"Absolute Mehrheit": AfD-Erfolg mit Schönheitsfehlern

ThemaParteien

"Absolute Mehrheit": AfD-Erfolg mit Schönheitsfehlern

Bild vergrößern

Bernd Lucke, Sprecher der Partei Alternative für Deutschland (AfD), erreichte beim Raab Polit-Talk 43 Prozent der Stimmen.

von Tim Rahmann

Bernd Lucke von der „Alternative für Deutschland“ warb in Raabs Polittalk geschickt um Stimmen. Seine Argumentation war oft schlüssig. Doch er offenbarte auch Schwächen.

Das Studio-Publikum hatte Bernd Lucke, Parteisprecher der „Alternative für Deutschland“, schon vor seinem ersten Redebeitrag in Raabs-Politiktalkshow „Absolute Mehrheit“ auf seiner Seite. Er bekam bei der Begrüßung den lautesten Applaus. Doch zu einem Heimspiel wurde die Debatte in Köln für den Wirtschaftsprofessor nicht.

Das lag zunächst weniger an dem Ökonomen, sondern an Gastgeber Stefan Raab, der fast die gesamte erste Stunde seiner Show nicht über den Euro, Inflation und Demokratieverständnis in der Europäischen Union diskutierte, sondern über die Steueraffäre um den Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß. Ein Thema, das schon vor Raabs Sendung 60 Minuten lang bei Günter Jauch in der ARD diskutiert wurde – mit ähnlich mauem Ergebnis. „Man darf Steuern nicht hinterziehen“, erklärte Florian Pronold, Landesvorsitzender der SPD in Bayern bei Raab. Ähnlich pauschal blieb Gregor Gysi („Wir müssen Gerechtigkeit herstellen“). Und Bernd Lucke? Der durfte sich erst nach einer guten Viertelstunde einmischen und forderte ein europäisches Vorgehen, um Steuersünder zu verfolgen.

Anzeige

„Absolute Mehrheit“

  • Absolute Mehrheit: Die Neuerfindung des Polittalks

    Im Wahljahr will Stefan Raab die politische Talkshow neu erfinden. Auf den ersten Blick wird „Absolute Mehrheit“ zwar wie eine konventionelle Runde von Politikern – doch durch ein paar spielerische und finanzielle Elemente setzt sich das Raab-Format weit von der Konkurrenz ab.

  • Mehr Wettbewerb

    Auch bei Raab sitzen Politiker, in der Regel vier aufstrebende, ergänzt durch einen politisch interessierten „Normalbürger“. Aber die Teilnehmer treten gegeneinander an – nach den beiden ersten Runden stimmen die Zuschauer ab, der jeweils letztplatzierte darf zwar weiterreden, scheidet aber aus der Wertung aus.

  • Mehr Geld

    Wer in der letzten Runde die absolute Mehrheit der Stimmen der Zuschauer erringt, gewinnt 100.000 Euro – in bar. Da diese Hürde relativ hoch ist, wurde der Gewinn in den ersten beiden Sendungen nicht ausgezahlt, damit liegt der Jackpot bereits bei 300.000 Euro.

  • Mehr Risiko

    Die Teilnehmer laufen also Gefahr, beim Votum der Zuschauer durchzufallen und sich unmittelbar zu blamieren. Die Politiker müssen volles Risiko fahren – und mit ihrer ganzen Persönlichkeit für sich kämpfen.

  • Mehr Themen

    Die Sendungen sind multithematisch. Nach zehn Minuten sei ohnehin alles gesagt, findet Stefan Raab, daher geht es so weit in die Tiefe, dass nur noch Experten mitkommen. Bei „Absolute Mehrheit“ gibt es daher immer drei Themen.

  • Kubickis große Show

    Die Auftaktsendung fand trotz der späten Sendezeit immerhin 1,8 Millionen Zuschauer, die vor allem Raabs Debüt sehen wollten. Zu den Themen Steuergerechtigkeit, Energiewende und Soziale Netzwerke traten Michael Fuchs (CDU) Thomas Oppermann (SPD) Wolfgang Kubicki (FDP) Jan van Aken (Linke) und die Unternehmerin Verena Delius gegeneinander an. Am Ende triumphierte Kubicki mit 42,6 Prozent.

  • Ladies Night

    Bei der zweiten Sendung schalteten nur noch 800.000 Zuschauer ein. Zur Ladies Night kamen Dorothee Bär (CSU), Yvonne Ploetz (Linke) Linda Teuteberg (FDP), Katja Dörner (Bündnis '90/Die Grünen) und der Musiker Olli Schulz. Es ging um die Frauenquote, die Tugendrepublik Deutschland und  den Mitwahnsinn. Es gewann erneut die FDP, mit 39,9 Prozent.

  • Sido gegen Buschkowsky

    In der dritten Sendung ging es um den Drogenkonsum der Jugend, das Wahlrecht ab 16 und die Managergehälter. Es diskutierten der Berliner  Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der Berliner Rapper Sido, Jens Spahn von der CDU, Caren Ley für die Linke und Boris Palmer für die Grünen. Rapper Sido gewann die Gunst der Zuschauer.

Erstaunlich, dass Lucke – dessen Partei ja nicht nur gegen die Gemeinschaftswährung, sondern auch gegen zu viel Zentralismus in Europa ist – hier also „Mehr Europa“, sprich: mehr Kompetenzen für Brüssel, fordert. Diese einheitliche Steuerpolitik, angelehnt an deutsche Interessen, solle nicht nur für die 27 Mitgliedsländer gelten, sondern nach Möglichkeiten auch Schweiz, Liechtenstein & Co. einfangen. Liechtenstein etwa sei schließlich Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum und mit ihnen „können man durchaus das Gespräch suchen.“

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel versuchte daraufhin, Lucke in die rechte Ecke zu schubsen. „Ihr Programm ist: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Die FDP, das zeigte schon eine parteiinterne Auswertung der Partei, weiß nicht so recht, wie sie auf die neue Partei reagieren soll. Die Liberalen sehen „kaum thematische Übereinstimmungen“. Dennoch sympathisieren fast ein Drittel der FDP-Anhänger mit der „Alternative für Deutschland“.

Die wichtigsten Köpfe in der AfD

  • Bernd Lucke

    Professor, Gründer des Plenums der Ökonomen

    Der 51-Jährige wurde bei Gründung der AfD ihr Sprecher. Der Vater von fünf Kindern lehrt Makroökonomie an der Universität Hamburg. Über 300 Wissenschaftler schlossen sich seinem „Plenum der Ökonomen“ an, das als Netzplattform Wirtschaft erklärt. Nach 33 Jahren trat Lucke Ende 2011 aus der CDU aus. Er trat als Spitzendkandidat der AfD für die Europawahlen an und wechselte im Sommer 2014 nach Brüssel.

  • Beatrix von Storch

    Anwältin, Gründerin der Zivilen Koalition

    Die Juristin, die zunächst 2012 Mitglied der FDP war, ist seit 2013 Mitglied der AfD. Sie wird dem rechtskonservativen Flügel der Partei zugerechnet. Sie engagiert sich neben der Euro-Rettung vor allem für eine christlich-konservative Familienpolitik. Am 25. Januar 2014 wurde von Storch vom Bundesparteitag der AfD in Aschaffenburg mit 142 von 282 Stimmen auf Platz vier der Liste zur Europawahl gewählt - und zog anschließend ins Europaparlament ein.

  • Joachim Starbatty

    Emeritierter Professor für Volkswirtschaft

    Im Kampf gegen den Euro hat er die größte Erfahrung: 1998 klagte er gegen dessen Einführung vor dem Bundesverfassungsgericht, 2011 gegen die Rettungsmaßnahmen. Der 72-Jährige, einst Assistent von Alfred Müller-Armack, führt den wissenschaftlichen Beirat der AfD – so etwas hat keine andere Partei.

  • Frauke Petry

    Promovierte Chemikerin und Unternehmerin

    Nach dem Studium gründete die Mutter von vier Kindern 2007 ihr eigenes Chemieunternehmen Purinvent in Leipzig – mit dem Patent auf ein umweltfreundliches Dichtmittel für Reifen. Sie fürchtet, ihre demokratischen Ideale würden „auf einem ideologisierten EU-Altar geopfert“. Seit 2013 ist sie eine von drei Parteisprechern und Vorsitzende der AfD Sachsen

  • Konrad Adam

    Journalist, Publizist, Altsprachler und Historiker

    Bei den bürgerlichen Blättern – 21 Jahre im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen“, sieben Jahre als politischer Chefkorrespondent der „Welt“ – erwarb er sich den Ruf als konservativer Vordenker. Sozial-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik sind auch im Sprecheramt der AfD seine Schwerpunkte.

  • Alexander Gauland

    Beamter, Politiker, Herausgeber, Publizist

    Der promovierte Jurist leitete die hessische Staatskanzlei unter CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann. Dann Geschäftsführer und Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam. Führte die brandenburgische AfD bei den Landtagswahlen zu einem überraschend starken Ergebnis und führt nun die Fraktion im Landtag an.

Abgelenkt durch seinen plumpen Versuch, die AfD in die rechte Ecke zu stellen, verpasste Niebel eine Steilvorlage. Denn die Liberalen, einst angetreten, um die Bürgerrechte zu verteidigen, hätten bei Raab die Möglichkeit gehabt, sich abzugrenzen. Die Vertreter von Linkspartei, SPD und auch der AfD sprachen sich für den Kauf von Steuer-CDs aus. Hehlerware, mit dessen Kauf der Staat ähnlich moralisch und juristisch fragwürdig handelt, wie Steuersünder wie Uli Hoeneß. Lucke wird froh gewesen sein, hier nicht mit unangenehmen Nachfragen konfrontiert worden zu sein.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%