Ärzte: Angst vor dem Praxensterben

Ärzte: Angst vor dem Praxensterben

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Unbenutzte Betten in einem Klinikum

Der Trend geht zum Medizinischen Versorgungszentrum, alles unter einem Dach. Doch niedergelassene Ärzte fürchten die Konkurrenz.

Als die Kölnerin Swantje Heinemeier neulich Schmerzen im linken Knie hatte, überwies ihr Hausarzt sie zum Orthopäden. Sie rief in mehreren Praxen an – „frühestens in 14 Tagen“, hieß es am Telefon, oder „wir sind leider völlig überlaufen“. Bis ein Kollege ihr den Tipp gab: „Versuch es doch mal im Atrio-Med.“ So landete die 37-Jährige in einem schicken neuen Glasbau am Kölner Mediapark, innen die Fußböden in Holzoptik, im Wartezimmer Kaffeemaschine, Kekse und Internet-Zugang. „Da lief alles wie am Schnürchen“, erzählt Heinemeier begeistert. „Zum Essen bin ich gar nicht gekommen, weil ich gleich dran war.“

Das Atrio-Med ist ein MVZ, wie das Kürzel für Medizinische Versorgungszentren heißt. Die Idee: Mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen praktizieren im selben Haus, teilen sich teure medizinische Geräte, ersparen ihren Patienten die Wege von einer Praxis zur anderen, setzen bewusst auf Effizienz und Kundenfreundlichkeit. Das Atrio-Med etwa hat unter der Woche bis 20 Uhr geöffnet, samstags bis 14 Uhr. Wartezeiten von unter einer halben Stunde werden garantiert. Träger solcher Zentren sind entweder die Ärzte selbst, kommunale oder private Krankenhäuser oder andere Investoren wie die Health Care Managers GmbH bei Atrio-Med. Ein Fünftel liegt in den Händen von Großinvestoren oder Privatkliniken.

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Deutschlandweit gibt es derzeit 1023 solcher Zentren. Anfang 2005 waren es 121 – der Trend geht steil nach oben. In der DDR waren solche Polikliniken gang und gäbe, doch mit dem Einigungsvertrag wurden sie 1990 abgeschafft – die westdeutsche Ärzteschaft sah in ihnen ein Überbleibsel des sozialistischen Kollektivismus. 2004 bestimmte dann aber die rot-grüne Bundesregierung, dass neue Zentren gegründet werden dürfen. „MVZ – das ist medizinische Versorgung aus einer Hand“, wirbt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Trend zur ganzheitlichen Versorgung

„Der Trend geht zur ganzheitlichen Versorgung“, glaubt auch Andreas Tecklenburg, Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Trennung von ambulant in der Praxis und stationär im Krankenhaus sei längst überkommen. Eine Studie von Ernst & Young bekräftigt, dass mittelfristig nur noch „360-Grad-Anbieter“ eine Chance haben, die von Prävention bis Wellness alles unter einem Dach anbieten.

Klingt gut und patientenfreundlich. Inzwischen aber wächst der Protest gegen diese Entwicklung unter Ärzten und Patienten. Initiativen wie „www.patient-informiert-sich.de“ werfen dem Gesundheitsministerium vor, es leiste einer „Kommerzialisierung“ des Gesundheitswesen Vorschub.

Der Grund für den Unmut: Die neuen Zentren mischen das über Jahrzehnte etablierte Gesundheitssystem – niedergelassene Ärzten hier, Krankenhäuser dort – kräftig auf. Einige Ärzte und Patienten sind besonders misstrauisch, weil immer mehr private Krankenhauskonzerne Versorgungszentren gründen – Rhönkliniken, Sana, Asklepios und die Fresenius-Tochter Helios. Sie kaufen Praxen niedergelassener Ärzte auf, übernehmen diese als Angestellte – für Gehälter zwischen 70.000 und 100.000 Euro.

Die Krankenhausketten profitieren dabei von der schlechten Grundstimmung bei den Niedergelassenen: Über ausufernde Bürokratie klagen die Mediziner, über sinkende Einnahmen und wenig Zeit für die Patienten. Wen wundert es da, dass sich vor allem junge Ärzte lieber in die sichere Festanstellung begeben – auch wenn der Verdienst geringer ausfällt als das, was eine durchschnittliche Praxis abwirft. „Die Vorteile liegen auf der Hand: keine hohen Schulden, bessere Arbeitszeiten“, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Und gerade im strukturschwachen Osten lohnen für Mediziner Investitionen nicht mehr.

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