Ärzte im Ausstand: Klage auf hohem Niveau

Ärzte im Ausstand: Klage auf hohem Niveau

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Vielleicht wird Dank der Genentschlüsselung der Besuch beim Zahnarzt eines Tages ohne Folgen bleiben.

Zahnärzte wollen Versicherte bestimmter Kassen erst wieder im kommenden Jahr behandeln. Dazu sind sie als Vertragspartner der gesetzlichen Kassen aber verpflichtet. Außerdem ignorieren die Funktionäre der Mediziner hartnäckig, wie sehr diese sonst die Nachfrage der Patienten auch befördern können.

Immer mal wieder kommt so eine Drohung, diesmal waren es die Zahnärzte. Sie wollen Versicherte bestimmter Kassen bis zum Jahresende nur noch in Notfällen behandeln, andere Termine ins kommende Jahr schieben. Auch andere Mediziner kündigen schon mal einen Streik gegen die ihrer Meinung nach zu niedrigen Honorare an.

Oft haben die Weißkittel vor Ort die Sympathie der Patienten auf Ihrer Seite. Das wirkt dieses Mal anders. Zu eindeutig scheint es eine Klage auf hohem Niveau zu sein.

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Höchste Zeit einiges gerade zu rücken. Viele Ärzte haben vor allem das Wohl ihrer Patienten im Blick. Und viele Versicherte begeben sich nur ins Wartezimmer, wenn sie sich selbst nicht mehr kurieren können. Im Gesundheitswesen beeinflussen aber auch teils widersinnige Anreize, wer sich wann behandeln lässt – oder eben nicht.

Anders als auf anderen Märkten können die Anbieter die Nachfrage stark beeinflussen. Die Versicherten lassen sich oft darauf ein, wenn der Arzt zu weiterer Behandlung rät – schließlich können sie schwer beurteilen, was geboten und was eher wünschenswert ist. Deutschlands Gesundheitssystem gilt unter den Industrieländern in der OECD als das, in dem besonders viel Aufwand in die Diagnose gesteckt wird. Sogar Standesvertreter meckern schon mal, dass Ärzte hier zu Lande mit Untersuchungskanonen auf Krankheitsspatzen schießen.

Zumindest für gesetzlich Versicherte macht es meist finanziell keinen Unterschied, wie oft sie in einem Quartal in der Praxis auftauchen und wie viel dort mit ihnen gemacht wird. Einige fühlen sich sogar besser, weil mehr behandelt.

Deshalb gibt es zwar Mangel, es herrscht aber auch viel Überfluss im deutschen Gesundheitswesen. Und deshalb klingen viele Klagen etwas merkwürdig.

Weltmeister im Wartezimmer

Andere Sozialsysteme versuchen, Versicherte von den Ärzten fernzuhalten, mal durch „Eintrittspreise“ bei jedem Arztbesuch, mal durch eine Belohnung fürs Gesund bleiben. Die Deutschen sind Wartezimmer-Weltmeister. Sie gingen 2008 im Schnitt 18 Mal zum Arzt. Das ist doppelt so oft wie in vergleichbaren europäischen Ländern, ohne dass die Menschen dort erkennbar kränker oder gesünder wären.

Anders als in staatlichen Gesundheitssystemen mit angestellten Ärzten haben deutsche Freiberufler auch ein Interesse, ihr wirtschaftliches Auskommen durch angemessenes Einkommen abzusichern. Das hat auch Vorteile: Bei uns gibt es kurze Wartezeiten und gesetzlich Versicherte wissen, zu welchem Arzt sie gelangen – sie vertrauen ihm entsprechend.

Es sind aber nicht nur medizinische Gründe, die gesetzlich Versicherte am Praxistresen auftauchen lassen oder die sie etwa durch langfristige Terminvergabe davon abhalten. Am vollsten sind die Behandlungszimmer immer am ersten Montag im April eines Jahres oder am ersten Montag im Oktober eines Jahres. Dieser Run ist seit Jahren unverändert, das zeigen Auswertungen der Barmer GEK. Im April beginnt das zweite, im Oktober das vierte Quartal des Jahres. Immer dann ist die Praxisgebühr von zehn Euro fällig, die für drei Monate reicht. Dann können Patienten sich neue Überweisungsscheine für andere Praxen holen und  tun das auch häufig. Die Praxisgebühr hat eher nicht die Zahl der Arztbesuche gesenkt, aber dafür gesorgt, dass Versicherte gezielter und womöglich häufiger zum Arzt gehen – wenn schon mal bezahlt ist.

Das Verhalten von Praxismedizinern und Patienten führt zu einem weiteren Phänomen. Wir haben mehr Ärzte je Einwohner als die meisten Industrieländer und diese klagen dennoch, sie seien überlastet. Beispiel Allgemeinmediziner: Anderthalb von ihnen versorgen statistisch gesehen 1000 Menschen, im Schnitt der OECD-Staaten sind es nur 0,9 pro 1000 Einwohner. Dennoch sieht der durchschnittliche deutsche Praxismediziner etwa 243 Patienten pro Woche, für die er jeweils etwa acht Minuten Zeit hat. In vergleichbaren Ländern finden die Kollegen zwischen elf und 19 Minuten Zeit. Sie betreuen ihre Schar seltener aber länger.

Weniger könnte auch bei uns mehr bedeuten für Personal und Patienten.

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