AfD-Landesparteitag: Warum wir geblieben sind

KommentarAfD-Landesparteitag: Warum wir geblieben sind

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Bernd Lucke stellte auf dem AfD-Landesparteitag in Hessen den Antrag, den Tagesordnungspunkt „Aussprache über die Vorgänge der letzten Wochen“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu absolvieren. Wir sind geblieben. Der Schutz von unerfahrenen Mitgliedern, der als Grund für den Presse-Rauswurf genannt wurde, hat uns nicht überzeugt.

von Tim Rahmann

Unser Bericht über den AfD-Landesparteitag schlägt hohe Wellen. Trotz Presse-Rauswurf sind wir geblieben. Bernd Lucke kritisiert die WirtschaftsWoche in einer internen Mail – zu Unrecht, wie wir finden.

Wer über die AfD schreibt, der muss mit zahlreichen Kommentaren rechnen. Das ist bei der WirtschaftsWoche nicht anders, als bei anderen großen Medien wie dem Handelsblatt, der Welt oder dem Focus. So war uns klar, dass die Berichterstattung über den Landesparteitag der AfD in Hessen kontrovers diskutiert wird – erst recht, weil wir als einziges Medium den Rauswurf der Journalisten am Nachmittag nicht Folge leisteten.

Neben Beleidigungen („feige Sau, „armseliges Würstchen“, „A….“), die indiskutabel sind und hier nicht weiter thematisiert werden sollen, gab es empörte Leser, die uns mehr oder weniger sachlich fragten, ob wir nicht aus Anstand den Saal hätten verlassen sollen. „Sie haben sich über den Wunsch der Parteitagsmehrheit hinweggesetzt und sich unter den Mitgliedern versteckt. Und brüsten sich jetzt noch mit Ihrem Verhalten. Welch' schlichtes Gemüt. Ich kann nur hoffen, dass Ihr Demokratieverständnis und Verhalten nicht in der WiWo-Redaktion geteilt wird“, schrieb mir etwa Leser „Avanti Dilettanti“ per eMail. „Nur eine Frage? Finden Sie Ihr Verhalten nicht den Saal zu verlassen, fair?“, fragte Willi K.

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Auch AfD-Bundessprecher Bernd Lucke argumentiert ähnlich. In einer internen Mail an die „lieben Mitglieder und Förderer der Alternative für Deutschland“, schreibt er: „Ein Journalist ist übrigens trotzdem im Saal geblieben und brüstet sich heute hier im Internet damit (Mail von Sonntagabend, Anm. der Red.) , dass er gegen ein elementares Gebot der Fairness verstoßen hat.“

Hier entsteht der Eindruck, wir hätten erst weit nach dem Parteitag über unsere Berichterstattung Zeugnis abgelegt. Das ist so nicht richtig. Wir haben nicht erst nach der Veranstaltung im Internet berichtet, sondern fortwährend, am Samstagnachmittag, per Twitter von der Aussprache berichtet. Selbst AfD-Twitteraccounts haben ihren Lesern empfohlen, uns zu folgen. Versteckt, haben wir uns keinesfalls.

Landesparteitag in Hessen Die AfD redet Tacheles

Nazi-Vorwürfe, falsche Doktortitel und Amtsenthebungen: Nach dem Chaos bei der AfD-Hessen gab es auf dem Parteitag eine Aussprache. Die anwesenden Medienvertreter wurden rausgeworfen. Doch nicht alle verließen den Saal.

Quelle: dpa/Montage

Aber zurück zur Kernfrage: Sind wir wirklich einen Schritt zu weit gegangen? Hätten wir den Saal verlassen sollen? Waren wir unfair? Auch heute finden wir: nein.

Zum Hintergrund: Ich habe mich für die Veranstaltung offiziell als Pressevertreter angemeldet. Bei der Anmeldung gab es keinen Hinweis darauf, dass Journalisten bei dem Tagespunkt „Aussprache über die Vorgänge der letzten Wochen“ nicht gewünscht sind. Fair wäre es gewesen, hier drauf hinzuweisen, dass dieser Punkt unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert wird. Dann aber wäre ein Großteil der Journalisten wohl gar nicht in die hessische Provinz gereist. Das wollte die AfD, deren Mitglieder sich vor Ort bei den Pressevertretern über „zu wenig Aufmerksamkeit“ beschwerten, aber offenbar nicht riskieren.

So stellte Bernd Lucke kurzfristig den Antrag, die Journalisten ausschließen lassen zu wollen. Immerhin: Eine Viertelstunde vorab, informierte ein AfD-Mitglied die Medienvertreter, dass sie gleich wohl gehen müssten, „da man nicht wisse, was gleich so gesagt werde“.

Anders als Lucke offiziell erklärte, ging es der AfD also nicht um den Schutz von Mitgliedern, die „ungeübt am Mikrofon“ seien und vielleicht nicht „ihren Namen in der Zeitung lesen möchten“. Der „Alternative“ ging es darum, unliebsame, kritische Presse zu verhindern.

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Für den Schutz vor ungeübten Gesprächspartnern brauchen die Bürger nicht Bernd Lucke, wie er behauptet. Die Medien kennen ihre Verantwortung und schützen tagtäglich Menschen vor sich selbst. Wer ungeübt im Umgang mit der Presse ist, muss bei der WirtschaftsWoche und anderen Qualitätsmedien keine Angst haben, bloßgestellt zu werden. Zitate, bei denen wir Schaden für unbescholtene Bürger fürchten, veröffentlichen wir nicht – auch wenn diese autorisiert sind.

So geschehen auch beim AfD-Landesparteitag in Hessen. Kein Parteimitglied, das sich in der Aussprache geäußert hat, wurde bei uns namentlich erwähnt. Keinem ist Schaden zugefügt worden. Wir haben objektiv und transparent berichtet – wie es Aufgabe der Presse ist. Schließlich stellt sich die Partei öffentlichen Wahlen. Die Bürger haben ein Recht zu erfahren, wen Sie wählen.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Alle Tweets von Tim Rahmann vom Parteitag der AfD in Hessen können hier nachgelesen werden.

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42 Kommentare zu AfD-Landesparteitag: Warum wir geblieben sind

  • Die Medien kennen ihre Verantwortung? Soll das ein Witz sein? Formate wie die heute-Show haben keinerlei Hemmungen, auch einfache Parteimitglieder vor der ganzen Nation lächerlich zu machen, ohne Rücksicht darauf, welche Konsequenzen das vielleicht für diese Menschen hat. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die nächste Ausgabe dieser sog. "Satiresendung" ausgesehen hätte, hätte bei dieser Aussprache gefilmt werden dürfen. Der Ausschluss diente dem Schutz der Mitglieder vor Medienprangern, ob Sie das nun wahrhaben wollen oder nicht.
    Und kritische Berichterstattung und Informationsauftrag, dass ich nicht lache. Die sinnentstellende Wiedergabe der Äußerungen in Sachen Hitzlberger fällt mE unter Desinformation.

  • Trotz Aufforderung den Saal nicht zu Verlassen ist Hausfriedensbruch und strafbar. Sich mit strafbarem Verhalten zu brüsten ist schlechter Journalismus und - dumm. Und einen journalistischen Mehrwert hatte das Sitzenbleiben auch nicht. Wan fangen die Journalisten endlich an, sich gegenüber der AfD fair und demokratisch zu verhalten?

  • Sie sind geblieben und haben nichts von Interesse berichtet.
    War es das wert?
    Dumm und für Sie künftig auch gelaufen!

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