Alle Bundesländer im Test: Das neue Deutschland

Alle Bundesländer im Test: Das neue Deutschland

Bild vergrößern

Baukräne der Hafencity in Hamburg im Sonnenuntergang

Wo herrscht die stärkste Dynamik? Wo gibt es die meisten Jobs, den größten Wohlstand, die besten Zukunftsperspektiven? Das große Bundesländer-Ranking der WirtschaftsWoche analysiert die Stärken und Schwächen aller 16 Bundesländer – mit überraschenden Ergebnissen.

Dass sich erfolgsverwöhnte Bayern Rat bei einem Norddeutschen holen, ist eher nicht die Regel. Doch vor wenigen Monaten, die bayrischen Kommunalwahlen standen vor der Tür, erhielt der Hamburger Stadtentwicklungssenator Axel Gedaschko eine Einladung aus dem Süden. Die CSU bat den 48-Jährigen nach München, um sich das Hamburger Leitbild der „Wachsenden Stadt“ erläutern zu lassen. Mit diesem Konzept, das die Entwicklung der Wirtschaft, der Innovationsfähigkeit und des Städtebaus unter einen Hut bringen soll, treibt die Nord-Metropole seit einiger Zeit ihre Entwicklung voran. Das hat die Bayern offensichtlich beeindruckt.

Mittlerweile hat Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) Gedaschko zum Senator für Wirtschaft und Arbeit in der neuen schwarz-grünen Landesregierung gemacht – und in dieser Funktion könnte er bald häufiger von Amtskollegen im Rest der Republik um Rat gebeten werden. Denn in keinem anderem Bundesland ist die wirtschaftliche Dynamik derzeit so stark wie im Stadtstaat an der Elbe. Dies zeigt das große Bundesländer-Ranking von WirtschaftWoche, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und der IW Consult GmbH. Im sogenannten Dynamikranking, das die Veränderungsraten wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren bewertet, verdrängte Hamburg Baden-Württemberg vom ersten Platz. Auf Platz zwei schob sich überraschend Mecklenburg-Vorpommern, das – obgleich ein industrieller Zwerg mit immensen Strukturproblemen – in einigen Bereichen eine erstaunliche Entwicklung zeigt. Aufs Dynamik-Siegertreppchen schafften es als Dritte auch die Bayern, die zudem im sogenannten Niveauranking, das die absolute Wirtschaftskraft misst, den Spitzenplatz belegen.

Anzeige

Warum aber holt Hamburg so rasant auf? „Es ist vor allem ein exzellenter Mix aus Old und New Economy“, sagt IW-Consult-Geschäftsführer Karl Lichtblau, wissenschaftlicher Leiter der Studie. „Hamburg hat es verstanden, harte und weiche Standortfaktoren gleichermaßen zu pflegen. So geht eine wirtschaftsfreundliche Ansiedlungspolitik mit hoher Lebensqualität einher.“ Genau darauf zielte das 2002 initiierte und anfangs vielerorts belächelte Leitbild der „Wachsenden Stadt“ ab. Diese Gesamtstrategie versteht unter Wachstum ausdrücklich mehr als Höhenflüge des Bruttoinlandsprodukts. Gedaschko: „Um Talente anzulocken, muss eine Stadt auch das Lebensumfeld der Menschen verbessern.“ Der Hansestadt ist das gelungen. Während sich manche Bundesländer vor allem im Osten geradezu entvölkern, wächst Hamburg kräftig: Die Einwohnerzahl liegt mit rund 1,73 Millionen auf dem höchsten Stand seit 1974. Vor allem hoch Qualifizierte und Kreative zieht es an Alster und Elbe, angelockt nicht zuletzt durch ambitionierte Prestigeprojekte wie die „HafenCity“, die derzeit größte innerstädtische Baustelle Europas. Auf einer Fläche von 155 Hektar entsteht mitten im Zentrum ein neuer Stadtteil am Wasser, mit Parks, Promenaden, Büros, Wohnungen und einer spektakulären Konzerthalle, der Elbphilharmonie. 12.000 Menschen sollen rund um Dalmannkai und Sandtorhafen leben – und 40.000 arbeiten.

Hamburg wächst

* Zahlen gerundet; Quellen: VGR der Länder

Einen guten Teil seines Aufschwungs verdankt Hamburg der Globalisierung: Der wachsende Welthandel beschert dem Hafen einen Rekord nach dem anderen und lässt ihn aus allen Nähten platzen. 2008 dürfte beim Containerumschlag erstmals die Zehn-Millionen-Grenze geknackt werden. Bis 2015 will der Stadtstaat knapp drei Milliarden Euro in den Hafenausbau investieren und die Umschlagskapazität auf 18 Millionen Container hochschrauben. Das ist auch nötig: „Wir werden als Logistikdrehscheibe weiter stark an Bedeutung gewinnen“, erwartet Wirtschaftssenator Gedaschko. Im China-Geschäft etwa hätten die Hamburger ihren europäischen Konkurrenten Rotterdam bereits überholt. Jetzt wollen sie Rotterdam „auch im Gesamtumschlag den Rang ablaufen“.

Auch die Industrie wird gepflegt. Im August 2007 unterzeichneten Handelskammer, Industrieverband und Regierung einen „Masterplan Industrie“. Darin wurden Leitlinien für Infrastruktur, Flächen-manage-ment, Technologieförderung, Bürokratieabbau und Umweltschutz festgezurrt. Unter anderem will die Landesregierung dafür sorgen, dass ab 2009 ständig rund 100 Hektar Gewerbe- und Industrieflächen für Ansiedlungen zur Verfügung stehen. Auch beim Bürokratieabbau geht es voran: In einer Umfrage bei bundesweit 2500 Unternehmen, die die IW Consult für die WirtschaftsWoche durchgeführt hat, erhielt kein Land so gute Noten für die Wirtschaftsnähe seiner Verwaltung wie Hamburg.

Doch bei all den hochfliegenden Plänen, die Hamburger Politiker antreiben, gibt es nun eine große Unbekannte – die seit Mai mitregierenden Grünen. „Es wird unter Schwarz-Grün keine Brüche in der Wirtschaftspolitik geben“, verspricht Gedaschko zwar. In der Tat haben die in der Hansestadt eher pragmatisch orientierten Grünen zum Beispiel der für die Hafenwirtschaft wichtigen Elbvertiefung zugestimmt. Gleichwohl sind Zweifel angebracht, ob eine allzu wirtschaftsfreundliche Strategie nicht schon bald zu massiven Konflikten in der bundesweit ersten schwarz-grünen Koalition führen könnte. So schwelt der Streit um das geplante und von den Grünen bekämpfte Steinkohlekraftwerk Moorburg weiter; hier hat sich die Koalition vor einer klaren Festlegung gedrückt. Unmut in der Wirtschaft löst zudem der Entwurf für einen „Wärmelastplan“ der Länder Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein aus. Dieser sieht vor, dass Industriebetriebe künftig die Temperatur von aus der Elbe entnommenem Kühlwasser von 35 auf 28 Grad herunterkühlen müssen. Laut Industrie wäre dies extrem teuer und in manchen Fällen technisch gar nicht möglich. „Es ist fast so, als hätte es alle Gespräche über Umweltpartnerschaft und Masterplan Industrie nicht gegeben“, schimpft Frank Horch, Präses der Handelskammer.

Hinzu kommen auch einige strukturelle Schwachpunkte des Standorts. Bei den Gewerbesteuerhebesätzen ist Hamburg Spitze. Nirgendwo in der Republik sind die Mieten und Baulandpreise so hoch. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis für Bauland liegt fast 17-mal höher als in Thüringen. Auch die hohe Kriminalität belastet die Lebensqualität: Auf 100.000 Einwohner kommen in Hamburg rund 13.500 Straftaten – der bundesweit drittschlechteste Wert. Ökonom Lichtblau: „Hamburg sollte sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.“

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%