach dem Abiturschnitt geht. Doch Experten beklagen die Ungerechtigkeit der Hochschulreifetests. Das soll sich ändern.

BerlinThüringens Abiturienten waren schon vor zehn Jahren die besten, sie sind es auch 2016. Niedersachsen dagegen hält seit Ewigkeiten die Rote Laterne der Abi-Liga. Das Bundesländer-Ranking nach Notenschnitt und Einser-Prüfungen sorgt regelmäßig für Kopfschütteln über den deutschen Bildungsföderalismus. Und für Ärger über die oft beklagte Ungerechtigkeit der Hochschulreifetests – denn darum geht es – zwischen Flensburg und Passau, Aachen und Görlitz.

Immerhin: Nächstes Jahr wird die Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen etwas besser. Dann greifen alle 16 Länder erstmals auf einen gemeinsamen Aufgabenpool zu – wenn auch nur in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch.

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Für die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Claudia Bogedan, ist dies „ein zentraler Schritt für mehr Gerechtigkeit“. Denn dazu gehöre „auch die Möglichkeit, mit einem Abitur mobil zu sein innerhalb Deutschlands, den gewünschten Studienort und das gewünschte Studienfach wählen zu können“, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur.

Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbandes, hält den Aufgabenpool hingegen für viel zu klein, um wirklich von einer gewissen Abitur-Gleichwertigkeit zu sprechen. „Wenn man sich die rechnerische Bedeutung dieses gemeinsamen Prüfungsteils anschaut, dann ist die nur minimal“, sagte er. Für den Bildungsgewerkschafter wäre die Uneinheitlichkeit von Prüfungen und Noten halb so wild, „wenn es den Numerus Clausus für viele begehrte Studienfächer nicht gäbe. Aber bei der Vergabe der Studienplätze wird eben nicht unterschieden, ob eine Abi-Note aus Niedersachsen stammt oder aus Thüringen.“

Ein erster Blick in die noch ganz frischen Statistiken für diesen Abitur-Jahrgang bestätigt: Die Ergebnisse werden im Schnitt fast überall seit Jahren immer besser, die Quote der für ein NC-Studienfach angemessenen Abiturnoten mit einer Eins vor dem Komma wächst. Was konstant bleibt, ist die Ungleichheit von Land zu Land.

Am stärksten war nach den der dpa vorliegenden Abi-Daten der Sprung in Berlin – von einem Notenmittelwert 2,68 (2006) auf 2,40 (2016). Knapp dahinter Nordrhein-Westfalen, wo nach den bisher aktuellsten Zahlen für 2015 ein Schnitt von 2,41 ermittelt wurde (2006: 2,66). Klare Verbesserungen gab es auch in Brandenburg (in zehn Jahren von 2,48 auf 2,30) und Thüringen (von 2,33 auf 2,18). Nur ganz wenige Bundesländer, etwa Baden-Württemberg, schwammen mit verschlechtertem Abi-Schnitt gegen den Strom. Meidinger – selbst Leiter eines Gymnasiums in Bayern – kritisiert dies als „Wettlauf um die besten Noten“, die über eine Studierbefähigung nichts mehr aussagten.


Bei den Einser-Quoten sind die Unterschiede groß

Auch bei den Einser-Quoten sind die Unterschiede groß: Während in Thüringen vier von zehn Abiturienten eine Top-Note - mit entsprechend besseren Chancen im NC-Wettbewerb – erhalten, sind es nicht mal 20 Prozent in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. „Für ein sehr gutes Abitur muss man sich nach wie vor auf den Hosenboden setzen“, sagte Meidinger dazu. „Aber die zumindest zwölf der 16 Bundesländer umfassende ständige Verbesserung der Abiturnoten in den letzten 15 Jahren kann man damit nicht erklären.“

Dies habe etwas mit politischen Entscheidungen der Kultusministerien zu tun. Denn Zustimmung zu umstrittenen Entscheidungen wie etwa die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre (G8) „erkauft sich die Politik gerade am Gymnasium und beim Abitur, indem sie Notenberechnungs- und Prüfungssysteme aufweicht“, sagte Meidinger. Probleme vor allem mit Eltern bekämen Bildungsminister „immer dann, wenn mehr Qualität der Schulen mit schlechteren Noten verbunden ist“.

Die Länderminister reagieren teilweise pikiert auf die Vorwürfe. In Sachsen, wo sich der Abi-Schnitt innerhalb eines Jahrzehnts von 2,44 auf 2,29 verbesserte und die Traumnote 1,0 zuletzt von 167 Schülern (2006: 132) erreicht wurde, sagte Kultus-Ressortchefin Brunhild Kurth (CDU): „Wir messen uns nicht an der Quote der Spitzenzeugnisse, sondern an den Rückmeldungen von der Wirtschaft und den Universitäten - dort ist das sächsische Abitur anerkannt.“ Zudem lasse solche Kritik die tolle Arbeit der Lehrer völlig außer Acht.

KMK-Präsidentin Bogedan ahnt trotz der Bestrebungen für das einheitlichere Abitur, „dass uns diese Debatte erhalten bleiben wird“. Nun solle man die Länder aber erstmal ihre Erfahrungen machen lassen mit dem gemeinsamen Aufgabenpool ab 2017. „Dann sehen wir, ob wir noch weiter gehen können. Aber ich habe derzeit nicht die Fantasie, mir das eine Abitur oder die eine Aufgabe vorzustellen, die alle Schüler in Deutschland am gleichen Tag lösen müssen.“

Der Philologenverbands-Chef macht sich in der Gerechtigkeitsdebatte derweil einen Vorschlag zu eigen, wonach eine bundesweite Rangliste aller Abiturienten das Ziel sein müsse. Die Platzierung solle dann im Abi-Zeugnis stehen. „Dass ein Einser-Abitur in einem Bundesland oder Jahrgang leichter zu erreichen ist als in einem anderen, hätte dann auf die Studienzulassung keine Auswirkung mehr“, sagte Meidinger.

Eine Schülerin wie Antonia Arndt aus Berlin müsste sich dafür nicht im geringsten interessieren: Sie legte kürzlich ein 1,0-Abitur hin, und zwar mit der nahezu unfassbaren Maximalpunktzahl - 900 von 900.

Quelle:  Handelsblatt Online
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